Das ist: Jan Zimmermann, Youtuber mit Tourette-Syndrom

Er und sein Freund Tim wollen die Krankheit auf ihrem Kanal „Gewitter im Kopf“ entstigmatisieren.
Von Patricia Friedek

Screenshot: YouTube/Gewitter im Kopf - Leben mit Tourette

Das ist …

… der 21-jährige Jan Zimmermann aus Bonn. Er betreibt seit Februar 2019 den Youtube-Kanal „Gewitter im Kopf“, auf dem er zusammen mit seinem besten Freund Tim Lehmann seinen Alltag mit dem Tourette-Syndrom zeigt. Bei „Gewitter im Kopf“ sprechen Jan und Tim über so ziemlich alles: Dass man mit Tourette alle Sportarten ausüben kann. Dass Jans Tics heftiger werden, sobald er Alkohol trinkt und sie aufhören, wenn er Sex hat. Und sie filmen sich dabei, wie Jan mit seinem Tourette kellnert, kocht oder ins Museum geht. Auf eine Interviewanfrage von uns haben sich Jan und Tim leider nicht gemeldet.

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Der geht …

… humorvoll mit seiner Krankheit um: Jan und Tim nennen sie liebevoll „Gisela“. Die Community heißt „Team Pommes“ – benannt nach einem Tic von Jan, bei dem er laut „Pommes!“ ruft. Jan findet es meistens nicht schlimm, wenn Menschen wegen seiner Tics lachen. Das tut er selbst ganz oft – vor allem, wenn Gisela ihn Sachen sagen lässt, die er selbst noch nicht von sich kannte. So hat Jan in einem Youtube-Video eine nasse Hose, weil er vorher mit dem Fahrrad in den Regen gekommen ist. „Ich bin feucht zwischen den Schenkeln“, sagt Gisela dazu. Viele von Jans Tics werden durch bestimmte Situationen getriggert, manchmal ruft Jan einfach ohne Grund „Wichser!“ oder „Fick dich!“.

Der kommt …

… mittlerweile gut mit dem Tourette klar. So sieht es zumindest aus. Vorher hatte er lange Zeit große Probleme, einen Job zu finden. Denn seine Tics sind auch körperlich, wie man in manchen Videos sieht: Darin steckt Jan manchmal seinen Finger in Tims Ohr, kneift ihm in die Wange oder beißt ihn. Seine Ausbildung zum Physiotherapeuten musste Jan abbrechen, weil seine Tics immer heftiger wurden und er Patienten damit sogar gefährden könnte. Mit seinen Social-Media-Kanälen ist Jan allerdings inzwischen ziemlich erfolgreich, er hat auch eine neue Ausbildung angefangen.

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Der kann …

… durch seine Krankheit in sehr unangenehme Situationen kommen. In einem Video beschreibt Jan Gisela wie einen Kobold oder eine Person, die Zugriff auf seine Stimmbänder oder seinen Körper hat. Dann kribbelt es kurz vorher in seinen Stimmbändern, wie bei einem Niesanfall. Und dann kommt der unkontrollierte Laut oder die Beleidigung in kehliger Stimme aus Jans Mund. Einmal sprach er mit einem Personalleiter, der schielte. Den fragte Gisela: „Ist die Wand etwa interessanter als ich?“ Seinen besten Freund Tim stören die Beleidigungen nicht. Seit der sechsten Klasse sind Jan und Tim Freunde. Damals waren Jans Tics noch nicht so extrem, er hatte nur motorische Tics, er zuckte also vor allem. Vor zwei Jahren hat Gisela angefangen, Menschen zu beleidigen. Auf die Standard-Beleidigungen reagiert Tim gar nicht mehr, über die Tics die perfekt in die Situationen passen, lacht er.

Daraus lernen wir …

… dass Menschen mit Tourette-Syndrom sich nicht willentlich agressiv verhalten. Das muss Jan aber immer wieder beweisen. Polizisten musste er seinen Behindertenausweis zeigen, nachdem Gisela ihnen den Mittelfinger gezeigt hatte. Oft glauben Menschen nicht, dass Jan sie nicht mit Absicht beleidigt. Einmal hat jemand ihn deshalb mit einer Wodkaflasche abgeworfen. Der 21-Jährige stellt außerdem auf seinem Kanal klar, dass die Ausprägung seines Tourette-Syndroms nicht der Regelfall ist, auch wenn Jan dem Klischee des schimpfenden Tourette-Patienten entspricht. Diese Form der Krankheit mit Koprolalie, also dem Ausstoßen von obszönen Wörtern oder Sätzen, tritt eher selten auf. Einer Studie zufolge zeigen lediglich etwa 25 Prozent der Betroffenen dieses Symptom. In Deutschland sind rund 40 000 Menschen an Tourette erkrankt. Eine Heilung für die Krankheit ist sehr unwahrscheinlich, weil das Tourette-Syndrom nicht gut erforscht ist. Das liegt vor allem daran, dass Tourette nicht lebensbedrohlich ist. In wirklich lebensgefährliche Situationen kann Jan sich übrigens besser beherrschen, sagt er.  

Nur Google weiß …

… dass es mal eine Umfrage der „Tourette Gesellschaft Deutschland“ zu „Gewitter im Kopf“ gab. Die hat ergeben, dass viele Betroffene und Angehörige von Tourette-Kranken den Kanal von Jan und Tim nicht hilfreich in Bezug auf Toleranz, Respekt und Akzeptanz gegenüber der Krankheit empfinden. Viele Familien, in denen ein Mitglied Tics hat, seien wegen der besonders starken Symptome von Jans Tourette sehr verängstigt hinsichtlich der Entwicklung der Krankheit. Dennoch: Durch den hohen Unterhaltungswert des Kanals und Tims und Jans humorvolle Art, mit der Krankheit umzugehen, ist „Gewitter im Kopf“ seit Januar 2019 auf 1,6 Millionen Abonnenten herangewachsen.

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