Unpünktliche Menschen, wieso seid ihr immer zu spät dran?

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

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Liebe Zuspätkommende, 

vor ein paar Tagen musste ich mir zähneknirschend eingestehen, dass auch ich das deutsche Wutbürger-Gen in mir trage. 

Ich hatte mich abends mit einer Freundin verabredet, weil wir zusammen in eine Bar gehen wollten. Pünktlich stand ich um 19 Uhr an unserem abgesprochenen Treffpunkt. Von meiner Freundin noch keine Spur. Weil sie öfter ein paar Minuten zu spät kommt, dachte ich mir anfangs nichts. Ich zündete mir eine Zigarette an und wippte auf meinen Zehen vor und zurück. Meine Laune? Eigentlich ziemlich gut. 

Nach fünfzehn Minuten sah ich genervt auf mein Handy. Keine Nachricht. Und noch immer keine Freundin. Ich schüttelte seufzend den Kopf. Meine Hände wurden langsam steif vor Kälte, meine Mütze zog ich tiefer in mein Gesicht. Meine Laune: mäßig. 

Um 19:25 Uhr und nach zwei erfolglosen Anrufen wurde ich wütend. Mir war kalt, ich stand blöd in der Gegend rum und es fing an zu nieseln. Ich trat frustriert gegen den Bordstein. Dann eine Nachricht meiner Freundin auf meinem Handy: „Sorry, laufe gerade los, bin in zehn Minuten da!“ Ich blinzelte. Ernsthaft?  

Als meine Freundin schließlich auftauchte, war ich sehr genervt. Denn sie gab mir, wie so oft, wenn sie zu spät kommt, keinen plausiblen Grund für ihre Verspätung. Eine Entschuldigung hörte ich auch nicht. Sie verstand mein Problem gar nicht: „Warten, das ist doch kein Weltuntergang“, sagte sie mir. Mein Auge zuckte. Mein innerer Wutbürger tobte. Doch dann kam ich ins Zweifeln.

Sind Menschen, die immer zu spät kommen, einfach cooler und gelassener als der Rest?

Zuspätkommenden wird gerne zugeschrieben, sie seien faul, unorganisiert und respektlos. Aber stimmt das? Oder steckt da doch etwas ganz anderes dahinter? Bin ich zurecht sauer, wenn es jemand nie schafft, pünktlich zu sein? Denn ich gebe zu, was Pünktlichkeit betrifft, bin ich eine Fanatikerin. Obwohl ich – versprochen –, eigentlich ein sehr friedlicher Mensch bin. Mit dieser Ansicht bin ich nicht allein: Laut einer Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2015 ist für 90 Prozent der Befragten Pünktlichkeit unerlässlich – und damit sogar wichtiger als Sex. 

Hier und dort ein paar Minuten Verspätung sind für mich kein Problem. Aber ich selbst lasse andere Menschen ungern warten, weil ich es unhöflich finde. Vor einem Treffen sprinte ich lieber zur S-Bahn, als sie zu verpassen. Notfalls schminke ich mich auch unterwegs.

Warum also fällt euch Zuspätkommenden das Pünktlichsein so schwer? Seid ihr nicht gut darin, eure Zeit richtig einzuteilen? Ist das Klischee der deutschen Pünktlichkeit doch nicht mehr als das? Ein Klischee? Sind Menschen, die immer zu spät kommen, einfach cooler und gelassener als der Rest? Und wie findet ihr das, wenn ihr selbst mal warten müsst? Respektlos? Oder ist euch das egal, weil ihr es selbst nicht besser könnt? 

Eure pünktlichen Menschen 

Die Antwort: 

Liebe pünktliche Menschen,

zunächst einmal möchte ich eine Gegenfrage stellen: Stets pünktlich sein – wie macht ihr das? Ich muss gestehen, ihr habt meinen tiefsten Respekt. Ihr scheint dem Chaos des Lebens mit eurer Planung erfolgreich die Stirn zu bieten. Es ist mir ein Rätsel, wie ihr das auf die Reihe bekommt. 

Zuspätkommende sind faul, unorganisiert und respektlos? Faul und respektlos würde ich uns nicht nennen. Aber unorganisiert sind wir auf jeden Fall. Sorgfältige Planung und klare Struktur sucht man in meinem Alltag vergebens. Das ist aber für mich persönlich kein Problem. Schnell noch mit meinem Mitbewohner einen Kaffee trinken gehen, eine ungeplante Runde Tischtennis im Park? Da bin ich sofort dabei. Doch wenn sich diese Extra-Aktivitäten in meinen Tagesplan schleichen, wird mein Time-Management eng. Statt mir genau zu überlegen, wann ich im Park losradeln muss, um pünktlich zum Treffpunkt mit dir zu kommen, lieber pünktlicher Mensch, bin ich überzeugt: Wird schon passen! 

Ich gehöre zu dem Typ der Zuspätkommer:innen, die grundsätzlich fünf bis zehn Minuten zu spät aufkreuzen. Und dafür gibt es einen banalen Grund: Ich vergesse die Vorbereitung. Wenn ich beispielsweise um 19 Uhr mit einer Freundin verabredet bin, um in eine Bar zu gehen, überlege ich, wann ich aufbrechen muss. Wenn ich zum Beispiel um 18:40 Uhr los müsste, sitze ich ganz entspannt bis um 18:38 Uhr auf der Couch, Dann wird es stressig: Ich ziehe mir schnell noch eine andere Hose an und werfe Handy, FFP2-Maske und Kopfhörer in meine Tasche. Aber wo ist nochmal mein Geldbeutel? Mist! Aufs Klo sollte ich auch noch. Ist das erledigt, ist es mit Sicherheit schon 18:42 Uhr. Der Stress wächst. Als ich in der Küche noch meine Wasserflasche auffüllen möchte, sehe ich, dass mein Geschirr noch dreckig in der Spüle steht. Das habe ich komplett vergessen. Schnell noch abspülen, denn ich rege mich auch auf, wenn andere ihre Sachen einfach stehen lassen. 18:46 Uhr: jetzt aber los, los los! Ich habe akzeptiert, dass ich zu spät kommen werde, nun geht es darum, die Verspätung so klein wie möglich zu halten. Was brauche ich für eine Jacke, wie ist eigentlich das Wetter? Ich greife die erste, die ich in die Finger bekomme, die Mütze nehme ich zur Sicherheit auch noch mit. Ich will gerade die Wohnungstür zuziehen, da fällt mir ein: Haustürschlüssel! Also zurück, Schlüssel eingesteckt und los!

Fairerweise bin ich aber nie sauer, wenn mich jemand warten lässt. Ich weiß, ich habe das verdient

Du siehst, wir kommen nicht aus böser Absicht zu spät. Wir denken nicht weit genug voraus. Wenn dann die Mitbewohnerin noch eine Frage hat, wenn man gerade zur Tür hinaus möchte, addiert sich diese Zeit auf die Verspätung. Pufferzeiten einplanen, früher losgehen als nötig - das kann ich einfach nicht. Denn ehrlich: Ich hasse es, zu warten. Ich hetze lieber als Letzte in den Hörsaal, in dem der Prof eben seinen Vortrag begonnen hat, als dort vorher zehn Minuten zu sitzen und nichts zu tun. 

Das ist jetzt natürlich dreist, ich weiß. Wer selbst das Warten verabscheut, sollte andere nicht in eben diese Situation bringen. Fairerweise bin ich aber nie sauer, wenn mich jemand warten lässt. Ich weiß, ich habe das verdient. Karma und so. Enge Freund:innen wissen schon, worauf sie sich einstellen müssen, wenn sie sich mit mir verabreden. Dass ich zehn Minuten zu spät am Treffpunkt ankommen werde, ist schon unausgesprochen verabredet. Wenn ich allerdings mehr als 15 Minuten zu spät komme oder mit jemandem verabredet bin, der mich nicht gut kennt und vielleicht sogar schon zu früh da war, habe ich ein ehrlich schlechtes Gewissen. Im Gegensatz zu deiner Freundin, die dich im Nieselregen hat stehen lassen, hätte ich dich mit Nachrichten über meinen Verbleib und mit einem dicken „Sorry“ bombardiert, während ich im Stechschritt durch die Straßen gehetzt wäre. Sich melden und außer Atem ankommen ist das Mindeste, was man als Zuspätkommer*in tun kann. Das gekeuchte „Tut mir echt leid, ich musste meinen Geldbeutel suchen“ ist meiner Meinung nach eine Frage des Respekts. 

Die deutsche Pünktlichkeit ist real, sie ist mehr als nur Klischee. Mit meinen italienischen Freund*innen oder in Spanien ist meine chaotisch-spontane Planung selten ein Problem. Der englische Sozialwissenschaftler Richard D. Lewis hat diese Beobachtungen wissenschaftlich untermauert. In seiner Theorie der Kulturtypen gibt es unter anderem die linear-aktiven Kulturen, die stets organisiert sind und nach Zeitplan eine Aufgabe nach der anderen erledigen. Die multi-aktiven Kulturen dagegen entscheiden spontan, was ihnen wichtig ist, und gehen viele Dinge gleichzeitig an. Zuspätkommen ist damit wohl auch eine Frage der Kultur. Was hier für Unmut sorgt, ist woanders ganz normal. 

Ihr seht, liebe pünktliche Menschen, eure Zeit ist uns nicht egal. Wir ticken nur anders. Vielleicht wandere ich ja nach Spanien aus, dann müsste ich mich wohl nicht mehr so oft entschuldigen. Bis dahin hetze ich weiter gestresst zu meinen Terminen und gelobe Besserung. 

Ganz liebe Grüße und ein dickes Sorry!

Eure notorischen Zuspätkommer:innen 

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