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Foto: Nadine Platzek, seraph / photocase.de; Bearbeitung: jetzt

Leute, ihr müsst euch jetzt festhalten. Wir befinden uns nämlich momentan in einer extrem schwierigen Situation. Der Merkur ist in einer rückläufigen Phase und das bedeutet für uns Menschen hier auf der Erde Stress. Stress im Job, in der Liebe, Gedächtnislücken und versäumte Verabredungen. All das, weil der Merkur in die entgegengesetzte Richtung zu laufen scheint, was aber tatsächlich nur eine optische Illusion ist. Aber das stört ja keinen großen Geist.

„Mercury in Retrograde“ ist nicht nur eine Nagellack-Farbe, sondern tatsächlich der Grund, mit dem eine ganze Menge vermeintlich normaler Menschen ihr schräges Verhalten begründen. Noch bis Mitte August können sie sämtlichen Scheiß auf den rückläufigen Merkur schieben: verunglückte Verhandlungen, misslungene Kommunikation, unterbrochene Telefonate. Danach ist dann wieder die eigene Schusseligkeit ursächlich, solange jedenfalls, bis sich Merkur wieder umdreht, was drei bis vier Mal pro Jahr vorkommt.

Woher ich das weiß? Jedenfalls nicht aus der „Esoteriker-Woche“, die im Naturkostladen meines Vertrauens ausliegt. Sondern aus meiner Timeline auf Twitter, Facebook und Instagram. Von der ich bis vor einiger Zeit dachte, sie sei hauptsächlich mit ziemlich coolen Menschen bestückt. Und das denke ich eigentlich immer noch. Nur sagen diese eigentlich ziemlich coolen Menschen in letzter Zeit immer häufiger Sachen wie: „Ich habe meine neue Wohnung ja nach dem Einzug mit einem Salbei-Räucher-Ritual eingeweiht und geerdet.“

Oder sie erzählen mir davon, mit welchen Kristallen sie sich umgeben, welcher Stein zu mir passen könnte und welche fabelhaften Auswirkungen er auf das Leben im Allgemeinen und Speziellen habe. Andere fragen mich völlig ungeniert nach meinem Sternzeichen – und zwar nicht erst nach dem fünften Weißbier. Sondern vollkommen nüchtern und ernsthaft.

Leider lässt sich das Jahreshoroskop nicht von der Steuer absetzen

Als ich neulich mit Menschen zusammensaß, die ein ziemlich erfolgreiches Klein-Unternehmen führen, und sie beiläufig erzählten, sie hätten für eben jenes Unternehmen ein „Jahreshoroskop“ erstellen lassen (für sehr teures Geld), musste ich zwei Mal nachfragen, weil ich mir absolut sicher war, mich verhört zu haben. Hatte ich nicht. Für diese Business-Menschen war das ein ganz normaler Vorgang, man muss ja schließlich wissen, worauf man sich im neuen Geschäftsjahr einlässt. Nur blöd, dass die Kosten nicht von der Steuer absetzbar sind.

Jetzt könnte man natürlich denken: Was geht mich das an, wenn die Autorin eine Menge flitzpiepige Bekannte hat?

Aber Tatsache ist: In diesem Fall bin ausnahmsweise nicht ich schuld, sondern die andern sind es. Die spinnen. Und zwar nachweislich und zunehmend. Einer Studie aus den USA zufolge zum Beispiel, glauben dort mehr als die Hälfte der jungen Menschen, dass Astrologie eine Wissenschaft sei. Lana del Rey, bisher eher als Sängerin bekannt, hat sich zur Hexe fortbilden lassen. Und auch hierzulande glaubt man scheinbar ziemlich viel Quark: Zuletzt hat eine „Elfenbeauftragte“ die Autobahn A2 bei Hannover „energetisch versiegelt“, um die Unfallserie auf der Strecke zu stoppen – mit dem Segen der Landesstraßenbaubehörde Hannover. 

Selbsterklärte feministische Online-Magazine präsentieren komplett unironisch und ohne auch nur ansatzweise eine Erklärung oder Einordnung abzugeben, Tages-, Wochen- und Monatshoroskope. Sie haben Haus-Astrologen, die ausführlich zu Wort kommt. Es gibt unzählige Apps, die formschön, modern und extrem intuitiv programmiert sind und einem aus der Hand lesen oder wahlweise die Sterne deuten. Und natürlich hat fast jeder (weibliche) Influencer auf dem Nachttisch ein paar formschöne Kristalle herumliegen.

Es gibt viele Gründe, Angst zu haben

Irgendwie kann ich diese Hinwendung zum Übernatürlichen auch ein bisschen nachvollziehen. Die neue Esoterikwelle kommt zu einer Zeit, in der viele Menschen Trost brauchen, denn die Welt ist gerade kein besonders schöner Ort. Es gibt sehr, sehr viele Gründe, Angst vor der Gegenwart und der Zukunft zu haben. Die Globalisierung der Wirtschaft hat massive Folgen für Mensch und Umwelt und lässt den Einzelnen machtlos zurück. Der Klimawandel bedroht unsere Existenz. Die Überfülle, ständige Verfügbarkeit und Gleichzeitigkeit von Informationen kann einen schier verrückt machen. Wir haben die Möglichkeit, uns über alles zu informieren, müssen aber gleichzeitig die Leistung erbringen, „echte Nachrichten“ von „fake news“ zu unterscheiden, die uns häufig gleichwertig präsentiert werden. Dass wir uns infolge dieser Entwicklungen zurückziehen, auf uns selbst besinnen wollen, Netflix glotzen und uns am Wochenende beim „Wellness“ vom Stress erholen, ist eigentlich kein Wunder.

Und genau dieser Wellness-Wahn, dem viele Menschen anheimgefallen sind, hat der Esoterik Vorschub geleistet. Denn Wellness an sich ist ja schon eine Glaubensrichtung: Wir glauben daran, dass uns die Schichten koreanischer Kosmetik-Essenzen, die wir uns täglich auf die Haut kleistern, zu babyzarter Haut verhelfen können. Wir massieren uns mit Wurzelbürsten und dämpfen die Vagina, weil irgendeine Hollywood-Schönheit uns das als Lösung für all unsere Probleme empfiehlt. Wir glauben, dass ein Wochenende im Wellness-Hotel den Stress der letzten Monate von uns abwaschen kann. Und wenn wir nur regelmäßig genug Kokosöl auftragen und verzehren, dann werden wir innerlich wie äußerlich so weich wie das Öl selbst. Wir glauben diesen Heilsversprechungen auch deshalb so gerne, weil sie verhältnismäßig leicht zu befolgen sind. Und weil man die Zutaten so praktisch im Online-Shop besorgen kann.

Gegen all diese lauten Wellness- und Eso-Stimmen kommen die alten Experten aus der Schulmedizin und der Wissenschaft nur schlecht an, die immer das Gleiche, Langweilige, Deprimierende zu erzählen haben: dass es für diese Heilsversprechen keinerlei Beweise gibt, dass wir uns gesund ernähren, Sport treiben, nicht trinken, nicht rauchen, keine Drogen nehmen sollen. Sondern früh zu Bett gehen. Und akzeptieren, dass zum Leben Ungerechtigkeiten und Schicksalsschläge dazu gehören.

Klar, dass man so was nur ungern hört und sich deshalb ganz gerne von selbsterklärten Experten erzählen lässt, dass nur der Merkur schuld ist. Und die Sünden der vergangenen Jahre sich ganz leicht mit einem Teelöffel Kokosöl abrubbeln lassen.

Nur doof, dass sich diese Heilsversprechen nie erfüllen werden. Weshalb ich an dieser Stelle wieder für den guten, alten gesunden Menschenverstand plädieren möchte: Etwas weniger Horoskope und ein bisschen mehr Logik würde uns allen guttun. Aber die Kristalle, die könnt ihr behalten. Denn die sind ja nun wirklich, ganz objektiv betrachtet, ausgesprochen schöne Staubfänger.

Mehr Glauben als Wissen: