"Ich will dich nie bei Tageslicht sehen"

Foto: sïanaïs / photocase.de

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Keine Ahnung, warum der Typ von allen „Huck“ genannt wird. Verballhornung des echten Namens (den ich nicht kenne)? Englische Beschreibung eines Charakterzugs (engl. to huck: schmeißen)? Aber gerade hatte er die Hand am Arsch eines anderen Typen. Er hatte das angekündigt: „Wetten, der merkt nicht, wenn noch eine dritte Hand im Spiel ist?!“, hatte er gesagt. Der andere Typ – sehr breites Kreuz, sehr breiter Nacken mit Wulstbildung wegen Fett aber auch Muskeln, rasierte Glatze – knutschte da gerade sehr heftig mit einer Frau herum und bemerkte die zusätzliche Hand, da hatte der Huck schon recht, tatsächlich nicht.

Und was macht der Huck jetzt nach diesem, nun ja, Erfolg oder wie man das nennen will? Aufhören und weiterfeiern, gell? Falsch! Der Huck sagt: „Ich glaub, ich geh noch mal hin!“ Und dann geht er natürlich wirklich noch mal hin und fasst dem Stiernacken noch mal an den Arsch und der merkt das diesmal freilich und man kann feststellen, dass er nicht nur einen sehr breiten Nacken auf seinem sehr breiten Kreuz hat, sondern darüber auch noch einen Blick wie fünf Jahre ohne Bewährung wegen gefährlicher Körperverletzung. Man musste den Huck also ziemlich schnell aus diesem Blick wegbringen. Das passiert manchmal und ist dann stressig. Aber man bekommt Routine. Und das wirklich bewundernswerte ist, dass Huck und Stiernacken sich am Ende des Abends noch einen Gin Tonic geteilt haben. Ungefähr an diesem Punkt habe ich mich auf eine sehr platonische Art verliebt. Huck ist nämlich der lustigste Mensch der Welt.

In diesem sehr relativen Raum-Zeit-Wahrnehmungs-Kontinuum oberhalb der Vier-Longdrink-Marke. Da aber absolut. Ich sehe ihn nicht oft. Aber wenn, dann immer beim Weggehen. Und seltsamerweise auch nie unterhalb der genannten Schwelle. Und wenn er dann auftaucht, dann hat das jedes Mal den Effekt, den ein weiterer Drink hätte, wenn er einem gut täte: Ein Euphorie-Schub verbunden mit IQ-Einbußen im Bereich von mindestens 20 Prozent – und mit sehr, sehr viel Gelächter.

Die Hucks dieser Welt sind kostbarste Eskapismus-Trutzburgen

Und wenn dieser Text irgendeinen Wert für die echte Welt da draußen haben sollte, dann wohl diesen Appell: Jeder sollte einen Huck haben! Und die dringende Warnung: Hüte dich davor, ihn jemals in die Realität eindringen zu lassen.

Die Hucks dieser Welt sind schließlich kostbarste Eskapismus-Trutzburgen. Bollwerke gegen das wahre Leben. Partner in Crime für Minimalfluchten in einen Kosmos voll von wunderbarer Blödheit und sorgenloser Unbekümmertheit. Die vielleicht letzten Feenstaub-Wesen, die man sich mit einsetzender Erwachsenenreife noch bewahren kann. Und damit für die psychische Hygiene ab und an vielleicht sogar wichtiger als der eigene Partner oder beste Freund. Aber auch zerbrechlich. Diese Wesen mit der echten Welt kollidieren zu lassen, hieße nämlich, ihnen ihre Magie zu nehmen. Zu sehen, dass auch sie abgepackte Leberwurst kaufen oder Mais in Dosen, dass sie dabei schreiende Kinder am Arm haben oder niemanden, dass dumme Aufkleber auf ihren Autos kleben oder dass sie auch an der Brottheke Leuten an den Arsch fassen, wäre fatal.

Es ist wie bei einem Geruch, der einen sofort in die Kindheit oder einen fernen Urlaub katapultiert, weil es ihn nur dort gab. Holt man sich den einfach so nach Hause, wird er binnen kürzester Zeit schal und wertlos. Deshalb, lieber Huck: Es ist schön, dass es dich gibt! Und drum will ich dich nie bei Tageslicht sehen. Und wenn, dann wenigstens nicht nüchtern .

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