Der macht eh nur, dass es Rasurpickel und Juckreiz gibt.

Der macht eh nur, dass es Rasurpickel und Juckreiz gibt.

Illustration: Daniela Rudolf

Die ersten Haare meines Venushügels sprossen, als ich dreizehn wurde. Sie waren mein ganzer Stolz. Schließlich waren sie, zusammen mit meiner Periode, der Beweis dafür, dass ich kein Kind mehr war – sondern immer mehr zur Frau wurde. Und wenn man's mir erlaubt hätte, dann hätte ich mich allein schon deswegen auf ein Siegertreppchen gestellt und mich mit Champagner übergossen. 

Doch die Menschen um mich herum wollten nicht so recht mitfeiern. Da war zum Beispiel eine Freundin, die das Schamhaar, das an der Seite meiner Bikini-Hose rauslugte, mit hochgezogenen Augenbrauen anguckte. „Da musst du aber mal mit der Pinzette ran“, fand sie. Sie wollte mich damit nicht ärgern. Es war eher ein wohlwollender Hinweis, genau so, wie man jemanden auf die Petersilie zwischen seinen Zähnen hinweist: Gehört da halt nicht hin. 

Oder der Typ, der mich entjungferte. „Du bist ja gar nicht rasiert“, stellte er erstaunt fest. „Warum denn nicht?“ Ich wusste darauf wirklich keine Antwort. Dass man sich die Schamhaare rasieren konnte, war mir bis zu diesem Zeitpunkt schlicht nicht in den Sinn gekommen. 

Oder, als ich nach dem gemeinsamen Porno-Gucken meinen Freund fragte, wie er wohl einen „Landing Strip“ finden würde. „Super“, sagte er. „Ich habe mich schon die ganze Zeit gefragt, wann du das mal machen würdest. Dann macht oral auch viel mehr Spaß.“  

Bald waren meine Schamhaare kein Zeichen von Weiblichkeit mehr, sondern unzumutbar 

Wenn man's ihm oft genug sagt, begreift auch der dämlichste Volltrottel (ich) irgendwann, was Phase ist. Also sorgte ich in den nächsten zwanzig Jahren beflissen für die Gesellschaftstauglichkeit meiner Vulva. Meistens rasierte ich einfach alles weg, das erschien mir am Einfachsten. Wenn danach die Haare einwuchsen, Rasurpickel blühten oder mich heftiger Juckreiz überfiel, dann verfluchte ich nicht die Menschen, die mir einredeten, wie ich untenrum auszusehen hatte. Sondern meine von Natur aus empfindliche Haut, die einfach nicht glatt bleiben wollte. Und bald, sehr bald schon hatte ich vergessen, dass ich meine Schamhaare mal für ein Zeichen meiner Weiblichkeit gehalten hatte. Sie waren nur noch eins: unzumutbar. 

Damit bewegte ich mich endlich im Gleichschritt mit der Mehrheit. Immerhin 43 Prozent der erwachsenen Frauen enthaaren sich ihre Intimregion ein wenig bis überwiegend, so die 2017 vom Meinungsforschungsinstitut YouGov veröffentlichte Publikation „Wir Deutschen und die Liebe“. Zusätzliche 28 Prozent machen gleich den kompletten Kahlschlag. Und die Männer? Liegen dicht auf: 38 Prozent machen zumindest ein bisschen was und 23 Prozent alles weg. Der Trend zum unbehaarten Geschlecht macht offensichtlich auch vor ihnen nicht Halt. Er ist aber vor allem eine Generationenfrage: So entledigen sich 46 Prozent der 25- bis 34-jährigen Männer und Frauen des gesamten Schamhaars, aber nur 12 Prozent der über 55-Jährigen. 

Begründet wird die Genitalfriese laut YouGov an erster Stelle mit einem diffusen „Weil ich mich besser fühle“ (62 Prozent), gefolgt von „Weil es hygienischer ist“ (57 Prozent). Platz drei und vier nehmen „Weil es besser aussieht“ (48 Prozent) und „Weil es besser für den Sex ist“ (24 Prozent) ein. Persönliches Wohlbefinden, Hygiene, Attraktivität und besserer Sex – das alles sind großartige Argumente. Vielleicht sollten wir sie uns aber doch etwas genauer ansehen. 

Was Hygiene und schönere Bettspielchen angeht, liegen die Enthaarungs-Fans leider total daneben

Klar, eine enthaarte Vulva kann durchaus für mehr Selbstsicherheit sorgen. Denn sieht man so aus wie alle anderen (und wie sie es von einem erwarten), hat man das gute Gefühl, nichts falsch gemacht zu haben. Dass sich dieses Gefühl aber aus dem Erfüllen fremder Erwartungen speist, verpasst ihm leider einen bitteren Beigeschmack. Ähnlich verhält es sich mit dem angeblich besseren Aussehen haarfreier Genitalien. Denn was wir als schön empfinden, ist immer Sozialisierungssache. Die Körper-Bilder, die uns umgeben, prägen unsere Vorstellungen von Attraktivität. Seit im omnipräsenten Mainstream-Porno alle unten ohne verkehren, wird dieser Look nicht mehr nur als erstrebenswertes Ideal, sondern inzwischen sogar als Norm empfunden.

Doch was bessere Hygiene und schönere Bettspielchen angeht, liegen die Enthaarungs-Fans leider total daneben. Denn wenn das ultra-saugfähige Schamhaar nicht mehr da ist, um Schweiß zu absorbieren, können Bakterien und Pilze sich leichter vermehren und Schmutz wird auch nicht mehr von der Vagina abgehalten. Außerdem wirken die bei Rasur, Waxing und Epilation entstehenden Mikroverletzungen äußerst anziehend auf Geschlechtskrankheiten. Oben drauf geht die vollständige sexuelle Sensitivität mit dem Haar flöten: Wird nämlich unser Schamhaar gestreichelt, sendet es Signale an die sich unter der Haut befindlichen Follikel, und die wiederum sagen dem Nervensystem Bescheid, dass da grade was Tolles abgeht. Und zum Objekt unserer Begierde kann das nicht vorhandene Schamhaar dann auch nicht mehr sprechen: Wäre es nämlich noch da, würde es nach Sexuallockstoffen duften und damit (potenzielle) Liebhaber heiß auf uns machen. 

Es gibt aber auch noch andere, abstraktere Gründe für die intime Enthaarung. Und die liegen vor allem in der gesellschaftlichen Wertung von männlicher und weiblicher Sexualität. Denn während beim rasierten Mann das Geschlecht in den Vordergrund rückt und er durch seine bloßgelegte Größe noch männlicher wirkt, geschieht mit der haarlosen Frau das genaue Gegenteil: Statt potenter zu wirken, sieht sie nun aus wie ein prä-pubertäres Mädchen. In der Forschung nennt man diese Theorie „Infantilisierungsansatz“. So schreibt die Psychologin Sandra Konrad in ihrem Buch „Das beherrschte Geschlecht – Warum sie will, was er will“: „Man kann die Intimrasur als Ausdruck und Unterstützung patriarchaler Sexualität begreifen, denn das unbehaarte weibliche Genital signalisiert kindliche Reinheit, sexuelle Unreife und Ungefährlichkeit und stärkt somit das Überlegenheitsgefühl des Mannes.“ Zusätzlich verhelfe das kindliche Geschlecht der Frau zu einer Art sexuellem Schonraum – denn wer klein und schutzlos ist, müsse entsprechend gut behandelt werden.

Ich habe dieses Jahr den ersten haarigen Sommer meines Erwachsenenlebens hinter mich gebracht

Eine andere Lesart hingegen wäre, in der exponierten Vulva so etwas wie einen Befreiungsschlag zu sehen: Das „unsichtbare“ Geschlecht bleibt so nicht länger im Verborgenen, sondern präsentiert sich nackt und frei. Sich mit seinem Körper zu beschäftigen, ihn herzuzeigen statt ihn zu verhüllen, kann in der Tat etwas Revolutionäres haben – denken wir nur mal an die Anfänge des Bikinis oder des Minirocks. Letztlich aber kippt diese demonstrative Selbstbestimmung nur allzu häufig in ein Anpassungsbedürfnis. Denn sobald so revolutionäre Dinge wie Bikini, Mini oder eben die nackte Vulva in den Mainstream übergehen, übernehmen viele Frauen sie unreflektiert als Norm. Weil sie nicht auffallen, sondern gefallen wollen. 

Zum Glück aber lässt das mit dem Gefallen-Wollen mit zunehmendem Alter nach. Und so habe ich dieses Jahr den ersten haarigen Sommer meines Erwachsenenlebens hinter mich gebracht. Ich hatte schlicht keinen Bock mehr, mich untenrum zu einem Mädchen zu machen, das ich nicht mehr bin. Das Überraschende: Seit ich alles sprießen lasse, fühle ich mich stark wie eine Superheldin. Oder präziser: halb Superheldin, halb Tier. Selbst meine Befürchtung, potenzielle Sexpartner durch Intimbehaarung zu verprellen, hat sich nicht bewahrheitet. Und wenn es mal anders sein sollte: Pech. Mit Menschen, die nicht auf erwachsene Frauen stehen, will ich eh nicht mehr ins Bett. 

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