Horror-Urlaub: Blut im Flugzeug

Manchmal wird der ersehnte Urlaub zum Horror-Trip. Diesmal schon im Flugzeug.
Von Charlotte Haunhorst

Illustration: Julia Schubert

Urlaubszeit: Sommer 2011

Urlaubsziel: Indonesien

Mitreisende: Die beste Freundin

Horror-Stufe: 7 von 10

Nach dem Studienabschluss wollte ich mir vor dem ersten Job noch mal eine richtige Fernreise gönnen. Also flog ich mit meiner besten Freundin ans andere Ende der Welt – nach Indonesien, genau genommen nach Java. Eine enge Freundin von uns arbeitete dort für ein Jahr, sie würde uns die Insel zeigen. Mit unseren völlig überladenen Backpacker-Rucksäcken stiegen wir in Hamburg in den Flieger. Allein unsere Reiseroute klang schon wahnsinnig kosmopolitisch: Über Dubai nach Jakarta. Zu diesem Zeitpunkt ahnten wir nicht, dass neben Dubai auch ein indisches Krankenhaus eine ernsthafte Zwischenstopp-Option werden könnte.

Desinfektionsmittel und Blut

Irgendwo über dem Indischen Ozean – wir dämmerten schon seit Stunden vor wenig anspruchsvollen Filmen vor uns hin – begannen sich einige Mitreisende in unserer Reihe merkwürdig zu verhalten. Einige von ihnen fingen an miteinander zu diskutieren, der Geruch von Desinfektionsmittel hing in der Luft. Andere standen wiederum auf und gingen einige Reihen weiter nach vorne, wo sie ihre Handys zückten und etwas filmten, auch mehrere Stewardessen versammelten sich dort. Da die meisten nicht Englisch oder Deutsch miteinander sprachen, verstanden wir kein Wort, wollten aber auch nicht wie peinliche Spanner mit nach vorne laufen. Irgendwann gingen die Menschen wieder zurück auf ihre Sitzplätze, die Frau direkt neben uns fing auf einmal an, sich panisch mit Hand-Desinfektionsmittel einzureiben. Wir fragten sie, was hier eigentlich los sei, in ihrer Antwort meinte ich das Wort „blood“, also Blut, rauszuhören.

Die Situation wurde noch beunruhigender, als im Flieger eine Durchsage gemacht wurde, bei der wir wieder nur die Hälfte verstanden. Irgendwas mit „emergency“ und wir müssten jetzt den nächsten Flughafen ansteuern. Wo dieser lag, war uns allerdings nicht klar. Ich meinte „China“ zu verstehen, das lag aber definitiv nicht auf dem Weg nach Indonesien. Auf dem Display mit der Route war zu sehen, wie unser Flugzeug mitten über dem Indischen Ozean umdrehte. Als Zielflughafen stand dort dann auf einmal auch „Chennai“ anstatt Jakarta, Ankunft in rund zwei Stunden. Wir würden also nach Indien fliegen. Aber was war denn jetzt los?

Wie wir schließlich über eine andere Miteisende herausfanden, hatte eine Frau zwei Reihen vor uns Blut gehustet und brauchte ärztliche Versorgung. Die Menschen, die nach vorne gerannt waren, wollten den Vorfall filmen. Dann ging allerdings das Gerücht um, dass die Frau Tuberkulose habe. Auf einmal wollte wohl doch niemand mehr in ihrer Nähe bleiben. In Chennai sollte sie ins Krankenhaus gebracht werden.

Ist Tuberkulose ansteckend? Und bin ich geimpft? 

Tatsächlich waren auch wir die kommenden zwei Stunden völlig panisch. Ich hatte vage im Kopf, dass Tuberkulose ansteckend ist, es dagegen aber auch Impfungen gibt. Ob ich die hatte? Keine Ahnung. Selten wollte ich lieber direkt meine Mutter anrufen. Im Flieger schaukelte sich die Stimmung währenddessen weiter hoch. Sollte die Frau Tuberkulose haben, müssten wir in Indien alle in Quarantäne, meinten einige. Dann ging das Gerücht um, eine weitere Person würde bereits Blut husten, bald seien wir alle infiziert. Von der Crew gab es nur wenige hilfreiche Informationen. Gebetsmühlenartig sagten sie immer wieder durch, dass wir jetzt nach Chennai fliegen würden. Wer sich auch schlecht fühlte, solle sich bei der Crew melden. Natürlich fühlten sich auf einmal alle schlecht.

Auf der Landebahn in Chennai spielten sich dann Szenen ab wie aus einem schlechten Hollywood-Film: Ein uralter Krankenwagen kam vorgefahren, die Patientin wurde mit einer Liege aus dem Flieger befördert. Dass die Rettungskräfte Blumenketten trugen, fand ich nicht gerade beruhigend. Meine Freundin und ich versuchten, trotz horrender Gebühren, unsere Eltern in Deutschland zu kontaktieren, um sie zu fragen, ob wir gegen Tuberkulose geimpft seien. Ich erinnere mich noch, dass meine Mutter mir eine SMS zurückschrieb: Sie glaube schon, meinen Impfausweis habe sie aber nicht zur Hand. Über Google fanden wir heraus, dass diese Impfung bis 1998 empfohlen worden war, es war also recht wahrscheinlich, dass wir sie hatten. Außerdem konnten wir noch nachlesen, dass Tuberkulose zwar als Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch übertragen wird, die Krankheit allerdings dann eher nicht innerhalb von fünf Minuten ausbricht. Dass um uns herum sich alle auf einmal schlecht fühlten, sprach also nicht dafür, dass sie wirklich Tuberkulose hatten. Unsere Freundin in Indonesien, die uns ja eigentlich demnächst am Flughafen abholen sollte, erreichten wir nicht.

Wer sich unwohl fühlt, möge jetzt sofort aussteigen

Nach mehreren Stunden ging es schließlich weiter, in meiner Erinnerung wurde in der Zwischenzeit noch eine zweite Person aus dem Flieger zum Krankenwagen gebracht, vielleicht dramatisiere ich das aber auch rückblickend. Woran ich mich auf jeden Fall erinnern kann: Als wir endlich in Chennai auf der Startbahn standen, kam auf einmal eine Durchsage. Ob ein Arzt an Bord sei, eine weitere Person fühle sich nicht gut. Und dann weiter: Wer sich unwohl fühle, solle bitte jetzt aussteigen, damit wir ENDLICH weiterfliegen könnten. Offenbar war mittlerweile sogar das Personal genervt von einem Flieger voller Hypochonder. Wir blieben sitzen.

Mit sechs Stunden Verspätung kamen wir am Ende in Indonesien an. Unsere Freundin war zwischenzeitig vom Flughafen wieder zurück ins Hostel gefahren – unser Flieger war auf einmal einfach von der „Ankommen“-Liste gefallen, weitere Informationen hatte sie nicht erhalten. Nach einer wirren Taxifahrt standen wir schließlich mitten in der Nacht bei ihr im Hostel-Zimmer. Ich glaube, wir haben uns noch nie so sehr gefreut, einander zu sehen.

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