Horror-Mitfahrgelegenheit: Das Auto mit Loch in der Scheibe

Manchmal wird die Mitfahrgelegenheit zum Horror-Trip. Folge 6: Warum sagt denn keiner was?
Von Magdalena Pulz

Illustration: Julia Schubert

Die Strecke: München – Berlin

Die Fahrer: Waren nicht das Problem. Ihr Auto schon.

Horrorstufe: 6 von 10

Vor ein paar Jahren verliebte ich mich schwer. Blöderweise zog meine neue Passion genau zu Beginn unserer sich warmlaufenden Beziehung zum Studieren nach Berlin. Ich dagegen hing noch ein Jahr im Gymnasium in München fest. Aber was sind schon Hunderte Kilometer, wenn du jung und verliebt bist? Naja, immer noch Hunderte Kilometer, aber mir kam die Fahrerei wenigstens romantisch vor: Es waren Stunden, die ich damit verbrachte, darüber zu sinnieren, wie groß unsere Liebe sein muss, dass ich diese zeitverschwendende Qual auf mich nehme. Und so saß ich, sehnsüchtig aus dem Fenster starrend, mit irgendwelchen Fremden im Auto – hoffend, dass sie nicht versuchen, mit mir über ihr Ethnologie-Studium oder ihre Küchenrenovierung zu reden.

Januar, Freitagnachmittag. München zeigt sich von seiner kahlsten und grausten Seite. Es wird dunkel. Am Mitfahrgelegenheit-Treffpunkt wartet das Auto. Ich bin positiv überrascht: Das Gefährt ist bei weitem nicht so abgeranzt wie ich befürchtet hatte, nachdem ich mir in der Woche zuvor einfach blind die billigste Fahrt gebucht hatte. Vielleicht hätte mich das Angebot trotzdem skeptisch machen müssen: München-Berlin für 25 Euro ist ungefähr so vertrauenserweckend wie Gratis-Gras auf dem Schulhof oder Tankstellen-Sushi. Der silberne Achtsitzer wird von zwei freundlich wirkenden, schweigsamen Männer mit unserem Gepäck beladen. Stellt sich heraus, dass die beiden wohl ein halblegales Bus-Business betreiben, sich etwas dazu verdienen, indem sie abwechselnd die Strecke hin und her fahren. Also sagenumwobene Pioniere der Prä-Flixbus-Ära. Ich quetsche mich auf die Mittelbank, links und rechts neben mir zwei nicht ganz unhotte Typen.

Das Auto verwandelte sich von null auf hundert in einen nepalesischen Achttausender

Alles hätte gut sein können. Aber dann biegen wir auf die Autobahn ab. Die Temperatur in dem Wagen sackt rapide ab, irgendwo zwischen minus vier und null Grad pendelt es sich ein. Wind pfeift uns wie auf einem nepalesischen Achttausender um die Ohren. Meine leider zu spät einsetzende, detektivische Analyse der Situation ergibt, dass die Heckscheibe des Wagens ein tellergroßes Loch hat, halbherzig mit Gaffatape und durchsichtiger Folie abgeklebt. Gute Idee, aber leider zu wenig: Die Folie flattert nach den ersten Kilometern im Fahrtwind.

Ich flattere und schlottere dann auch. Vor Kälte. Aber da sagst du am Weg zu  deinem Geliebten natürlich auch nicht irgendwo auf der A9 Höhe Allershausen: „Danke Leute, hier würd’ ich dann aussteigen. Ich bin nämlich kein Brokkoli, der gerne im Kühltransporter chillt.“ Ne. Da muss man für die Liebe durch. Sechs bis acht Stunden lang.

Noch schlimmer als die Kälte ist die Einsamkeit. Meine Banknachbarn verschwinden nach Minute Fünf hinter dicken Kapuzen. Handschuhe werden angezogen, Mützen herausgekramt. Meine fragenden Blicke werden ignoriert. Ich wünsche mir jetzt doch einen geschwätzigen Ethnologie-Studenten her. Ich könnte mich mit seinen Dreadlocks zudecken. Die beiden bärtigen Männer in der ersten Reihe unterhalten sich völlig ungerührt in einer Arabisch klingenden Sprache. Ich nehme meine gesamte Courage zusammen – und  traue mich dann trotzdem nicht, was zu sagen. Vielleicht kann ich auch gar nicht, versuche ich mich vor mich selbst zu rechtfertigen: Vermutlich sind meine Lippen eh schon zusammengefroren.

So blöde kann ich doch nicht echt gewesen sein

Gleichzeitig beschleicht mich der unschöne Verdacht, etwas falsch gemacht zu haben. Irgendwie bin ich die einzige in dem Auto, die nicht zufällig auf den sibirischen Winter vorbereitet ist. Ich versuche die Erkenntnis zu ignorieren, dass etwas von dem schwarzen Loch der Kälte in der Fahrtbeschreibung gestanden haben muss. Nein, ich kann nicht selber schuld sein. So blöde bin doch nicht einmal ich. Aber warum beschwert sich sonst niemand bei den Fahrern? Ist das diese Schweigespirale von der alle immer reden? Das Rätsel bleibt ungelöst – mein investigativer Ehrgeiz bekommt damit auf dieser Fahrt einen Knacks, von dem er sich vielleicht nie wieder erholen wird.

Mittlerweile sind wir bei Ingolstadt. Ich friere. Nürnberg. Es ist kalt. Vermutlich hatte ich mal Füße, damals in München. Bayreuth. Immer noch kalt. Ich höre auf Hilfs-SMS zu verschicken – meine Finger sind zu steif. Den Rest der Fahrt sitze ich auf meinen Händen. Leipzig. Es heißt, dass kurz vor dem Erfrieren noch einmal ein Gefühl von Wärme kommt. Aber da kommt nur die nächste Autobahn-Ausfahrt. Vielleicht sind die beiden Fahrer in Wahrheit die Ethnologen und ihre Fahrt ein soziales Experiment? Ich beweise hier gerade auf jeden Fall 1a-Lemming-Qualitäten. Dessau. Mein linker Banknachbar steigt aus, ich weine fast. Diese Seite ist jetzt nicht mehr windgeschützt. Ich überlege, der Frau hinter mir ihren kleinen Hund zu stehlen, der auf ihrem Schoß schläft. Er wäre sicher eine gutes Wärmekissen. Dann, endlich, Potsdam. Ich bin erschöpft. Und was ist das für ein komisches Licht am Ende des Tunnels? Ach ja, es ist der Berliner Fernsehturm. Gott sei Dank.

Ich steige aus. Die Luft draussen kommt mir definitiv wärmer vor als drinnen. Es gibt wohl keine Gerechtigkeit auf dieser Welt. In der U-Bahn schlafe ich fast ein, wegen der sich irre heiß anfühlenden 15 Grad darin, an die ich nicht mehr gewohnt bin. Rotbackig wie der Weihnachtsmann klingel ich bei meinem Typen.

Und was haben mein Fernbeziehungs-Typ und ich dann wohl gemacht, um mich wieder aufzuwärmen? Richtig, Nudeln gegessen und Tee getrunken.

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