„Dieser Bus steht für den Ausbruch aus der Zivilisation“

Der „Into the Wild“-Bus wurde aus der Wildnis entfernt. Fans fragen sich: Musste das sein? Ein Anruf bei der zuständigen Behörde in Alaska.
Interview von Marcel Laskus
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Foto: Courtesy Alaska Department of Natural Resources / Tobis Film / dpa - Bildfunk

1992 starb Christopher McCandless im Alter von 24 Jahren in der Wildnis von Alaska. Zuvor reiste er über zwei Jahre lang durch die USA. Über sein Leben schrieb Jon Krakauer 1996 das Buch „Into the Wild“, das 2007 verfilmt wurde. Seitdem reisten immer wieder Menschen, die sich von McCandless inspiriert fühlten, zu dem eingerosteten Schulbus in der Wildnis von Alaska, in dem McCandless bis zu seinem Tod gelebt hatte. Nun hat ihn die Nationalparkverwaltung entfernen lassen, was die Fans von Christopher McCandless sehr bedauern. Warum musste das sein? Und was passiert jetzt mit dem Bus? Ein Gespräch mit Dan Saddler, dem Sprecher des Department of Natural Resources, das den Bus entfernen ließ.

jetzt: Für einen Teil der Generation Y war Christopher McCandless’ Aussteigerleben eine Inspiration, gerade durch den Film „Into the Wild“. Viele bedauern, dass der Bus jetzt entfernt wurde. Herr Saddler, haben Sie ein schlechtes Gewissen?

Dan Saddler: Nein. Wir haben ein sehr gutes Gewissen bei dem, was wir getan haben. In den letzten Jahren gab es so viele Nachrichten über Menschen, die sich verletzt haben oder die sogar gestorben sind, weil sie zum Bus wandern wollten. Die Tatsache, dass immer wieder Menschen auf unserem Grund sterben, hat uns dazu geführt, endlich zu handeln.

Der Bus stand am Rande des Denali Nationalparks mitten in Alaska. Was waren die genauen Probleme?

Wir messen nicht die Zahl der Besucher, aber natürlich haben wir mitbekommen, dass Menschen zum Bus aufbrechen, die einfach nicht für diesen Trip vorbereitet sind. Ein Hollywood-Film lässt die Natur von Alaska romantisch aussehen. So, als könnte man sie einfach bewältigen. Aber der Ort, an dem der Bus steht, ist ein abgekapseltes Gebiet. Man kommt nur sehr schwer dorthin. Genauer gesagt: durch einen Fluss, der zum reißenden Strom werden kann. 

„Einmal kam ein junges Pärchen aus Weißrussland hierher, um seine Hochzeitsreise zum Bus zu unternehmen“

Welcher Unfall ist Ihnen in Erinnerung geblieben?

Einmal kam ein junges Pärchen aus Weißrussland hierher, um seine Hochzeitsreise zum Bus zu unternehmen. Sie haben versucht, den Teklanika River zu übertreten, der zum Bus führt. Es gibt ein Seil, das über den Fluss reicht. An ihm kann man entlang klettern, um den Fluss zu überqueren. Aber die Frau verhedderte sich darin und geriet unter das Wasser. Wir haben sehr schnelle, sehr kalte Flüsse in Alaska mit sehr gefährlichen Felsen darin. Man kann sie überqueren, das schon. Aber man muss genau wissen, wie es geht. Dieses Paar wusste es nicht. Die Frau ist gestorben.

Solche Vorfälle gab es immer wieder. Man hätte den Bereich auch absichern oder Strafen einführen können. Warum war es nötig, den Bus gleich zu entfernen?

Wir haben Jahre darüber nachgedacht, das zu tun. Aber irgendwann haben wir gesehen, dass die Kosten den Nutzen überstiegen haben. Nun hat uns die Army geholfen und den Bus abtransportiert. Wir glauben, es war an der Zeit. Die lokale Regierung in Denali hatte einen einstimmigen Beschluss gefasst, den Bus entfernen zu lassen. Wir wollen, dass Menschen Alaska besuchen und die Reise ihres Lebens haben. Mich als Alaskaner hat es traurig gemacht, zu sehen, wie Menschen die Schönheit der Natur erleben wollen und dann sterben.

Verstehen Sie, dass viele Menschen nun traurig sind?

Wir haben von sehr vielen Leuten gehört, dass sie traurig sind. Gerade viele Menschen außerhalb von Alaska sind enttäuscht. Was ich sagen kann, ist: Man wird den Bus besuchen können. Dieser Bus steht für den Ausbruch aus der Zivilisation, für die Flucht aus dem Alltag und Vertrauen in sich selbst. Aber das, was der Bus repräsentiert, sollte nicht davon abhängig sein, an welchem Ort er steht. 

Wo wird der Bus künftig zu sehen sein?

Fest steht: Wir wollen damit nicht reich werden. Er wird auch in Alaska bleiben. Und jeder wird ihn sehen dürfen. Etliche Museen und Ausstellungsorte haben bereits angefragt, ob sie den Bus in ihrer Sammlung haben können. Nun werden wir sehen, wie wir weitermachen.

Der Bus in einem Museum – für viele wird das nicht so authentisch sein. Ist es dann nicht wie in Disneyland?

Das ist Teil des Problems. Viele haben starke Gefühle und Gedanken, die sie mit dem Bus verbinden. Aber Tatsache ist: Das ist ein 70 Jahre alter Bus, der in der Wildnis vor sich hinrostet. Das ist kein Traum, sondern ein realer Gegenstand, der reale Probleme und reale Kosten verursacht hat. Wir verstehen, wie viel Bedeutung einige Menschen dem Bus entgegenbringen. Wir haben den Bus nicht zerstört oder verändert. Wir werden einen Ort finden, an dem man den Bus besuchen kann, ohne über Gletscherflüsse laufen zu müssen.

Für viele war es offenbar dennoch beinahe wie ein religiöser Ort.

Alaska ist ein riesiger, wunderschöner Ort. Man kann hier spirituelles Glück überall finden. Aber dafür braucht man keinen Bus.

Er war jung, er war idealistisch – und er war nicht vorbereitet auf die Wildnis

Wann haben Sie zu zum ersten Mal von Christopher McCandless gehört?

Das muss 2007 gewesen sein. Ich habe weder das Buch gelesen noch den Film gesehen. Es wurde einfach zum Gesprächsthema hier in Alaska. Ich weiß: Er war jung, er war idealistisch – und er war nicht vorbereitet auf die Wildnis. Sein Idealismus kam nicht an gegen die raue Realität von Alaska.

Warum denken Sie, kam Christopher McCandless ausgerechnet nach Alaska?

Unser Motto ist: „The last Frontier“. Zum amerikanischen Selbstverständnis gehört es, dass es immer einen neuen Ort gibt, an den man gehen kann – nach Norden oder nach Westen – um der Zivilisation zu entkommen. Dass man ein neues Leben aufbauen kann. Dass man auf seine eigenen Fähigkeiten vertrauen kann. Alaska zieht etliche Menschen an, die auf sich selbst vertrauen. Genau deshalb kommen so viele Menschen zu uns, die genauso denken wie Chris McCandless. Wir heißen sie willkommen. Sie geben unserem Staat unseren wundervollen Charakter. Die meisten finden hier ihr Glück. Traurigerweise kommt es manchmal vor, dass manche dabei sterben.

Was ist Ihr Rat an Menschen, die sein wollen wie Chris McCandless?

Ich würde sagen: Es ist möglich, aus der Zivilisation abzuhauen. Aber es ist auch möglich, es nicht zu einem One-Way-Trip zu machen, sondern zurückzukehren. Seid euch klar über die Gefahren und Risiken eines Ausflugs in die Wildnis. 

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