Wie gehen Katholiken mit dem Wissen um die Missbrauchsfälle in der Kirche um?

Wie gehen Katholiken mit dem Wissen um die Missbrauchsfälle in der Kirche um?

Foto: arthurbraunstein / photocase.de

Die Bischofskonferenz hat an diesem Dienstag eine umfassende Studie vorgestellt, die tausende Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche dokumentiert. Bei 4,4 Prozent aller in der Studie berücksichtigten Kleriker wurden Hinweise auf den sexuellen Missbrauch Minderjähriger gefunden; es handele sich dabei um eine „untere Schätzgröße“.

Was bedeuten diese Ergebnisse für junge Menschen, die sich in der katholischen Kirche engagieren und sich als gläubige Katholiken verstehen? Wir haben mit drei von ihnen darüber gesprochen, ob man sich jetzt erst recht für die Kirche einsetzen sollte – oder lieber austreten.

„Kann man die überhaupt mit Kindern arbeiten lassen?“

Sebastian 21, Pfarrjugendleiter und Gruppenleiter in der Münchner Gemeinde Maria Immaculata.

Sebastian 21, Pfarrjugendleiter und Gruppenleiter in der Münchner Gemeinde Maria Immaculata.

Foto: privat

„Wenn ich die Ergebnisse dieser Studie höre, bekomme ich einen Kloß im Hals. Und ich bin irgendwie froh, dass ich selbst nicht betroffen bin oder das mitbekommen musste. Natürlich ist das scheiße. Mir ist jetzt umso wichtiger, dass noch viel mehr an der Kirche gearbeitet wird. Ich will die Menschen überzeugen: Bei uns ist es nicht so und wir setzen alles daran, dass so etwas bei uns nie vorkommen wird. Im eigenen Alltag ist die logische Reaktion natürlich, diese Nachrichten über Missbrauch in der Kirche zu verdrängen. Aber das darf nicht passieren. Man muss darüber sprechen und sich bemühen, dass es besser wird.

Vielleicht sind noch intensivere Background-Checks bei den Leuten nötig. Kann man die überhaupt mit Kindern arbeiten lassen? Da muss man doch am Anfang aufpassen und nicht erst, wenn es zu spät ist. Klar finde ich es nicht gut, wenn der Papst einen US-Kardinal rehabilitiert, der vermutlich Kinder missbraucht hat. Und klar macht es mich sauer, wütend, angepisst. Aber eigentlich ist ,schrecklich‘ ein viel besseres Wort. Ich finde es schrecklich.

Kirche ist für mich Gemeinschaft, Zusammengehörigkeit, ich habe einen Ort, an den ich gehen kann, wenn ich Probleme habe. In der Kirche treffen sich Menschen, die ganz verschiedene Sachen machen. Egal mit welcher Frage jemand kommt, Hilfe findet er eigentlich immer. Und das ist das, was Kirche für mich ist. Die Missbrauchsfälle sind für mich kein Grund, auszutreten. Ich will jetzt im Gegenteil noch viel mehr in der Kirche bleiben und dafür kämpfen, dass so etwas nicht mehr passiert.

Ich finde aber auch, dass man die katholische Kirche nicht so krass angreifen darf, sondern, dass es der einzelne Mensch an sich ist, der da versagt. Wenn die Kirche solche Menschen schützt, ist das aber natürlich schlimm. Ich glaube, das liegt zum Teil an diesem Einbahnstraßendenken: Die Kirche meint immer, sie sei perfekt, zumindest die Verantwortlichen denken das. Deswegen dürfen Fehler nicht öffentlich gemacht werden, so ist der Gedanke dahinter. Anders kann ich mir das nicht erklären. Man müsste dafür sorgen, dass die Verantwortlichkeit bei Menschen liegt, die differenzierter denken. Vielleicht müsste die Kirche auch mehr mit Außenstehenden arbeiten und sich nicht nur auf sich selbst konzentrieren. Sondern andere Menschen oder Organisationen mit einbeziehen.“

„Diese ganze verklemmte Sexualität hat System“

Maria, 27, Katholikin und aktives Gemeindemitglied in Nürnberg

„Dass es möglich ist, dass ein Papst, der für Millionen von Gläubigen weltweit wirklich alles ist, den Deckmantel des Schweigens über Verbrechen hüllt und bei der Aufarbeitung dieser Fälle so unchristlich agiert – das finde ich schon einen Hammer. Und genauso ist es mit allen, die hinter dem Papst stehen: dass es Leute gibt, die eine Modernisierung der Kirche bremsen, diesen ganzen alten Scheiß bewahren – so muss man es leider sagen – und Menschen schützen, die Kinder missbrauchen, das ist genauso verantwortungslos.

Wenn ich die Ergebnisse dieser Studie höre oder Nachrichten dazu lese, schockiert mich das. Und ich finde das natürlich schrecklich. Aber wenn ich das übertrage auf meinen Glauben, passiert da gar nichts bei mir. Ich kenne selbst zwei Leute, die auf einem katholischen Internat waren und einen Knacks haben. Heute weiß man, dass es genau an diesem Internat auch Kindesmissbrauch gab. Und natürlich frage ich mich, ob das zusammenhängt. Also ist das sogar relativ nah dran an mir, aber da passiert irgendwie nichts. Ich weiß nicht, ob das daran liegt, dass die katholische Kirche für mich in Wahrheit gar nicht so eine große Rolle spielt, oder dass ich es den Menschen, die ich mit Kirche verbinde, natürlich nicht zutraue. Auf meinen katholischen Glauben hat das jedenfalls keine Auswirkungen.

Ich glaube, diese ganze verklemmte Sexualität hat schon System. Das Zölibat gibt es seit Jahrhunderten und mit ihm hat sich ein ganzes System von Schweigen und Unterdrückung aufgebaut. Und das trifft dann die Schwächsten, das ist zumindest meine These. Andererseits passiert Kindesmissbrauch ja auch in Sportvereinen, und da gibt es keine zölibatären Regeln. Kindesmissbrauch gibt es überall, aber dass es so systematisch passiert, dass ist schon schockierend. So wuchern kann das doch nur, wenn es geschützt wird von oben. Und das ist das, was mich wütend macht: diese ganze Kumpanei.

Die Geborgenheit, die ich vom Glauben kriege, ist völlig entkoppelt von der Institution. Wenn es mir nicht gut geht, gehe ich halt in die Kirche. Ich mag es zu wissen, dass ich mich dort ungestört auf eine Bank setzen und beten oder eine Kerze anzünden kann – das ist meine Connection zur Kirche. Und tatsächlich freue ich mich auch, wenn ich eine katholische Kirche finde, weil die, anders als die evangelischen, immer offen sind. Das tut mir gut und es beruhigt mich, das zu wissen. Aber das hat für mich mit der Institution nichts tun. Ich löse den Glauben von ihr los.“

„Ich wünsche mir eine Entschuldigung für die Opfer und ein Angebot für Betroffene“

Paula, 22, engagiert sich in der Pfarrjugend St. Johann Baptist in München und studiert Deutsch als Fremdsprache.

Paula, 22, engagiert sich in der Pfarrjugend St. Johann Baptist in München und studiert Deutsch als Fremdsprache.

Foto: privat

„Ich finde es ganz schön naiv von der Kirche, Männern die Sexualität zu verbieten und dann davon auszugehen, dass nichts passiert. Das ist das Erste, was mich wütend macht. Wofür ich außerdem kein Verständnis habe: Es ist jetzt nicht das erste Mal, dass herauskommt, dass etwas passiert ist. Dass es Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche gab und gibt, ist schon seit Jahren bekannt. Und es wird nie was getan. Nie werden Leute zur Verantwortung gezogen, habe ich das Gefühl. Alles wird unter den Teppich gekehrt. Die Kirche schützt Verbrecher. Verbrecher schützen und Nächstenliebe, das passt nicht zusammen. Und Nächstenliebe und Gemeinschaft sind die Aspekte, die mir am Wichtigsten sind. Mit dem Glauben kann ich mich auch identifizieren, aber mit den Ansichten der katholischen Kirche? Überhaupt nicht mehr.

Ich glaube, es geht vielen Menschen in meinem Alter so. Ich stehe zum Beispiel zu 100 Prozent hinter der gleichgeschlechtlichen Liebe und der Ehe für alle. Wenn ich mit Freunden zum CSD gehe, muss ich mich dafür rechtfertigen, dass ich mich in der katholischen Kirche engagiere. Ich sage dann immer, dass ich nicht wegen der Kirche in der Pfarrjugend bin. Sondern wegen der vielen verschiedenen jungen Menschen. Ich finde es toll, was wir da alles auf die Beine stellen. Aber Glaube und Kirche muss ich ganz klar trennen. Denn ich will den Glauben nicht ganz aus meinem Leben streichen.

Ich wünsche mir auch ein Angebot für Betroffene, eine externe Stelle, an die man sich wenden kann. Für die Betroffenen muss es doch am Schlimmsten sein, immer wieder lesen zu müssen, dass sich nichts ändert. Das Statement von Kardinal Marx, das heute veröffentlicht wurde, beinhaltet ja schon eine deutliche Entschuldigung. Aber die kommt gefühlt 30 Jahre zu spät. Und das entkräftet sie meiner Meinung nach wieder. Außerdem ist in dem Statement immer wieder von Verantwortung und Wegschauen die Rede – aber nicht ganz klar von Schuld. Es kommt für mich so rüber, als hätte die Kirche weggeschaut und etwas nicht verhindert, aber nicht, dass sie selbst mit schuld ist, die Mitglieder, die Oberhäupter. Wenn das so weitergeht, dass ich zur Kirche immer weniger Zugehörigkeitspunkte finde, dann muss ich mir was überlegen. Ich denke oft über den Austritt nach.“

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