untenrum schoenheitsideal cover
Illustration: Daniela Rudolf

Ich war fünfzehn, als mir eine Freundin anvertraute, dass ihr Kitzler neuerdings aus den äußeren Schamlippen hervorgucken würde. Besorgt fragte sie, ob das bei mir wohl auch so sei. Ich wusste zwar, wie meine Vulva aussieht, aber bis zu diesem Moment hatte ich mir null Gedanken darüber gemacht, ob dieses Aussehen gut oder schlecht war. Sie war, wie sie halt war. Also zuckte ich mit den Schultern und sagte: „Nö, der Kitzler nicht, aber etwas von den inneren Lippen.“ Meine Freundin war damit zunächst beruhigt, sie war schließlich nicht allein.

Ich hingegen dachte anschließend zum ersten Mal darüber nach, dass etwas aus den Schamlippen Hervorlugendes tatsächlich zu groß sein und Anlass zu Selbstzweifeln bieten konnte. Wie ich später erfuhr, ging es den Jungs in dieser Hinsicht nicht viel besser. Nur, dass sie eher gegenteilige Sorgen hatten: während wir befürchteten, womöglich ein zu großes Geschlecht zu haben, fragten sich viele von ihnen, ob ihres womöglich zu klein sei. Sich körperlich nicht ganz richtig zu fühlen, ist zwar ein weit verbreiteter Fluch der Pubertät – aber was die Größe unserer Genitalien angeht, hält er sich bei vielen von bis ins Erwachsenenleben hinein.

Während operative Penisverlängerungen nicht besonders erfolgversprechend sind und daher auch nicht so häufig durchgeführt werden, erfährt das chirurgische Beschnippeln von weiblichen Geschlechtsorganen in den letzten Jahren einen Boom. Zwar ist es kaum möglich, verlässliche Zahlen zu bekommen, wie viele Frauen sich tatsächlich unters Messer legen, weil Schönheits-OPs meist selbst bezahlt werden und darum nicht in den Statistiken der Krankenkassen auftauchen. Dort, wo es Zahlen gibt, geht der Trend aber nach oben. Die Vereinigung der ästhetisch-plastischen Chirurgen berichtete beispielsweise von 2100 Intimoperationen bei Frauen im Jahr 2015, ein Zuwachs von 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Schon 2011 zählte die Deutsche Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen bei einer Mitgliederbefragung sogar 5440 Schamlippen-OPs. Und laut der International Society of Plastic Surgery  wurden im Jahr 2016 weltweit knapp 200.000 intimchirurgische Operationen an Frauen durchgeführt, davon knapp 8.000 in Deutschland. Im Vergleich zum Vorjahr verzeichnet die Gesellschaft damit eine weltweite Steigerung um 37 Prozent. Frauen, die ähnliche Eingriffe von Gynäkologen oder Dermatologen durchführen ließen, sind in dieser Statistik aber nicht erfasst, was bedeutet: Es waren vermutlich noch mehr.

Ob Kürzung der inneren Schamlippen, Aufspritzen der äußeren, Verengung der Vagina und was weiß ich noch alles – die Ärzte können eine Menge dafür tun, damit unser Geschlecht möglichst klein wird. Und wir selbst können auch einiges tun, um dem Untenrum-Schönheitsideal zu genügen: Mit Bleichcreme kriegen wir selbst zwischen den Beinen einen rosigen Teint, und Haare haben da schon lange nichts mehr zu suchen. Glatt, prall und verschlossen, so sieht das heutige Idealbild des weiblichen Genitals aus. Manche sagen: wie ein Brötchen. Andere sagen: wie das Geschlecht eines kleinen Mädchens.

Früher, und ich meine ganz, ganz früher, sah dieses Ideal noch völlig anders aus. Die 35.000 Jahre alte Venus vom Hohlefels, eine der ältesten figurativen Darstellungen des menschlichen Körpers, hat nicht nur richtig dicke Brüste, sondern auch stattliche Schamlippen. Weibliche Figuren mit überdimensionierten und teils weit aufgespreizten Vulven gab es bis weit bis ins Mittelalter hinein. Groß und fruchtbar war damals gut. Klein und eng ist heute gut.

Klar, das weibliche Genital wurde über die Jahrtausende entmystifiziert. Schließlich wissen wir inzwischen ganz gut Bescheid, wie das mit den Babys funktioniert, und der Fortbestand der Menschheit steht auch schon lange nicht mehr auf Platz 1 der Gründe, warum wir Sex haben. Und klar geht der Körper-Trend ganz allgemein in Richtung Jugendlichkeit, das betrifft nicht nur Vulven. Aber sie betrifft es mit der Idee von der idealen Mädchen-Vulva eben ganz besonders.

Man muss nicht um die Ecke denken, um zu erkennen, dass die Reduktion des primären Sexualorgans auf etwas Kleines, Kindliches oder gar eine Leerstelle  genau das ist: eine Reduktion, und zwar der weiblichen Sexualität als solcher. Sie ist das Gegenteil von Selbstermächtigung, das Gegenteil von Selbstbestimmung, das Gegenteil von Freiheit. Dass die Frau Bock hat, und zwar so richtig, und sich nimmt, was sie will, ist in unserer Vorstellung von Sex nämlich nicht vorgesehen. Genau das zeigt uns auch der Mainstream-Porno: Die Frau ist passiv oder dem Mann zu Diensten, selbstverständlich mit einer sehr kleinen Vulva. Von eigenem Willen keine Spur – außer natürlich der mit  verzweifelter Stimme vorgetragenen Bitte, möglichst hart gefickt zu werden. Diesen einen Wunsch erfüllt ihr der Rammler mit dem prächtigen Prügel selbstverständlich, nennt sie dabei allerdings „Schlampe“. Seine Sexualität ist eine aktive, dominante, raumgreifende, während ihre, nun ja, aus Löchern besteht, die hingehalten werden, um gestopft zu werden.

Ich weiß, Porno ist nicht das wahre Leben (Gott sei Dank!). Und doch werden in ihm wie unter einem Brennglas unsere Vorstellungen von Sexualität deutlicher sichtbar als anderswo. Riesen-Penisse und Mini-Vulven sind nicht nur Schönheitsideale. Sie stehen auch für den Raum, den wir in der öffentlichen Wahrnehmung mit unserer Lust einnehmen dürfen: Männer viel, Frauen wenig. Dabei ist beides, sowohl unser Aussehen als auch unsere Sexualität, eine höchst individuelle Angelegenheit, die keinerlei Normierung bedarf.

Wir sollten uns darum immer wieder klarmachen: Vulven sehen von Natur sehr, sehr unterschiedlich aus: Es gibt riesige innere Schamlippen und winzige, von denen nichts zu sehen ist. Es gibt Kitzler, die wie eine kleine Eichel aussehen und solche, die kaum zu finden sind. Es gibt helle Haut, dunkle Haut, viel oder wenig Haare. Und letzten Endes ist das alles überhaupt nicht wichtig. Weil es für all die großartigen Gefühle, die unsere Vulva uns bescheren kann, absolut unerheblich ist, wie sie aussieht. Ich hoffe, das lernen die fünfzehnjährigen Mädchen (und Jungs) schon bald in der Schule.

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