Lesben, seid ihr neidisch auf uns Schwule?

Unser schwuler Autor hat das Gefühl, dass schwule Männer oft besser angesehen seien als Lesben – stimmt das?
Von Fabian Schäfer und Agnes Striegan
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Lesben und Schwule haben mit unterschiedlichen Klischees zu kämpfen.

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Liebe Lesben,

vergangenes Jahr mussten wir auf einen Christopher Street Day verzichten. Wenn die queere Community 2021 hoffentlich wieder auf der Straße demonstrieren kann, werde ich wie gewohnt mein Bullshit-Bingo auspacken. Es wird sicher nicht lange dauern, bis ich in Berichten über die CSDs Worte wie „schrill“ oder „Schwulenparade“ lesen werde. Der Begriff „Lesbenparade“ ist mir aber noch nie begegnet.

Ihr lesbischen Frauen seid in den Medien deutlich unterrepräsentiert. Wenn ich nach „Ehe für alle Adoption“ google, zeigen die ersten 30 Fotos neun schwule und sechs lesbische Paare mit Kind. Dabei sind von den 11 000 gleichgeschlechtlichen Elternpaaren in Deutschland 10 000 Lesben – also mehr als 90 Prozent. Das ist ein krasses Ungleichgewicht von Fakten und Repräsentation, das zeigt schon meine kleine Stichprobe. Aber auch eine Studie kam zu dem Ergebnis, dass in den untersuchten Artikeln zu queeren Themen Lesben in sieben, Schwule dafür in 32 Prozent im Mittelpunkt stehen.

Das gängige Schwulenklischee ist wenigstens überwiegend positiv konnotiert

Genauso ist das im Fernsehen. Irgendwie ist es kollektives Schwulenwissen, dass 1987 zum ersten Mal auf deutschen Fernsehgeräten in der Lindenstraße schwul geküsst wurde. Das stimmt zwar gar nicht so ganz, wie ich feststellen musste. In der ARD lief schon 1973 Rosa von Praunheims Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ (nur der Bayerische Rundfunk machte nicht mit und sendete ein anderes Programm) Aber wann es den ersten Kuss von zwei Frauen gab, lässt sich nicht einmal ansatzweise durch eine Internetrecherche herausfinden. Liebe Lesben, seid ihr neidisch, dass wir Schwulen von unserem ikonischen ersten TV-Kuss wissen, eure große Fernsehpremiere aber noch erforscht werden müsste?

Eure Benachteiligung hört ja damit nicht auf. Eigentlich ist das ja erst der Anfang. Klischees sind zwar meistens blöd, aber das gängige Schwulenklischee ist wenigstens überwiegend positiv konnotiert. Schwule achten auf ihr Äußeres, haben einen vorzüglichen Geschmack, arbeiten als Friseure oder Designer, sind sensibel und haben ständig Sex, sind also potent. Und Lesben? Die tragen weite Jeans und Flanell-Karohemden, haben kurze blondgefärbte Haare, hassen Männer, sind ruppig und arbeiten als Automechanikerinnen. Wenn sie eine Frau kennenlernen, ziehen sie nach dem dritten Date zusammen und planen das Kinderkriegen. Und möchten Hetero-Männer euch unbedingt als beste Freundin haben? Also Hetero-Frauen uns schon.

Sex ist ein gutes Stichwort. Mir hat eine lesbische Freundin mal erzählt, dass sie ein Sexdate hatte, das zwar gut war, aber nicht zu einem zweiten Treffen führte. Ich habe mich selbst dabei ertappt, wie geschockt ich davon war. Ein lesbisches Treffen, bei dem es nur um unverbindliche Lust ging, hatte mir die Gesellschaft zuvor nie präsentiert. Danke an der Stelle, dass du es damals getan hast. (Und ein kleiner Buchtipp am Rande, liebe Lesben: In „Love Addict“ von Kate Davies geht’s um ganz viel heißen, unverfänglichen lesbischen Sex.)

Was dahintersteckt, wurde mir bald klar: Frauen wird ohnehin seit Jahrhunderten ihre Sexualität aberkannt. Euch Lesben trifft das gleich doppelt. Entweder jemand behauptet, lesbischer Sex sei gar kein „richtiger Sex“, weil die Penetration fehlt. Oder, viel schlimmer: Jemand meint, ihr müsstet erst einmal Sex mit einem Mann haben, dann würdet ihr schon merken, was ihr verpasst. Zu uns schwulen Männern würde niemand sagen, wir müssten es mal mit einer Frau probieren. Unser Sex wird zwar in Filmen auch oft verzerrt dargestellt, aber immerhin stellt ihn (fast) niemand infrage. Und keine Hetero-Frau (zumindest keine, die ich kenne) reduziert schwulen Sex auf einen Turn On. „Lesbian“ war dagegen 2019 der sechstbeliebteste Suchbegriff auf Pornhub.

Natürlich wissen wir, was dafür verantwortlich ist: Der unsägliche Dreiklang aus Homophobie, Patriarchat und Sexismus. Von dem profitieren wir Schwulen im direkten Vergleich dann doch. Trotzdem frage ich mich: Lässt euch diese Ungerechtigkeit auf uns neidisch werden? Und was können wir besser oder anders machen?  

Eure schwulen Männer

Die Antwort: 

Liebe schwule Männer,

erst letztens habe ich wieder gelesen, die Stonewall-Aufstände hätten in einer Schwulenbar begonnen, als Schwule sich endlich gegen Polizeigewalt und Razzien gewehrt hätten. Lesben werden im Text immerhin mal erwähnt. Nicht aber trans Women of Color – die wohl mit als erste zurückgeschlagen haben. Schon sind wir bei dem Problem, das ihr ansprecht und das in Wahrheit noch größer ist als das, was ihr beschreibt: Nicht nur Lesben werden unsichtbar, wenn aus dem Christopher Street Day mal wieder die „Schwulenparade“ wird. Auch trans Menschen, Nicht-Binäre, Intergeschlechtliche, Asexuelle, Bisexuelle, Pansexuelle und alle, die queer sind, aber eben nicht cis und schwul, verschwinden. Und tatsächlich verschwinden sie noch häufiger als Lesben, haben sie mit noch ganz anderer Diskriminierung zu kämpfen als wir. Vielleicht wissen wir nicht, wann im deutschen Fernsehen das erste Mal ein Kuss zwischen zwei Frauen gezeigt wurde, aber wenigstens sehen wir gelegentlich Frauen, die sich küssen. Realistische Darstellungen von Asexualität kenne ich im deutschen Fernsehen gar keine. Der CSD wird auch gerne mal als „Homo-Parade“ bezeichnet – das schließt uns immerhin mit ein. Die anderen nicht.

Trotzdem kann ich eure Frage nur aus meiner Sicht beantworten, aus der einer lesbischen cis Frau. Und die Probleme, die ihr ansprecht, existieren ja: mangelnde lesbische Sichtbarkeit, fehlende historische Dokumentation, der Fokus auf Schwule. Für Schwule gibt es mehr Bars und Clubs. Und die Dating-App Grindr. Wobei ich mir vorstelle, dass eure größere Sichtbarkeit auch Nachteile für euch hat: Wer stärker (negativ) auffällt, bekommt mehr Ärger. Oder?

Neidisch bin ich jedenfalls nicht auf euch. Natürlich ärgert es mich, wenn queer mit homosexuell und homosexuell mit schwul gleichgesetzt wird. Wenn ich als Frau Sexismus erfahre und als Homosexuelle Homofeindlichkeit – und dann als homosexuelle Frau auch noch homosexuellen Männern gegenüber das Nachsehen habe. Auch Schwule können Sexisten sein. Auch die queere Community existiert nicht in einem kunterbunten, friedlichen Vakuum. Aber deswegen möchte ich euch nichts wegnehmen oder euch allein die Schuld dafür geben. Zumal ihr ja selbst diskriminiert werdet. Ich möchte, dass wir alle denselben Respekt erfahren und dieselben Möglichkeiten haben. Ihr sagt, am Ende steckt hinter allem der Dreiklang aus Homophobie, Patriarchat und Sexismus. Dieser Dreiklang muss weg, ganz grundsätzlich. Und das schaffen wir doch am besten zusammen. Vor allem, weil wir so viel teilen.

Aber bleiben wir noch kurz bei lesbischen Frauen. Ich glaube, lesbischen Frauen wird nicht nur, wie ihr sagt, ihre Sexualität abgesprochen, weil sie Frauen sind. Es geht noch weiter: Lesbische Frauen werden weniger ernst genommen. Dass Frauen einander genügen können, dass Sex ohne Mann und Penis überhaupt Sex ist, dass lesbische Frauen nicht nur miteinander schlafen, um Männer anzuturnen? Dass sie Diskriminierung anprangern und nicht nur rumheulen? Ach was! Das können viele nicht glauben. Eine besonders seltsame Wendung hat das alles im mittlerweile aufgehobenen § 175 StGB genommen: Der hat, anders als manchmal behauptet, nicht Homosexualität unter Strafe gestellt, sondern männliche Homosexualität. Und zwar, weil – das fand auch das Bundesverfassungsgericht 1957 – „männliche Homosexualität gefährlicher ist als weibliche.“ Natürlich bin ich froh, dass lesbische Frauen nicht strafrechtlich verfolgt wurden. Aber auf eine seltsame Art wurmt mich das auch. Warum sind wir nicht gefährlich?

Ich finde es spannend, dass ihr schreibt, Klischees über Schwule seien positiv und die über Lesben nicht

Der Dreiklang aus Homophobie, Patriarchat und Sexismus zeigt sich auch in Vorurteilen gegenüber Schwulen und Lesben. Ich finde es spannend, dass ihr schreibt, Klischees über Schwule seien positiv und die über Lesben nicht. Im ersten Moment hätte ich gesagt, dass es andersherum ist. „Das ist voll schwul“ war bei uns auf dem Pausenhof ein total üblicher, abfälliger Ausdruck; „das ist voll lesbisch“ habe ich noch nie gehört. Die Jungs mussten stärker aufpassen, dass sie nicht unter Verdacht gerieten, schwul zu sein. Wenn sich zwei Männer in der Öffentlichkeit küssen, finden das mehr Menschen unangenehm, als wenn sich zwei Frauen küssen (am wenigsten unangenehm ist ihnen natürlich, wenn sich ein Mann und eine Frau küssen.) Die Gründe dafür mögen falsch sein – aber ich beneide euch nicht darum.

Klar, es gibt das Schimpfwort „Kampflesbe“, aber dass das ein billiger Versuch ist, Feministinnen zu diskreditieren, war mir schon immer halbwegs bewusst. So, wie viele Lesbenklischees eigentlich bloß schlecht verborgener Ärger darüber sind, dass sich im Leben mancher Frauen ein ordentlicher Teil nicht um Männer dreht. Sie schneiden ihre schönen Haare ab, halten es nicht für nötig, ihre Körper für den männlichen Blick in Szene zu setzen, und reparieren am Ende sogar ihre Autos selbst, du meine Güte!

Ein paar Vorurteile teilen wir uns auch: Dass wir unsere Finger nicht von anderen Männern beziehungsweise Frauen lassen können, zum Beispiel. Aber am Ende sind wir Lesben in den Augen vieler Menschen nicht richtig, weil wir keine „normalen Frauen“ sind, und ihr Schwulen nicht, weil ihr keine „normalen Männer“ seid. Wir sind zu männlich, ihr seid zu weiblich. Das ist nicht nur Quatsch, weil Geschlechterstereotype Quatsch sind und Lesben und Schwule alle unterschiedlich – es ist auch absurd, dass uns das beleidigen soll.

Ihr fragt, was ihr besser machen könnt. Dass ihr uns diese Frage stellt, ist ein toller Anfang; dass ihr selbst recherchiert und Belege raussucht und uns zuhört. Ihr könnt außerdem Menschen korrigieren, wenn sie queer mit schwul gleichsetzen. Ihr könnt mit anderen queeren Menschen sprechen und ihren Erfahrungen Gehör verschaffen. Ihr könnt uns mal eure Bars überlassen oder mit uns queere – nicht schwule – Partys feiern. Und ihr könnt, kleiner Hinweis am Rande, darauf verzichten, zu mansplainen: Katie Davies‘ Buch ist sicher empfehlenswert – aber das wissen wir auch selbst.

Alles Liebe,

eure lesbischen Frauen

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