Kleine Männer, was macht eure Größe mit euch?

Hetero-Frauen bevorzugen große Männer, heißt es. Wie bekommen das kleinere Männer beim Dating zu spüren – und wie gehen sie damit um?
Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

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Liebe Männer,

mit 14 war ich verknallt. Er war 16, cool, witzig, hatte einen gepimpten Roller – und war mindestens einen Kopf kleiner als ich. Nachdem wir endlich geknutscht hatten, fragten mich meine Freundinnen, ob es nicht komisch gewesen wäre, einen kleineren Jungen zu küssen. Und ehrlich gesagt: Ja, es kam mir damals ein bisschen komisch vor. 

Denn als normal gilt: Der Mann ist groß. Größer als die Frauen in seinem Leben. Studien haben nachgewiesen, dass Hetero-Frauen größere Männer als Partner bevorzugen. Die Forschenden erklären das damit, dass Frauen sich von großen Männern besser beschützt fühlen würden. Außerdem werde körperliche Größe wohl als ein Zeichen für Gesundheit, guten Genpool und Status verstanden. Und auch heute, wo Frauen die gleichen Jobs haben wie Männer, wir schon lange nicht mehr sammeln und jagen müssen und auch keine Beschützer brauchen, hält sich diese Vorstellung offenbar hartnäckig. Das sieht man auf Tinder. Da geben nämlich die meisten Männer ihre Körpergröße schon direkt im Profil an, neben Name und Alter.

Meistens ergibt sich das mit der Größe von alleine: Durchschnittlich sind Männer in Deutschland nämlich 1,80 groß, Frauen werden durchschnittlich nur etwa 1,65. Trotzdem gibt es natürlich große Frauen (wie mich). Und es gibt kleine Männer (wie meinen Schwarm).

Das Idealbild eines Mannes ist insgesamt auch heute noch: Groß und stark

An dieser Stelle möchte ich gerne auch kurz mal die heterosexuellen Paare feiern, bei denen die Größenverhältnisse anders verteilt sind. Die Influencerin Zanna van Dijk zum Beispiel, die immer wieder erklären muss, dass ihr die Größe ihres Partners sehr egal ist. Oder einen meiner besten Freunde, der seit Jahren mit einer Frau zusammen ist, die ihn auch barfuß um mehr als einen Kopf überragt und gerne hohe Schuhe trägt. Aber das sind eben echte Einzelfälle. 

Das Idealbild eines Mannes ist insgesamt auch heute noch: Groß und stark. Und es geht dabei nicht nur ums Größer-als-Frauen-sein: Kleinen Männern wird ein schwieriger Charakter nachgesagt. Es heißt, sie hätten Probleme mit dem Selbstbewusstsein (tiny man syndrom) und dass sie das kompensieren, indem sie besonders gemein und machohaft auftreten. 

Stimmen die Vorurteile denn? Was macht das mit euch, wenn ihr klein seid? Oder zumindest: Kleiner als viele Frauen? Woran merkt ihr das im Alltag – auch außerhalb des Datens, also zum Beispiel im Job? Gibt es unangenehme Situationen vor hohen Supermarktregalen? Und: Habt ihr schon mal eine größere Frau gedatet? 

Eure Frauen

Die Antwort:

Liebe Frauen,

als ich gefragt wurde, ob ich diese Frage beantworten kann, hab ich innerlich erstmal ein paar Flüche vor mich hingegrantelt und mürrisch mit meinen Stummelbeinchen aufgestampft. Ich schaffe es nämlich mit 171 cm gerade noch so, die meiste Zeit zu verdrängen, dass man mich als „kleinen Mann“ bezeichnen könnte und reagiere umso verstimmter, wenn man mich mal daran erinnert. Verfluchtes Schicksal! Hätte sich damals nicht wenigstens ein Spermium mit 176er-Genen durchsetzen können? Aber nein, irgendwie hat sich der kleine, garstige Monsieur 171 vorbeigewuselt. Naja. Ist jetzt halt so. 

Soviel dazu, „was es mit uns macht“, klein zu sein: Es macht uns nicht unbedingt überglücklich. 

Dabei habe ich noch den Vorteil, größer als oder gleich groß wie die meisten Frauen zu sein. Und trotzdem war meine romantische Entwicklung immer auch geprägt von meiner Größe. Und damit von einem Gefühl der Machtlosigkeit. Zuzuschauen, wie große Freunde dank steinzeitlicher Attraktivitätsschemata einfach nur dumm rumstehen mussten, um angehimmelt zu werden, während ich selbst wie ein trauriger Clown mit Koffeinüberdosis um Frauen herumgetanzt bin für ein Fünkchen Aufmerksamkeit – sowas kann einen schon zum Zyniker werden lassen. Oder aber zum überkompensierenden tiny-man-Macho, keine Frage. 

Es kann aber auch zu durchaus positiven Adaptionsmustern führen, wenn man als kleiner Mann gezwungen ist, seine Größe zum Beispiel mit Humor, Empathie oder Waldhorn-Skills auszugleichen und es in diesen Bereichen dann zu einer Meisterschaft bringt, die große Männer vielleicht einfach nie nötig hatten, um irgendjemanden zu beeindrucken.

Deine fehlenden Zentimeter sitzen dir immer auf der Schulter und zischen dir ins Ohr: „Keiner nimmt dich ernst!“

Und um zu wissen, dass Frauen tatsächlich große Männer wollen und das Ganze nicht nur in unserem Kopf stattfindet, dazu brauchen kleine Männer übrigens auch keine wissenschaftlichen Studien. Sie bekommen das seit dem Beginn ihrer Geschlechtsreife einfach regelmäßig ins Gesicht gesagt: „Sorry, aber du weißt schon, dass du klein bist?“ Und diese Tinder-Männer mit ihren Größenangaben haben ihr Pendant übrigens in Frauen, die Dinge schreiben wie „Bitte niemand unter 180“.

Aber ja, es geht dabei nicht nur um die Partnersuche. Vom Sportunterricht über Diskussionsrunden bis zu Vorstellungsgesprächen: Deine fehlenden Zentimeter sitzen dir immer auf der Schulter und zischen dir ins Ohr: „Keiner nimmt dich ernst! Wahrscheinlich bemerken sie dich noch nicht mal! Alles, was jetzt noch hilft ist, irgendjemanden umzugrätschen, irgendeine provokante Behauptung rauszuplärren oder dich selbst in den Himmel zu loben!“ 

Es hat bei mir lange gedauert, bis ich mit meiner Größe einigermaßen ins Reine gekommen bin. Meine ganze Jugend über bis in die frühen Zwanziger hab ich an ihr genagt. Und hatte noch nichtmal die (metaphorische) Größe, Menschen, die kleiner waren als ich, nicht genauso zu behandeln wie ich glaubte, behandelt zu werden. Mittlerweile denke ich wirklich selten an meine 1,71. Vielleicht ist es Reife. Vielleicht hab ich aber einfach auch genug kompensiert. 

 

Apropos: Ja, ich hatte auch schon was mit größeren Frauen. Wirklich gebraucht hätte ich das aber wahrscheinlich damals mit 16. Wenn ich nur das mit dem gepimpten Roller gewusst hätte.

 

Eure unter-180-Männer

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