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Stefan aus Rumänien war bereits mit Interrail unterwegs

Foto: Privat

Im Sommer ist Stefan Martin Iosif aus Rumänien zwei Wochen durch Europa gereist. Tschechien, Deutschland und die Niederlande standen auf seinem Programm. Für die Fahrt mit dem Zug hat der 18-Jährige nichts bezahlt – sondern die EU.

„DiscoverEU“ heißt das Projekt, bei dem bisher 15.009 Interrail-Tickets verlost wurden – darunter 577 an junge Rumänen wie Stefan. Selbsterklärtes Ziel der EU ist es, irgendwann jedem Jugendlichen in der EU zum 18. Geburtstag ein solches Zugticket schenken zu können. Der hochbürokratische Apparat EU soll mit Leben gefüllt werden und der Austausch zwischen den Jugendlichen aus insgesamt noch 28 Mitgliedsstaaten gefördert werden, so die Idee.

Tatsächlich ist die Nachfrage nach den Tickets bisher sehr hoch: 100.480 Jugendliche haben an der ersten Verlosungsrunde des Projekts „DiscoverEU“ teilgenommen.  Nun folgt ab Donnerstag eine zweite Runde mit weiteren 12.000 Tickets. Stefan kann jedem nur empfehlen, sich zu bewerben. „Diese Reise hat mein Leben verändert“, sagt er. Es sei seine erste Reise ganz auf eigene Faust gewesen. Er habe zwar versucht Freunde zu überreden, doch diese hätten keine Lust gehabt. Warum, das verstehe er bis heute nicht. Er selbst habe auf die Bewerbungsphase, die von Mitte Juni bis Ende Juli ausgeschrieben war, bereits seit dem 20. Februar hin gefiebert. An diesem Tag ist Stefan volljährig geworden.

Für ein Interrail-Ticket können sich nun erneut Jugendliche aus allen Ländern der Europäischen Union bewerben, alleine oder in Gruppen von bis zu fünf Personen. Innerhalb von 30 Tagen können sie mit einem Ticket so viele Länder durchqueren, wie sie wollen. Zwei Vorgaben gibt es allerdings: Die Jugendlichen müssen am 31. Dezember 18 Jahre alt sein, und mindestens ein Land, das nicht ihr Heimatland ist, bereisen wollen. Das Fortbewegungsmittel ist immer der Zug. Nur in Ausnahmefällen können die Teilnehmer streckenweise auch auf das Auto oder ein Flugzeug umsteigen.

Stefan hat sich eigentlich nicht für drei Länder sondern viel mehr  für drei Städte entschieden: Prag, Berlin und Amsterdam. In Berlin habe er sich bereits auf einer seiner früheren Reisen verliebt und deshalb noch einmal dort hingewollt, in Amsterdam wohne ein Freund von ihm, den er habe besuchen wollen und Prag habe ihn einfach so gereizt, sagt Stefan.

 „Ich bin alleine gereist, aber ich habe mich nie einsam gefühlt“, sagt Stefan. Der etwas schüchterne, junge Mann mit den braunen Haaren, hat das Rembrandt-Museum  besucht, sich mit einem Iren über die Geschichte des Inselstaats unterhalten und viel fotografiert. Erfahrungen, die er nicht mehr missen möchte. 

Auch wenn die EU für die Transportkosten aufkommt, Übernachtungen und Verpflegung müssen die Jugendlichen selbst bezahlen. Stefan hat für seine zweiwöchige Reise 600 Euro eingeplant. „Am Ende bin ich sogar noch mit ein bisschen Geld heim gekommen“, sagt er. Übernachtet habe er hauptsächlich in Hostels, denn das sei nicht nur günstig, sondern auch der beste Ort um gleichaltrige Leute kennenzulernen. Und ein Döner oder ein Bier koste nirgends mehr als ein paar Euro.

„Mir ist klar geworden, wie schön es ist, Europäer zu sein“

Dass das Geld bei Jugendlichen nicht immer so locker sitzt, weiß Manfred Weber, 46, aus eigener Erfahrung. Der Fraktionsvorsitzende der Europäischen Volkspartei im EU-Parlament war einer der Unterstützer der Idee von „DiscoverEU“, in seiner Jugend war er selbst zwei Mal mit Interrail unterwegs. Wie viel das Ticket damals genau gekostet habe, weiß er heute nicht mehr, aber „ich weiß noch, dass das es für mich als gerade 18-Jähriger doch eine Stange Geld war“. Beim ersten Mal seien sie immer mit dem Zug nach Liverpool gefahren und mit dem Nachtzug zurück nach London. Beim zweiten Mal ging es nach Italien. Er und seine Freunde hätten keinerlei Vorstellung von Sizilien gehabt, von Gangster- und Mafia-Filmen die dort spielen einmal abgesehen, sagt er. „Natürlich war das völliger Unsinn und entsprechend positiv überrascht waren wir von Land und Leuten“, sagt er.

Auch deshalb ist Weber das Projekt so wichtig: Sein Bild von Europa hat sich durch seine Erfahrungen stark verändert. „Mir ist durch die Reise bewusst geworden, wie schön Europa ist, wie vielfältig und reichhaltig an Kultur, Geschichte oder Lebensart. Und mir ist klar geworden, wie schön es ist, Europäer zu sein.“ Wenn es nach Weber geht, sollte jeder junge Europäer einmal diese Erfahrung machen.

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Manfred Weber, CSU-Politiker und Vorsitzender der EVP im europäischen Parlament

Foto: EVP-Fraktion

Noch herrscht bei der Verteilung jedoch ein gewisses Ungleichgewicht: So kamen in der ersten Phase 19.682 der Bewerber aus Deutschland, 2.427 von ihnen bekamen am Ende ein Ticket. Zum Vergleich: 121 junge Malteser haben sich beworben, 15 von ihnen bekamen ein Ticket. Natürlich hat Deutschland viel mehr Einwohner als Malta, im Schnitt hat so jeder achte Bewerber gratis Interrail nutzen können. Die Zahl der Bewerber in den einzelnen Ländern macht aber deutlich, dass die Teilnahme an der Kampagne des Parlaments in den Staaten, die am längsten EU-Mitglieder sind, auch am höchsten ist. Gleichzeitig sind das auch jene Länder, in denen die Mehrheit der Bürger sagt, dass ihr Land von der Mitgliedschaft profitiere. Das Vorhaben des Parlaments, mit dem Projekt den so oft heraufbeschworenen europäischen Geist auch in den Köpfen junger Menschen aus allen Ländern der EU zu verankern, scheint noch ausbaufähig.

Weber will das nicht beschönigen, ihm ist klar, dass die EU-Kommission an manchen Stellen noch nachbessern muss. „Das Konzept muss jedes Jahr weiter entwickelt und Probleme behoben werden“, sagt er. Die erste Testphase sei dennoch „ein erster, kleiner Erfolg“ gewesen, davon ist er überzeugt. Der beste Beweis dafür ist vielleicht, dass er und Stefan die gleichen Erfahrungen gemacht haben – und das, obwohl knapp 30 Jahre zwischen ihren Reisen liegen. „Interrail war eine der besten Erfahrungen, die ich bislang gemacht habe und ich habe viel über Europa gelernt“, sagt Stefan. Ein Satz, der so oder so ähnlich auch von Weber stammen hätte können.

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