"Hier im Osten sind Kontakte mit Ausländern selten"

Frank Tillmann vom deutschen Jugendinstitut erklärt den Erfolg der AfD bei jungen Wählern.
Interview: Christina Waechter
Bild: dpa/Jan Woitas

 In Sachsen-Anhalt hat die AfD bei der Landtagswahl ihren bisher größten Erfolg eingefahren: Mit mehr als 24 Prozent ist sie aus dem Stand die zweitstärkste Partei geworden. Vor allem junge Menschen haben der rechtskonservativen Partei ihre Stimme gegeben, die im Wahlkampf mit Stimmungsmache gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung punkten konnte. Frank Tillmann ist stellvertretender Leiter der Außenstelle Halle des Deutschen Jugendinstituts. Er versucht, das Wahlverhalten  in Sachsen-Anhalt zu erklären. 

Herr Tillmann, waren Sie vom Ergebnis der gestrigen Wahl überrascht? 

Ja. Man war ja mit den Wahlprognosen auf ein Ergebnis von 20 Prozent eingestimmt worden. Dass die AfD dann ihr Wahlziel tatsächlich erreicht hat, hat mich überrascht.

Wie kann es sein, dass die Partei gerade bei den Jungen so erfolgreich ist?

Man muss das wohl etwas differenzierter sehen: Die AfD war bei den 18- bis 24-Jährigen die stärkste Partei. Aber der Anteil von AfD-Wählern bei der Altersgruppe der 25- bis 44-jährigen ist noch mal höher. Das AfD-Wählerpotential liegt also nicht nur bei den Erstwählern. Und um ein noch genaueres Bild zu zeigen: Die Landeszentrale für Politische Bildung hat auch dieses Jahr wieder eine U18-Wahl in Sachsen-Anhalt veranstaltet, an der ungefähr 4000 Jugendliche unter 18 Jahren teilgenommen haben. Und bei der Junior-Wahl kommt die AfD gar nicht so gut weg. Da hatte sie nur knapp zwölf Prozent und kam damit hinter der CDU, Der SPD und den Grünen auf Platz vier.

Ist das Wahlergebnis Ausdruck von Protest?

Das kann man schon als Denkzettel interpretieren. Ein Faktor ist möglicherweise die verhältnismäßig hohe Jugendarbeitslosigkeit und die vielen jungen Menschen, die prekär beschäftigt sind, in Leiharbeit oder im Niedriglohnsektor.

Haben da die etablierten Parteien versagt?

Ich würde es mal so formulieren: Die Belange von Jugendlichen als eher kleine Wählergruppe stehen sicherlich nicht unbedingt im Mittelpunkt dessen, wofür sich die Parteien bisher eingesetzt haben.

Die AfD hat ja im Wahlkampf vor allem Stimmung gegen Migranten und Angela Merkels Flüchtlingspolitik gemacht. Warum konnte sie damit besonders viele junge Menschen ansprechen?

In Sachsen-Anhalt gibt es kaum Ausländer. Und da kommt die sogenannte Kontakthypothese zum Tragen: Dass sich nämlich Ressentiments gegenüber Fremden und Ausländern besonders dann aufrechterhalten lassen, wenn man nie mit diesen Menschen zu tun hat. In anderen Bundesländern ist es ganz normal, dass in der Schulklasse und im Freundeskreis Menschen mit Migrationshintergrund sind. Da schwächen sich dann viele Ressentiments ab, weil man merkt: Die sind ja gar nicht so. Hier im Osten sind Kontakte mit Ausländern einfach selten.

Hat es auch etwas mit der Struktur des Bundeslandes zu tun?

Sachsen-Anhalt ist ein eher ländlich geprägtes Gebiet ohne Metropolen. Während Städte als Integrationsmaschinen gelten, hat der ländliche Raum keine so hohe Integrationskapazität. Menschen auf dem Land sind sozial enger vernetzt. Fremde finden da sehr schwer Zugang. Dazu kommt, dass wir große demografische Probleme haben: Wir haben hier einen enormen Bevölkerungsrückgang. Von 2008 aus gesehen wird im Land bis 2025 ein Rückgang der Wohnbevölkerung von knapp 20 Prozent erwartet.

Wer wandert da ab?

In den Untersuchungen zeigt sich, dass vor allem junge Menschen abwandern und zwar die ganz jungen zwischen 17 und 22 Jahren. Die sind nach der Schule auf der Suche nach einer Ausbildung oder direkt nach der Ausbildung auf Jobsuche. Und das sind dann natürlich eher diejenigen, die eine Ausbildung haben oder ein Hochschulstudium beginnen wollen. Und wer erst mal abwandert, der siedelt sich oft nicht wieder an. Ein paar machen das natürlich schon, aber der Großteil bleibt dann weg. Und es sind überproportional viele junge Frauen, die abwandern.

Warum?

Das ist nicht besonders gut erforscht. Junge Frauen gelten als mobiler und es heißt, dass es jungen Frauen eher von ihren Familien zugestanden wird, als jungen Männern, die abwandern wollen. Dazu kommt noch, dass Männer nicht so erfolgreich im Bildungssystem sind, nicht so hohe Schulabschlüsse erreichen. Und man bringt den Mut für so einen Schritt eher auf, wenn man die entsprechenden Ressourcen hat. Viele gehen ja nicht freiwillig. Aber wenn sie gehen, dann nehmen sie das Risiko eher in Kauf, wenn sie entsprechende Chancen auf einen Job haben.

Und zurück bleiben die weniger Mutigen, die weniger Gebildeten, die Männer, die den Anschluss verloren haben?  

Es sind zumindest diejenigen, die sich von einem Neuanfang andernorts wenig versprechen.

Gibt es in Sachen-Anhalt genug Freizeitangebote für Jugendliche?

Das ist in der Tat sehr schwierig. Die ersten, die sich zurückziehen, wenn immer mehr junge Menschen abwandern, sind die kommerziellen Anbieter – also zum Beispiel Diskos und Kinos. Die rechnen nun mal knallhart und wenn es sich für sie nicht mehr lohnt, sind sie weg. Und die Jugendlichen vermissen diese Angebote sehr. Zurück bleiben dann nur noch die Angebote der Zivilgesellschaft. Also die Freiwillige Feuerwehr, die Sportvereine oder Jugendtreffs. Gerade Jugendtreffs oder die Sportanlagen auf dem Schulgelände sind aber oft dann geschlossen, wenn sie am nötigsten gebraucht werden – zum Beispiel am Wochenende.

Müssen wir uns jetzt daran gewöhnen, dass die AfD eine starke politische Kraft ist?

Das lässt sich noch nicht sagen. Aber ich denke, die Jungwähler, die jetzt tatsächlich die AfD gewählt haben, haben auch keine hohe Parteien-Identifikation, auch nicht mit der AfD.

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