Horror-Schwiegereltern: Die Geschockte

Das Blöde an der Liebe: Den Partner oder die Partnerin sucht man sich selbst aus, die Schwiegereltern nicht.

Seine damalige Schwiegermutter sprach nie mehr ein Wort mit unserem Autoren.

Illustration: Julia Schubert

Alter zum Zeitpunkt der Beziehung: Sie 19, ich 21

Beziehungssituation: Einen Monat zusammen

Horror-Stufe: 4 von 10

Zum ersten Mal war ich bei meiner Freundin Anne* zu Hause. Zum Übernachten. Bei mir hatte sie schon ein paar Mal geschlafen. Es passte einfach von Anfang an zwischen uns, zwischenmenschlich und im Bett. Wir kannten den Körper des anderen mittlerweile ziemlich gut und hatten auch keine Scheu, die gemeinsame Zeit komplett nackt zu verbringen, wenn sie oder ich denn sturmfrei hatten.

Heute hatte Anne kein sturmfrei. Ihre Mutter, mit der sie sich eine Wohnung teilte, lag im Schlafzimmer nebenan. Und das hatte ich aus Versehen mit Annes Schlafzimmer verwechselt. Mitten in der Nacht war ich oben- und untenrum klamottenfrei über den Flur gehuscht, war im Bad und ruckzuck wieder bei Anne an der Tür. Dachte ich zumindest. Anne und ich hatten einen ähnlichen Blödelhumor und nahmen uns beide nicht allzu ernst. Ich hatte mir deshalb einen kleinen Spruch zurechtgelegt, mit dem ich sie erheitern wollte. Im gespielten Tonfall eines Supercasanovas sagte ich: „Hallo schöne Frau, so allein im Bett? Wär’s zu zweit nicht auch ganz nett?“

Und dann ging die Nachttischlampe an. Grelles Licht fiel auf das Gesicht von Annes Mutter, die kein Wort sagte und mich mit weit aufgerissenen Augen und einem ebenso weit aufgerissenen Mund anstarrte. „Oh, äh, oh“, stotterte ich. Und sie sagte weiter nichts. Ihre Mimik war wie in Stein gemeißelt. „Ääh, also, oh Gott, es tut mir leid, gute Nacht!“ Als ich Anne davon erzählte, musste sie erst lange lachen, sagte dann aber auch: „Meine Mutter ist ein bisschen schreckhaft, pass auf, dass dir das nicht wieder passiert.“ Das versprach ich.

Ich habe mit Annes Mutter nie mehr ein Wort gewechselt

Als ich am nächsten Morgen in die Küche kam, stand Annes Mutter an der Spüle und war mit Geschirr beschäftigt. „Morgen“, sagte ich. Sie drehte sich um, und da war es wieder: das Steingesicht. Mund und Augen bis zum Anschlag aufgerissen. Ich versuchte, sie zu beruhigen: „Sorry nochmal, das war ein doofes Versehen.“ Und Annes Mutter? Drehte sich ohne ein Wort zurück zur Spüle und verließ kurz darauf die Küche. Anne und ich frühstückten alleine.

Als ich später ging, sah ich die Geschockte noch einmal im Flur, wieder mit dem Rücken zu mir. „Tschüss!“, rief ich zu ihr rüber, und sie zuckte zusammen, als hätten sie mehrere Blitze gleichzeitig erwischt. Kein Wort von ihr. Überhaupt: Ich habe mit Annes Mutter nie mehr ein Wort gewechselt. Fortan trafen wir uns bei mir. „Ist vielleicht besser“, meinte Anne. Und als wir uns trennten, weil Anne für ein Jahr ins Ausland ging, war ein Gespräch mit Frau Schock eh vom Tisch.

*Name geändert

Der Autor des Textes möchte anonym bleiben, ist der Redaktion aber bekannt.

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