Was mir das Herz bricht: Menschen an ihrem letzten Urlaubstag

Die Erholung weicht schon aus ihren Gesichtern wie billige Sonnencreme bei der ersten Berührung mit Wasser.
Von Berit Dießelkämper
Illustration: Daniela Rudolf

Es ist nicht schwer, Menschen an ihrem letzten Urlaubstag zu erkennen. Man begegnet ihnen im Zug zwischen der großen Stadt mit Flughafen und den kleineren Städten im Umkreis ohne Flughafen. Da stehen sie dann, halten ihre Koffer fest in diesem seltsamen Zwischenraum zwischen Urlaub und Arbeit: der Rückreise. Von Erholung zeugen nur noch ihre Bräune und die kryptischen Flughafenkürzel, die noch an ihren Koffern kleben, aber sie sind schon erschöpft, vom Flug, vom Kofferschleppen – und von den Gedanken an Alltag und Arbeit, die nur noch ein paar Stationen S-Bahn-Fahrt entfernt sind und schon hämisch um die Ecke grinsen.

Ihr Anblick bricht mir das Herz. Ich blicke in ihre gebräunten, traurigen Gesichter und glaube zu wissen, was sie denken: Das war’s jetzt erstmal mit schönem Leben. Here comes der Alltagstrott. Etwas in mir zerreißt, wenn ich sehe, wie die hart erarbeitete Erholung der letzten Tage aus ihren Gesichtern weicht wie eine billige Sonnencreme bei der ersten Berührung mit Meerwasser.

Manchmal trifft man diese Menschen an ihrem letzten Urlaubstag auch noch am Ferienort. Sie sitzen verloren und viel zu früh aus ihren Zimmern verbannt in der Hotellobby und warten auf den Flughafentransfer ihres Pauschalreise-Anbieters. Sie sind zwar noch am Ort ihrer Träume, aber man drängt sie schon Richtung Ausgang. Sie wirken wie die letzten Gäste im Club, wenn das Licht schon an ist und der Barkeeper die Stühle hochstellt. Badehose und Sonnenbrille sind schon längst verpackt, der Strand ist zwar noch in der Nähe, aber trotzdem schon unglaublich weit weg.

In Wahrheit ist der letzte Urlaubstag nämlich nur ein Scheißtag in einem schönen Kostüm

Während zu Beginn des Urlaubs noch das gesamte Gepäck in einen Rollkoffer passte, tragen die Abreisenden nun zusätzlich schlampig gepackte Tüten und Taschen bei sich. Sie wirken schlaff. Ihre Körper sind von zwei Wochen all-inclusive aus der Form getrieben und in ihren glasigen Augen spiegelt sich die blanke Angst vor der kommenden Arbeitswoche. Ihre Gesichter erzählen von der Furcht vor ihrer Rückkehr ins Büro, vor dem übervollen E-Mail-Postfach, das sie erwartet, und vor der Gleichgültigkeit, die ihnen entgegenschlagen wird: „Ach, du bist schon wieder da? Super, wir haben viel zu tun!“ In ihren Gedanken haben sie bereits die erste Maschine Wäsche angestellt.

Sie brechen mir das Herz, denn sie alle wurden betrogen. Vom letzten Urlaubstag. In Wahrheit ist der letzte Urlaubstag nämlich nur ein Scheißtag in einem schönen Kostüm. Er verspricht viel und hält fast nichts davon. Schon der Name ist eine Verarschung: Eigentlich sollte man ihn konsequent Abreisetag nennen. Letzter Urlaubstag –  das klingt, als sei der Tag noch Teil des Urlaubs, eben einfach der letzte Tag davon, aber sein gehässiges Gesicht kann er hinter der Maskierung nicht verbergen, und auch nicht sein wahres Vorhaben: Er beendet die Erholung brutal und schon einen Tag zu früh.

Der letzte Urlaubstag verspricht der Tag zu werden, an dem man all die Urlaubs-Dinge noch ein letztes Mal macht: das letzte Mal im Meer schwimmen, das letzte Mal in dem kleinen Café unten am Hafen frühstücken, das letzte Mal durch die engen Gassen der Altstadt stromern oder ein letztes Mal den Geruch der Pinien einatmen, der so inhärent mit dem Gefühl von warmen Urlaubstagen verbunden ist. Aber dann besteht der Tag vor allem aus: viel länger packen, als man veranschlagt hatte, das Appartement reinigen und Betten abziehen, recherchieren, wie man zum Flughafen kommt, schon mal online einchecken, dafür den verdammten Buchungscode suchen und den Koffer, den man grade gepackt hatte, noch mal öffnen, sodass alles, das man mühsam reingestopft hatte, wieder hervorquillt.

Die Langsamkeit, die man sich im Urlaub mühevoll antrainiert hat, lässt die letzten Stunden wie Sand in den Händen zerrinnen

Und dann sind da noch die Dinge, die man bisher nicht getan hat im Urlaub. Denn so wie man einige Aktivitäten für Regentage aufspart, verschiebt man andere auf später, weil faul am Strand liegen aktuell viel verlockender klingt. Und so sammelt sich eine beachtliche Anzahl an Dingen an, die alle den Stempel „das können wir immer noch am letzten Urlaubstag machen“ tragen: Souvenirs und Postkarten kaufen zum Beispiel. Oder die Flaschen Wein aus dem Feinkostladen als Dankeschön für den guten Freund besorgen, der das Haus und die Blumen behütet hat. Dabei vergisst man, dass am letzten Tag niemals genug Zeit sein wird, um auch nur irgendetwas davon zu schaffen. Die Langsamkeit, die man sich im Urlaub so mühevoll antrainiert hat, lässt die letzten Stunden wie Sand in den Händen zerrinnen. Die Postkarten kauft man dann am Flughafen und wirft sie zu Hause in die Post.

Auch den Sprung von der steinigen Klippe am Rand der Badebucht hat man bis zum letzten Urlaubstag hinausgezögert. Tagelang hat man dem Schauspiel der Mutigen voll Bewunderung zugesehen und sich gewünscht, es auch zu tun – wenn auch mit weniger Eleganz. Und so steigt man im Bewusstsein, dass das die letzte Chance ist, sich selbst und den Mitreisenden seinen Mut zu beweisen, die Klippe hinauf. Jedoch ist ein weiterer unangenehmer Nebeneffekt des letzten Urlaubstages auch die Rückkehr der Rationalität. Während man sich die vergangenen Tage pflichtvergessen treiben lassen konnte, bringt der letzte Urlaubstag die Verantwortung und Konsequenzen zurück: Was, wenn da unten doch ein scharfer Fels ist? Nächste Woche ist das wichtige Meeting mit der Arbeitsgruppe, da kann ich auf keinen Fall fehlen. Und so zieht man unverrichteter Dinge ab.

Das Gefühl des Versagens begleitet einen noch bis zum Flughafen, an dem man bereits Stunden zu früh sitzt, denn der Shuttle des Reiseveranstalters fährt nur gesammelt und nur wenige Male am Tag. Grausame Stunden, in denen man verloren durch die Abflughalle und die Duty-Free-Shops zieht, alleingelassen mit seinen Gedanken an das, was noch hätte sein können.

Kaum haben dann die Räder des Ferienfliegers das heimatliche Rollfeld berührt, die Anschnallzeichen sind noch längst nicht erloschen, schalten die ersten Business-Kasper ihre Handys ein. Ein beinahe übergriffiges Pfeifkonzert der Mobiltelefone (die man natürlich nicht auf lautlos stellt, denn das gehört zum Ritual) erklingt und läutet das offizielle Ende des Urlaubs ein. In dieser Sekunde prasselt zum ersten Mal wieder der Arbeitsalltag auf die Menschen nieder. Das Hamsterrad läuft wieder.

Ein ähnlich trauriges Bild erwartet einem am Kurzzeitparkplatz vor dem Ankunftsterminal: Eltern laufen hektisch um ihr Auto herum und versuchen unter Missachtung jeglicher Ladungssicherungsvorschriften alle Koffer, Taschen und Tüten vom Gepäckwagen in jeden noch so kleinen Zwischenraum zu stopfen. Auf der Rückbank sitzen quengelnde Kinder, die keinen Bock haben, nach dem langen Flug auch noch Stunden im Auto sitzen zu müssen. Aus dem Radio schallen laut lustige Kinderlieder und man weiß: Jetzt wird es richtig stressig.

Es ist herzzerreißend, denn niemand kann den Grausamkeiten des letzten Urlaubstages beziehungsweise des Abreisetags entgehen. Es sei denn – und dieser Gedanke ist jedem Urlauber sicherlich schon einmal durch den Kopf gegangen – man reist einfach nie wieder ab.

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