„Arabische Männer wie ich gelten als sexuell aggressiv“

Rashid, 29, ist ein Deutscher aus Palästina. Hier spricht er über sein schwieriges Verhältnis zu Deutschland – und den deutschen Frauen.
Protokoll von Alexander Gutsfeld
lass uns ueber sex reden cover

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Potente Machos und prüde Jungfrauen. Über arabische Männer und Frauen gibt es viele Vorurteile. In der Kolumne Sex auf Arabisch reden sie über Geschlechterrollen, Liebe und Sex – und ihr Verhältnis zu Deutschland.

„Bevor ich hierher kam, hielt ich Deutschland für das schönste Land der Welt. Ich kannte Deutschland vor allem aus dem Fernsehen, und war mir sicher, dass dort alles besser sei als in Palästina. Dass dort alle Menschen die gleichen Chancen haben und niemand diskriminiert wird. Als ich vor fünf Jahren zum Studieren nach Marburg kam, habe ich schnell gemerkt, dass meine Vorstellung falsch war. In Wahrheit werden in Deutschland viele Menschen aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert. Als arabischer Mann bin ich einer von ihnen. 

Dabei fühle ich mich deutsch. Ich habe einen deutschen Pass, weil mein Vater hier als Arzt gearbeitet hat. Ich bin in Deutschland geboren und habe die ersten sieben Jahre meines Lebens in einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen gelebt. 

Das Fernseh-Deutschland, das ich danach in meinem palästinensisches Dorf in der Nähe von Ost-Jerusalem auf ProSieben oder Sat1 sah, war frei und liberal. Seine Bewohnerinnen und Bewohner hatten viel Sex und feierten die ganze Nacht. Bei uns in Palästina hieß feiern: Mit Kumpels im Auto durch die Stadt fahren und kiffen. Und Sex hatte man sowieso erst in der Ehe. Oder – wenn man Glück hatte – in einer Beziehung, in Form von Petting, Oral- oder Analsex. 

Die Flirt-Regeln in Deutschland sind ganz anders

Ich selbst hatte mit Anfang 20 eine Freundin. Bis ich mit ihr zusammen kam, dauerte es allerdings drei Jahre. Davor redeten und chatteten wir die ganze Zeit. Als wir endlich ein Paar waren, wollte sie sogar mit mir schlafen. Ich lehnte das ab. Ich wollte nicht, dass sie meinetwegen ihre Jungfräulichkeit verliert und deswegen vor ihrer Hochzeit mit einem anderen Mann Probleme bekommen könnte. In Palästina ist Sex vor der Ehe ein Tabu und das fehlende Jungfernhäutchen der Beweis für den Tabubruch. In Deutschland gibt es solche Hürden nicht.

Als ich zum Studieren nach Marburg zog, sah ich mich auf WG-Partys auf einmal von möglichen Liebhaberinnen umgeben. So hatte es mir das Fernseh-Deutschland beigebracht. Aber als ich versuchte, mit ihnen zu flirten, blickte ich in misstrauische Gesichter. Ich merkte schnell, dass Flirten im echten Deutschland gar nicht so einfach ist. Die Flirt-Regeln sind hier nämlich ganz anders als in Palästina. 

In meiner Zeit in Palästina dachte ich, dass ich dominant und charmant auftreten muss, um bei Frauen Erfolg zu haben. Ich hielt Frauen die Tür auf, lud sie zum Essen ein und versuchte, ihnen mit süßen Komplimenten zu schmeicheln. In Deutschland gibt es keine so klare Rollenaufteilung zwischen den Geschlechtern. 

Die Frauen hier wollen unterschiedliche Dinge, die Zeichen zu deuten, ist nicht immer einfach

Die Frauen, die ich hier gedatet habe, wollten nicht umschmeichelt werden. Sie wollten eher ein lockeres Gespräch als einen spielerischen Flirt. Aber auch nach einem erfolgreichen Flirt gibt es in Deutschland andere Regeln. 

Beim Feiern dauerte es nicht drei Jahre, sondern nur drei Stunden bis eine Frau mit mir rummachte. Und nachdem ich mich von ihr verabschiedet hatte und sie ins Taxi gestiegen war, blickte ich in das verdutzte Gesicht eines Freundes, der mich fragte, warum ich nicht mit zu ihr nach Hause gefahren war. Um in Palästina Sex zu haben, muss man heiraten, in Deutschland muss man nur die Zeichen richtig lesen. Doch auch das ist nicht immer leicht: Manche Frauen wollen One-Night-Stands, andere Liebesbeziehungen, wieder andere irgendwas dazwischen. 

Irgendwann habe ich Gefallen an der komplexen Beziehungslandschaft gefunden. Trotzdem fiel es mir weiter schwer, mit deutschen Frauen zu flirten. Das lag auch an der Silvesternacht in Köln, als arabische Männer dutzende Frauen sexuell belästigten. Ich war damals erst wenige Monate in Deutschland und schämte mich für das Verhalten dieser Männer. Weil sie auch Araber waren und sich in Deutschland so daneben benahmen. Dabei musste ich mich eigentlich für gar nichts schämen. Ich hatte ja nichts getan. 

Trotzdem hatte ich den Eindruck, dass viele Frauen Angst vor mir haben. Arabische Männer wie ich gelten als sexuell aggressiv. Als Gefahr für die deutsche Frau. Ich wollte zeigen, dass ich das nicht bin und hörte auf, Frauen anzusprechen. Meine Passivität sollte beweisen, dass ich kein arabischer Macho bin. Doch die misstrauischen Blicke blieben. Ich wurde wie ein Fremder angestarrt. Bald begann ich, mich auch wie einer zu fühlen. Nach drei Jahren lernte ich, die Blicke zu ignorieren.

Bevor ich nach Deutschland gezogen bin, dachte ich, dass ich mit meinem deutschen Pass auch als Deutscher behandelt werden würde. Das war ein Irrtum. Ich musste mich erst anpassen, den Umgangston deutscher Studierender lernen, um wie einer von ihnen behandelt zu werden. Jetzt habe ich die kulturellen Codes gelernt: Ich bin vom arabischen Mann zum deutschen Palästinenser geworden. Auch mein Verhältnis zu deutschen Frauen hat sich wieder entspannt. Seitdem ich mich nicht mehr fremd fühle, traue ich mich wieder, mit ihnen zu flirten.“

Rashid will seinen richtigen Namen nicht im Netz lesen, deswegen haben wir ihn geändert. Der Redaktion ist der richtige Name aber bekannt.

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