Horror-Urlaub: Familienurlaub für Anfänger

Manchmal wird der ersehnte Urlaub zum Horror-Trip. In dieser Serie erzählen wir davon.
Von Nadine Gottmann

Illustration: Julia Schubert

Urlaubszeit: August 2015

Urlaubsziel: Bredene / Belgien

Horrorstufe: 5 von 10

Instagram ist voll von jungen Familien, die ihre Elternzeit dazu nutzen, mit ihrem Baby um die Welt zu reisen. Sie tingeln durch Indonesien oder wenigstens Skandinavien, auf ihren Fotos trinken sie aus Kokosnüssen oder braten Stockfisch über dem offenen Feuer – das Neugeborene stets lässig im Tragetuch umgebunden. Abenteuerlustig. Tiefenentspannt.

Wenn andere gleich um die halbe Welt reisen, bekommen wir eine Woche belgische Nordseeküste locker hin. Dachten wir. Ein kleines Hotel in zweiter Reihe in Bredene-aan-Zee erschien uns geeignet für unseren ersten Urlaub zu dritt. Schade nur, dass die erste Reihe aus Wolkenkratzern bestand und der hübsche Stuck in unserem Hotelzimmer bei näherem Hinsehen aufgeklebter Styropor war.

Wir Anfängereltern hatten nicht daran gedacht, ein Zwei-Zimmer-Apartment zu buchen

Bis zu diesem Zeitpunkt war unser sechs Monate alter Wonneproppen das reinste Anfängerbaby gewesen. Bei den Rückbildungskursen schlief er meistens ganz entspannt, während ihm seine Freundinnen von beiden Seiten lautstark ins Ohr brüllten. Leider schien sich diese Gabe, immer und überall wegzudösen, wenige Kilometer hinter Brügge völlig unvermittelt ins Gegenteil zu verkehren. Fortan schlug der Kleine die Augen auf und brüllte los, wenn ein Elternteil nur etwas zu beherzt die Entertaste anschlug. Und das geschah in den ersten Urlaubstagen häufiger – denn wir Anfängereltern hatten nicht daran gedacht, ein Zwei-Zimmer-Apartment zu buchen. Und so wurde es zu unserer regelmäßigen abendlichen Urlaubsbeschäftigung, im abgedunkelten Zimmer an unseren Notebooks zu sitzen und nach einer babytauglichen Unterkunft zu suchen. Ab und zu holte einer von uns ein Bier und ging vor die Tür, um es zu öffnen, damit der Kleine nicht vom Zischen aufwachte.

Wir hätten uns auf den Balkon setzen können, hätte nicht eine Schlechtwetterfront unsere Urlaubswoche heimgesucht, sodass es meistens regnete und abends nur noch zehn Grad warm war. Einmal nutzten wir unsere neu erworbene Strandmuschel, um uns während eines plötzlichen Wolkenbruchs zu dritt darin zu verkriechen. Als es auch noch anfing zu gewittern, rannten wir durch den strömenden Regen davon, um unser Baby in Sicherheit zu bringen.

An unserem einzigen sonnigen Strandtag müssen wir irgendwas mit der Bemützung des Kleinen falsch gemacht. Als er in der folgenden Nacht um 4 Uhr aufwachte und aus Leibeskräften schrie, vermuteten wir, dass er Ohrenschmerzen hatte. (Aus heutiger Erfahrung denke ich, es waren wohl eher die Zähne …). Ich bin meinem Freund bis heute dankbar, dass er derjenige war, der in dieser Nacht mit dem Kinderwagen die Strandpromenade entlang tigerte, damit wir in dem hellhörigen Hotel nicht die älteren Ehepaare weckten, die uns beim Frühstück schon kritisch beäugten, wenn der kleine Mann im Müsli panschte.

Pünktlich mit Eintreffen der Schönwetterfront machten wir uns auf die Heimreise

Einen weiteren wenig erfolgreichen Urlaubstag verbrachten wir also mit der Suche nach einem belgischen Kinderarzt, der bereit war, spontan ein deutsches Baby zu behandeln, dessen Eltern vergessen hatten, eine Auslandskrankenversicherung für es abzuschließen, mit Telefonaten mit der Krankenkasse und mit Wörterbuch in der Apotheke – als wir allmählich das Gefühl bekamen, dass es unserem Sohn vielleicht doch wieder besser ging …

Pünktlich mit Eintreffen der Schönwetterfront machten wir uns auf die Heimreise. Dort rundete ein Klassiker unser Urlaubserlebnis ab, als wir wegen eines sich plötzlich ausbreitenden Gestanks an einem Rastplatz anhalten mussten. Das Baby hatte sich die ganze Woche aufgespart, um sich auf der Rückfahrt bis zum Kragen einzukacken. Während ich seine Arme festhielt und mein Freund verzweifelt mit einer kompletten Packung Feuchttücher hantierte, bekam ich einen Lachanfall, der auch heute noch aufflammt, wenn ich daran zurückdenke oder mir die Fotos von diesem leicht verkorksten Urlaub anschaue. Die zeigen uns übrigens bei ausgedehnten Strandspaziergängen, beim Drachensteigen und Futtern von leckeren belgischen Waffeln. Auch solche Momente haben unseren Urlaub zu einer unvergesslichen Zeit gemacht. Schöne Grüße also an alle Happy-Insta-Familys mit Stockfischen und Kokosnüssen!

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