Horror-Mitfahrgelegenheit: Der Münchner Kokser

Manchmal wird die Mitfahrgelegenheit zum Horror-Trip. Folge 2: Aus dem Club ins Auto.
Von Patrick Wehner

Illustration: Julia Schubert

Strecke: Von Berlin nach München mit der Mitfahrgelegenheit.

Der Fahrer:

Peter, der Kokser.

Horrorstufe: 10 von 10

Die ganze Sache ging schon komisch los. Eine Frau bot für Montagfrüh eine Fahrt nach München an – ich war gerade zu Besuch bei meiner damaligen Freundin in Berlin. Als ich aber bei ihr anrief, ging ein Typ ran. Er hieß Peter und sagte, mit der Nummer sei alles in Ordnung, der Account und das Auto liefen auf seine Mutter, er würde aber fahren, das würde schon passen und das sei alles sowieso überhaupt kein Problem und wir sähen uns dann Montagfrüh um 6.30 Uhr an der S-Bahn Sonnenallee.

Ich stellte keine Fragen und dachte mir: Was soll schon sein? Hauptsache ich kann Sonntagabend noch in Berlin chillen und komme am nächsten Tag rechtzeitig zum Spätdienst in der Arbeit an.

Ein Fehler.

Montagfrüh, 6.30 Uhr. Ich stehe mit einem Becher schlechtem Kaffee in der Hand am Treffpunkt, genauso wie Jana, die ebenfalls mitfahren möchte. Jana ist grade 20 Jahre alt geworden – und wohnt erst seit Kurzem in Berlin. Sie will nach München und ihre Eltern besuchen. Von unserem Fahrer fehlt noch jede Spur. Ich schreibe Peter mehrere Nachrichten. Keine Antwort. Um sieben Uhr schreibt er zurück, dass er gleich da sei. Nach einer weiteren Viertelstunde rast ein blauer Skoda um die Ecke und bremst genau vor uns scharf ab. Peter steigt aus. Er begrüßt mich mit einem Handschlag und sagt. „Servus, griasdi, ich bin der Peter. Sorry, aber ich bin einfach nicht aus dem Club rausgekommen.“

Peter ist so Mitte 30 und sieht aus, als hätte er sehr lange nicht mehr geschlafen. Er hat kinnlange Haare, die er sich nach hinten gegelt hat. An seinem Hinterkopf scheint eine lichte Stelle durch. Peters Polohemd-Kragen ist aufgestellt. Ich bin angepisst vom Warten und gleichzeitig saufroh, dass er überhaupt gekommen ist. Dieser kleine Hauch Optimismus hält bis zur ersten roten Ampel.

Da fängt Peter nämlich an, aus einem kleinen Döschen Kokain zu ziehen. Oder Speed. Jedenfalls handelt es sich nicht um Traubenzucker. Zugegeben: Das klingt ein bisschen so wie aus einer Netflix-Amazon-Sky-Serie über Berlin, in der alle üblen Hauptstadt-Klischees solange miteinander verpanscht werden (Drogen, Drogen, Beats, Drogen), bis das Ergebnis schon fast authentisch wirkt. Aber Peter ist echt. Und ich ringe circa zehn sehr lange Sekunden um Fassung, in denen ich ihn einfach nur anstarre.

Ich schweige – und denke drüber nach, ob er mich anzeigen würde, wenn ich ihm in diesem Moment auf die Nase schlüge

Dann sage ich: Du fährst jetzt da vorne bei der Tankstelle raus und ich fahre weiter.

Peter sagt: Ich glaub, dass du bissl spinnst, Alter?

Ich sage: Wenn du das nicht machst, ruf ich jetzt die Polizei.

Jana sagt nix.

Peter fährt an der nächsten Tankstelle raus.

Beim Fahrerwechsel begegnen wir uns kurz an der Motorhaube, er sieht mich mit ernstem Blick an und grummelt, dass ich ja vorsichtig fahren solle, schließlich sei das das Auto seiner Mutter! Ich schweige – und denke drüber nach, ob er mich anzeigen würde, wenn ich ihm in diesem Moment auf die Nase schlüge.

Dann fahren wir los.

Nach einer willkommenen Phase der absoluten Stille, in der ich mich frage, wie zur Hölle so ein verantwortungsloser Penner eine Fahrt anbieten kann, schiebt Peter eine CD mit Entspannungsmusik rein. Er fängt an, von sich zu erzählen. Münchner ist er, beziehungsweise nicht einfach nur Münchner. Peter ist bekannt und hat einflussreiche Freunde! Einer hat mal ein Bäckereiimperium geleitet, erzählt er. Und er selbst hat mal was mit Computern gemacht, jahrelang, sehr erfolgreich, aber, weißt eh, irgendwann hat man keinen Bock mehr auf Hamsterrad. Dann dreht er sich nach hinten zu Jana. Was sie denn in Berlin mache? Jana erzählt, sie findet Berlin superspannend, so viele interessante Leute! Sie mache gerade eine Ausbildung zur Schneiderin und möchte bald ihre eigenen Kleider designen.

Bevor Jana antwortet, sage ich, dass ich persönlich ja nur Angst vor Leuten hätte, die beim Autofahren koksten. Peter findet das lustig

Dann fängt Peter an, einen Joint zu bauen. Welche Kleider sie denn schön finde? Er stünde ja mehr auf weißes Leinen, seit er im Sommer ein paar Tage auf einer Art Yoga-Retreat gewesen ist. Das war überhaupt so augenöffnend dort, weil alle ihre Ängste abgebaut und einfach mal losgelassen haben und so zu sehr viel Klarheit gelangten und sich einfach liebhatten. Auch körperlich. Ob Jana auch Angst vor anderen Menschen hätte? Bevor Jana antwortet, sage ich, dass ich persönlich ja nur Angst vor Leuten hätte, die beim Autofahren koksten. Peter findet das lustig.

Als wir nach den längsten sechs Stunden meines Lebens am Stadtrand in München-Aubing ankommen, weil da wohnt fucking „Ach, hab ich das am Telefon vergessen zu sagen?“-Peter eigentlich, bin ich geistig am Ende. Ohne ein Wort des Abschieds schleppe ich mich zur S-Bahn und unterhalte mich auf der halbstündigen Fahrt rein nach München mit Jana darüber, ob Peter nun ein ganz netter Kerl ist, oder nicht.

Ich komme ziemlich pünktlich in der Arbeit an. In meiner Pause rufe ich bei der Kundenummer der Mitfahrgelegenheit an und bitte darum, Peter und seine Mutter und am besten auch den Rest seiner Verwandtschaft für immer und ewig zu sperren.

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