Es gibt für alles eine App, auch dafür.

Es gibt für alles eine App, auch dafür.

Illustration: Daniela Rudolf

Was Sex ist und wie er geht, das wusste ich schon vor dem Aufklärungsunterricht. Ich war ja nicht blöde. Doch dann kamen die siebte Klasse und ein Nebensatz meines Bio-Lehrers, der mich nicht mehr loslassen wollte: „... und übrigens befriedigen sich manche Jungen und Mädchen auch selbst, das ist ganz normal.“ 

Davon hatte ich ja gar nichts gewusst! Das musste ich unbedingt ausprobieren! Doch weil wir an unserer Schule nur über die Teile unseres Körpers aufgeklärt wurden, die man für Penetrationssex braucht, dachte ich, dass weiblicher Solo-Sex genau so funktioniert: Man macht Rein-Raus und hat ein schönes Gefühl davon. 

Das schöne Gefühl wollte sich aber auf diese Weise ganz und gar nicht einstellen. Also zweifelte ich. An mir selbst natürlich, nicht an der Technik. Irgendwas an mir musste falsch sein. Vielleicht war ich sogar frigide? Frustriert legte ich den Versuch Selbstbefriedigung zu den Akten. Erst einige Jahre später weckte ein Junge meine Klitoris aus dem Dornröschenschlaf. Im Gegensatz zu mir wusste er genau, wie er mich anfassen musste. Damals war ich unendlich erleichtert. Aber heute frage ich mich: Warum war ich nicht in der Lage, das selbst herauszufinden?

57 Prozent der Männer legen mindestens ein Mal die Woche Hand an, aber nur 32 Prozent der Frauen

Die Scheu, den eigenen Körper zu erkunden, scheint unter Mädchen weit verbreitet zu sein. Im Rahmen einer Studie des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf aus dem Jahr 2013 wurden 160 Jugendliche zwischen 16 und 19 Jahren zu ihren sexuellen Erfahrungen befragt. 97 Prozent der Jungen hatten zu diesem Zeitpunkt schon mindestens ein Mal masturbiert, aber nur 43 Prozent der Mädchen. Nur etwa ein Viertel der Mädchen machte ihre ersten sexuellen Erfahrungen mit sich selbst, dafür aber 45 Prozent mit einem Partner. Für Jungs hingegen ist das erste Mal zu 93 Prozent Solo-Sex.

Auch im Erwachsenenleben hält sich der Masturbations-Gap hartnäckig: Frauen machen es sich wesentlich seltener selbst als Männer. Laut der 2017 erschienenen Publikation „Wir Deutschen und die Liebe“ des Meinungsforschungsinstituts YouGov legen 57 Prozent der Männer mindestens ein Mal die Woche Hand an, aber nur 32 Prozent der Frauen.

Dabei betraf die gesellschaftliche Ächtung von Masturbation in unserer jüngeren Geschichte Erwachsene und Kinder jeglichen Geschlechts: Mitte des 18. Jahrhunderts entstand unter Medizinern ein immenses Interesse an Selbstbefriedigung – allerdings nicht als Quell der Freude, sondern als Ursprung allen Übels. „Denn wer sich lustvoll mit seinem eigenen Körper beschäftigte und die Sünde Selbstbefriedigung betrieb, musste laut ärztlicher Warnung mit dem Schlimmsten rechnen“, schreibt die Psychologin Sandra Konrad in „Das beherrschte Geschlecht – Warum sie will, was er will“. Das war zum Beispiel: „Impotenz, Erblindung, Wahnsinn und Verblödung. Auch geringere Übel wie Herzrasen, feuchte Hände, eitrige Pusteln, saures Aufstoßen, ‚eine aus dem Hintern fließende stinkende Materie‘,  Zungenbelag, Hängeschultern, schlappe Muskeln, Augenringe und ‚ein schleppender Gang‘ waren zu befürchten.” Masturbation bei Mädchen wurde für spätere Nervenkrankheiten verantwortlich gemacht – aber auch für einen unnatürlichen Hang zur Wollust. Im Grunde war es schon fast egal, welches Problem man hatte – hätte man nicht masturbiert, wäre es gar nicht erst so weit gekommen!

Also setzte man folgerichtig alles daran, Kinder davon abzuhalten. Bei Jungs, wurden unter anderem Drähte durch die Vorhaut gezogen oder Ringe mit Stacheln über den Penis gesteckt. Und den Mädchen (und Frauen) verätzte man einfach ihr Geschlecht. Harvey Kellogg (ja, genau, der Typ, der die Cornflakes erfunden hat – ein Produkt übrigens, das den Sexualtrieb hemmen sollte), war ein riesiger Fan von dieser Praxis, die auch in seinem Sanatorium zum Einsatz kam. Andere Ärzte führten lieber eine Operation namens „radikale Kliteridektomie“ durch, bei der gleich die gesamte Klitoris weggeschnippelt wurde. Auf diese Weise wurden Frauen auch bei „weiblichen Leiden“ wie Hysterie, Kopfschmerzen oder Stimmungsschwankungen therapiert – in Europa und Nordamerika bis weit ins 20. Jahrhundert hinein.

Dildopartys haben die Tupperpartys schon lange abgelöst

Inzwischen sieht die Welt zum Glück anders aus: Weibliche Masturbation ist derart salonfähig geworden, dass man Sex-Spielzeuge für Frauen in fast jeder Drogerie nachgeschmissen bekommt. Dildopartys haben die Tupperpartys schon lange abgelöst. Und wer nicht weiß, wie das mit der klitoralen Stimulation funktioniert (oder noch besser funktionieren kann), meldet sich einfach bei der Aufklärungs-Website OMGYes an, wo es Tipps von echten Frauen, Masturbationsvideos und Fingerübungen für den Touchscreen gibt. Hilfs- und Informationsmittel gibt es also genug. Es gibt niemanden mehr, der Frauen von der Selbstliebe abhalten würde. Warum tun sie es also immer noch seltener als Männer?

Wer jetzt entgegnet, Frauen würden sich selbst nicht so oft anfassen, weil sie eben weniger Lust haben, liegt falsch. Studien zeigen, dass sie wahrscheinlich sogar mehr Lust haben als Männer, sie oft aber nicht ausleben oder sich gar nicht erst bewusst machen. Sandra Konrad schreibt dazu: „Die Sexualwissenschaft geht davon aus, dass eine spezifisch weibliche sexuelle Sozialisation jungen Frauen bis heute den Zugang zu einem lustvollen autonomen Umgang mit ihrem Körper und ihrer Sexualität erschwert oder gar versperrt. […] Jahrhunderte alte Restriktionen hinsichtlich weiblicher Sexualität und die dazugehörigen gesellschaftlichen Normen lassen sich offenbar nicht einfach so ausradieren.“

Da ist es auch kein Wunder, dass sich der Mythos vom ach so schwer zu erreichenden weiblichen Orgasmus so penetrant hält. Denn wenn viele Frauen und Mädchen sich selbst und ihre Hotspots nicht bewusst erforschen, wie sollen sie dann wissen, was sie beim Sex mit einem Partner oder einer Partnerin brauchen, um zu kommen? Klar, sie können Glück haben wie ich damals mit meinem Freund. Und wenn sie lesbisch sind, sind die Chancen für sie sowieso viel größer, voneinander zu lernen.

Selbstliebe sorgt aber nicht nur für besseren Sex mit anderen, sondern auch für ein besseres Verhältnis zu sich selbst. Denn wer sich seinen intimsten Stellen zärtlich zuwendet, macht genau das: sich selbst lieben. Und das ist eh die beste aller Motivationen. Also, Frauen, falls ihr das nicht schon längst tut – probiert es aus. Ihr könnt nur gewinnen.

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