Horror-Mitfahrgelegenheit: Rosenkrieg mit der Ex

Manchmal wird die Mitfahrgelegenheit zum Horror-Trip. Folge 1: Wenn der Fahrer Stress mit der Exfreundin hat.
Von Caroline Bergwinkl

Illustration: Julia Schubert

Strecke: Von München nach Berlin mit Blablacar

Reisebegleitung: Zwillingsschwester

Horrorstufe: 8 von 10

Für einen Theaterworkshop wollten meine Zwillingsschwester und ich übers Wochenende nach Berlin. Wir entschieden uns für eine Mitfahrgelegenheit, wie sie über die Webseite Blablacar jeden Tag dutzendfach angeboten wird. Johannes* fuhr die Strecke von München- Berlin wöchentlich, um das Wochenende bei seinen Eltern zu verbringen. Als wir ihn am Freitagmorgen trafen, war unser erster Eindruck super: ein nagelneuer Audi A5, der von außen wie von innen penibel poliert war. Ein weiterer Mitfahrer, Tom* aus München, machte es sich auf dem Beifahrersitz gemütlich und die Fahrt konnte beginnen.

Beide erzählten viel und so ging unser Gespräch schnell über den obligatorischen Small-Talk hinaus. Bis irgendwann Toms Freundin anrief, er also telefonierte, während Johannes in einem ordentlichen Tempo die A9 entlang sauste und meine Schwester und ich ein wenig vor uns hin dösten.

„Ich sagte also nichts und hoffte insgeheim, dass schon alles gut gehen würde“

Als ich wieder aufwachte, bemerkte ich aus dem Augenwinkel, wie häufig unser Fahrer auf einmal seine Whatsapp-Nachrichten kontrollierte und auch hin und wieder auch selbst welche verfasste. Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich da mit einem Fremden mitfahre. Ich war unsicher, ob ich ihn wegen des Handys am Steuer ermahnen dürfte und wollte auch nicht die Spaßbremse sein, nachdem wir uns vorher ja noch so gut unterhalten hatten. Ich sagte also nichts und hoffte insgeheim, dass schon alles gut gehen würde. Die Werbeplakate des Bundesverkehrsministeriums mit Slogans wie „Tipp, Tipp, Tot’’ kamen mir dabei wie zynische Mahnmale vor.

Als wir schließlich Berlin erreichten, musste Johannes sich dort in den Feierabendverkehr einreihen. Trotz dieser stressigen Situation dachte er gar nicht daran, sein Handy wegzulegen. Stattdessen hämmerte er fast mechanisch in die Tasten. Da riss mir endlich der Geduldsfaden und ich frage so beiläufig wie möglich, was denn los sei und ob er das Hupen und die genervten Blicke der anderen Autofahrer nicht sehen würde.

„Auf keinen Fall wollte ich ihn weiter ablenken und dabei riskieren, dass er einen Unfall baute“

Da platzte die Bombe. Johannes drehte sich mit einem gequälten Blick zu mir um und zeigte mir ein schwarz-weißes Ultraschallbild auf seinem Handydisplay: „Ick werd Vati“, sagte er mit Berliner Dialekt. Leider war die Frau, von der er das Bild bekommen hatte, seine Ex-Freundin. Nach einem kurzen, unangenehmen Schweigemoment sprudelte alles aus ihm heraus. Er erzählte, was für eine hinterhältige Person seine Ex-Freundin sei und wie sie durch ihre ständige Eifersucht ihre Beziehung zerstört habe.

Er redete sich immer weiter in Rage, es fielen Sätze wie „Mutti ist die einzige Frau, der ich wirklich vertrauen kann“. Meine Schwester und ich wollten ihn natürlich aufmuntern, sorgten uns aber auch um die Verkehrslage. Auf keinen Fall wollte ich ihn weiter ablenken und dabei riskieren, dass er einen Unfall baute. Unser Fahrer hatte nämlich angefangen, alle roten Ampeln zu ignorieren.

„Letztlich war es natürlich eine verdammt unangenehme Situation, in die Johannes da geraten war“

Beifahrer Tom wählte hingegen eine ganz andere Überlebensstrategie: Ausgiebieg betrachtete er das Ultraschallbild. Er stellte weiße Ränder an den Bildseiten fest und war deshalb der festen Überzeugung, dass Johannes‘ Ex das Bild wahrscheinlich aus dem Internet abfotografiert habe, um sich an ihm zu rächen. Johannes nahm diese These dankbar an und beteiligte sich eifrig an den Verschwörungstheorien. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichten wir den Berliner Hauptbahnhof unfallfrei und konnten endlich aussteigen. Letztlich war es natürlich eine verdammt unangenehme Situation, in die Johannes da geraten war und wahrscheinlich hätte er sich auch gewünscht, zu diesem Zeitpunkt nicht mit einem Haufen Fremder im Auto zu sitzen. Aber würde er sich an die einfachste aller Autofahreregeln halten – kein Handy am Steuer – wäre er auf das Ultraschallbild-Foto erst daheim aufmerksam geworden und hätte damit uns und vor allem auch sich einiges erspart.

*Namen von der Redaktion geändert.

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