Horror-Date: Der aufgepumpte Raser

Jeder hatte schon einmal ein Date, das total danebenging. In dieser Serie erzählen wir davon.

Illustration: jetzt

Dating-Situation: Erstes Date nach Online-Kennenlernen

Geschlecht und Alter des Dates: SUPERmännlich, 20

Horror-Stufe: 8 aus 10

Tim hatte mich online angeschrieben, ich war ihm von Facebook als Freundin vorgeschlagen worden. Er habe es, so sagte er, einfach mal versuchen wollen, weil er mich so schön fände. Zunächst war ich zwar skeptisch, aber geschmeichelt. Und beruhigt, denn wir hatten gemeinsame Freunde. Sein Interesse kam außerdem zum richtigen Zeitpunkt: Ich war erst einige Tage zuvor verlassen worden. Da störte mich auch nicht, dass er, ein muskelbepackter 20-Jähriger mit Milchbubi-Gesicht, so gar nicht mein Typ war.

Wir schrieben und telefonierten danach erstmal lange. Und das war schön, wir verstanden uns wirklich gut und wollten uns deshalb nun auch treffen. Zwei Tage später holte er mich bei meinen Eltern ab, wo ich damals noch wohnte. Er wollte mit mir irgendwo hinfahren, so viel hatte er angekündigt. Zunächst freute ich mich noch über sein schönes Cabrio, das da vor der Haustür stand. Bis ich einstieg und Tim losraste. In der 30er-Zone. Vor den entsetzt geweiteten Augen meiner Mutter.

Die Fahrt ging auch auf den kurvigen Landstraßen nicht harmloser weiter, er schien sie mit der Autobahn zu verwechseln. Der Tacho kletterte immer höher bis auf 160, ich presste mich tief in meinen Sitz hinein und krallte mich an der Tür fest. Ich hatte Todesangst. Ungelogen. Denn alle paar Sekunden dachte ich: „So, an diesem Manöver wären wir jetzt fast gestorben.“

„Ich bat ihn, langsamer zu fahren. Er lehnte ab“

Wäre ich bei gesundem Menschenverstand gewesen, wäre ich vermutlich  ausgestiegen und hätte mich von Mutti abholen lassen. Aber mein durch die Trennung gekränktes Teenie-Ego schämte sich so für meine Angst, dass ich mir erstmal jeden Kommentar verbiss und auf ein baldiges Ankommen hoffte.

Als wir dann tatsächlich anhielten und ausstiegen, wartete da nur eine große Enttäuschung: das Lokal, zu dem er mich hatte bringen wollen, war geschlossen. Wir mussten ins nächste Kaff. Höllenfahrt Nummer zwei war nicht besser als die erste. Tatsächlich war er dabei viel unkonzentrierter, redete wie ein Wasserfall. Er erzählte von seinem Fitness-Programm, davon, dass so eine Einzelhandelsausbildung beim Discounter extreme Karrierechancen mit sich brächte und dass er ein noch schnelleres Winterauto besäße. Muskeln, Geld, schnelle Autos. Das war wohl das, was er als „männlich“ und „sexy“ definierte.

Irgendwann, als ich all meinen Mut zusammengenommen hatte, sagte ich ihm, dass er mir viel zu rasant fuhr. Ich bat ihn, langsamer zu fahren. Tim lehnte ab. Sonst mache das Fahren ja überhaupt keinen Spaß. Und tatsächlich blieb er bei dem Tempo – bis er irgendwann auf einen Waldweg einbog, der zum See führte. Dort gab es auch eine größere freie Fläche, eine Art Parkplatz. Ich hoffte auf einen Spaziergang – mit festem Boden unter den Füßen.

Anstatt dort aber anzuhalten, waren wir wohl nur zum Driften gekommen. Ich schrie. Auch weil dort überall Menschen und Hunde rumliefen, die wir allesamt beinahe mitgeschleift hätten. Er hatte ein sadistisches Vergnügen an meiner Angst, sagte immerzu Dinge wie: „Ach vertrau mir doch, Baby“ oder „Besser als Achterbahn, was, Süße?“ Ich glaube, er dachte, ich sei beeindruckt.

Endlich fuhren wir dann zum anderen Lokal, wo er viel sprach und ich ständig mit den Augen rollte. Danach brachte er mich nach Hause, natürlich mit einem Mordstempo. Eigentlich wollte er dann auch gerne noch mit reinkommen. Ich verabschiedete mich aber schnell, verschwand ins Haus – und hörte nur noch den Motor aufheulen und die Reifen quietschen. 

Die Autorin des Horror-Dates möchte anonym bleiben. Ihr Name ist der Redaktion aber bekannt.

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