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Illustration: Daniela Rudolf

Männer sind in Bezug auf Sex und Liebe immer wieder mit Klischees konfrontiert. Sie finden viele One-Night-Stands immer gut, können nicht Schluss machen, fragen vor dem Küssen nicht. Unser Kolumnist Jakob Tieleck findet viele dieser Vorstellungen überholt und wird ab sofort darüber schreiben, wie es wirklich ist.

Ich hatte meine kompletten Mittzwanziger über guten Sex.  Egal, ob es der richtig geile Handjob in der Clubgarderobe war (Wenn jetzt einer seine Jacke abholen will!) oder die eher routinierte Nummer in ihrem Zimmer nach dem Kinobesuch (Ich seh's ihr an, sie denkt an Ryan Gosling!): Es fühlte sich echt an. Ein zuneigungs- und respektvolles Zusammensein, das man sich gegenseitig schenkt. Das lag daran, dass ich ausschließlich Sex in festen Beziehungen hatte. 

Kurze Affärchen oder One-Night-Stands wollte ich nie haben. Auch Fremdknutschen auf der noch so wilden WG-Party in einer fremden Stadt war bei mir nie drin. Denn wer bitte sollte so gut wie meine Freundin sein?  Zwischen diesen Langzeit-Beziehungen hatte ich zwar gelegentlich das Gefühl, etwas zu verpassen, während sich meine Freunde durch die Betten vieler hübscher Frauen schliefen. Aber ich selbst landete nach einigen Monaten wieder in einer neuen, festen Beziehung. 

Und dann, mit 30, war ich plötzlich wieder Single. So richtig. Nach einer Beziehung der Kategorie „emotionaler Flugzeugabsturz“ wollte ich erst mal keine ernsthafte mehr haben. Ganz anders als meine Tinder-Premiere Anna.

Ich mochte ihre großen, dunklen Augen. Und wie sie beim Sprechen den Mund leicht schief zog. Aber es funkte nicht so richtig –  und außer ein paar Komplimenten nach zwei Gin Tonic war ich nicht besonders flirty. Sie aber verpasste trotz meiner Initiativlosigkeit doch glatt fünf Nachtbusse hintereinander. Sie schlief bei mir. Wir hatten beide seit fast einem Jahr keinen Sex mehr gehabt. Sie seit der Geburt ihres Kindes, ich seit meiner Ex. Das Knutschen an der Bar, die wärmende Nähe eines anderen Menschen im Bett, das war schön. Nur das pflichtschuldige Aufeinander-Rumgerutsche morgens um halb sieben hätten wir uns sparen können. Ein Jahr ohne Sex? Hinterher denkt noch jemand, mit uns stimmt was nicht!

Es war, als wollten wir uns nur weniger mangelhaft fühlen. Die Tatsache, dass Anna nach dieser äußerst faden Veranstaltung später noch zwei Mal vergeblich versuchte, ähnliche Situationen herbeizuführen, machte mich noch betroffener. Ich fragte mich ernsthaft: Wie kann man so schlechten Sex in Kauf nehmen, nur um überhaupt Sex zu haben?

Ich versuchte es trotzdem noch ein paar Mal mit anderen One-Night-Stands. Ich dachte, dass da vielleicht doch mal eine Überraschung auf mich wartet. Mit Nele zum Beispiel, die mir nach einem durchtanzten Konzert einfach nach Hause folgte. Oder mit Juli, die mich vom Hauseingang neben dem Club in ihre Wohnung gegenüber lotste. Das war alles halbwegs leicht und unbeschwert – bis es zum Sex kam. Denn der kam mir immer abgeschmackt und halbgar vor. Als würde man ein Programm abspulen: knutschend Klamotten abstreifen – gegenseitiges Betätscheln diverser Stellen, die als erogen gelten –  Unterbrechung für Kondomsuche – rein-raus – fertig. Als wäre ich nur halb dabei und würde mich irgendwie selbst dabei beobachten.

 

Nach über einem Jahr miserabler One-Night-Stands fragte ich mich ernsthaft, ob das nur Pech sein könne. Erschien nur mir das Geficke so unecht? Ich wollte ja Sex. Sehr gerne sogar. Aber wie kriegte man diese eine Nacht mit dem Clubaufriss hin, sodass es unbeschwert und gut würde? Oder sogar wiederholenswert?

 

Es war, als hätten wir auf ein 3-Sterne-Menü gehofft und stattdessen labbrige Burger bekommen

 

Also fragte ich einige Freunde, die ich in dieser Disziplin für erfahrener hielt. Mit dem überraschenden Ergebnis: Kaum einer von ihnen hatte je einen richtig guten One-Night-Stand gehabt. Dafür aber alle mindestens ein Fiasko. Mit der offenherzigen Frau, die beim Sex plötzlich so regungslos da lag, dass mein Kumpel völlig verstört aufhören wollte. Mit der süßholzraspelnden Frau, die nach der Nacht plötzlich wie ausgewechselt war und einen ohne Vorwarnung um halb sechs morgens aus der Wohnung schmiss. Oder mit der Frau, die einem mit ihren rücksichtslosen Grobheiten fast den Penis brach.

 

Bei meinen One-Night-Stands und mir war es immer so, als hätten wir auf ein Drei-Sterne-Menü gehofft und stattdessen labbrige, kalte Burger bekommen. Meine Zeit jedenfalls ist mir für laschen Sex zu kostbar. Ich kann mich, wenn ich will, den ganzen Tag selbst geil machen. Dann läuft vor meinem inneren Auge stundenlang ein imaginärer Zusammenschnitt der schönsten Sauereien ab, die meine Ex-Liebhaberinnen so mit mir angestellt haben. Oder ich hole mir eben zu einem Porno einen runter. Und: Wie auch immer ich es mache, es ist gleichbleibend gut.  

 

Deswegen gehe ich selbst nach anregenderen Knutschereien und auch, wenn ich die Frau, mit der ich knutsche, sehr schätze, wieder allein nach Hause. Sobald ich den Verdacht bekomme, dass der Sex reiner Selbstzweck ist, bin ich weg. Denn mir wird zwar überall eingetrichtert: Nur wer häufig Sex hat, ist auch begehrenswert. Aber das ist nun mal Bullshit, dem man sich unter keinen Umständen beugen sollte. Da mach ich es mir lieber selbst. 

 

Und doch lagen wir, kaum waren wir in meinem Zimmer, nackt aufeinander

 

Darum ist Sex mit anderen für mich jetzt zwar wieder seltener, aber dafür wenigstens gut. Und ja, diese eine Ausnahme bei den One-Night-Stands gab es kürzlich auch. Sie hieß Merle und glücklicherweise sind daraus mehr Nächte mit ihr geworden. Im Gegensatz zu den verzichtbaren und sinnlosen Vögeleien gab es in unserer ersten Nacht keine Spur von Selbst- oder Fremderwartungen. Wer, wann, wo den ersten Schritt nach dem Blickkontakt zu machen habe. Wo es hingehe. Dass überhaupt was laufen müsse. Und doch lagen wir, kaum waren wir in meinem Zimmer, nackt aufeinander. 

 

Es war ein schneller Fick, bei dem ich etwas verfrüht kam. Und dann ein zweites, intensives, ungehemmtes Aneinander-Rumspielen, das mich so vereinnahmte, dass meine Hände nur noch über sie wandern wollten und am liebsten nie wieder in meinen eigenen Schritt. Gleichzeitig meinte ich eine leise Vorahnung zu haben, dass wir beide gern mehr wollten als nur ungelenk Geilheit abzubauen. Was auch sonst, wenn es doch so gut ist?

 

Klar, Merle hätte es sich anders überlegen können am nächsten Morgen. Oder ihr Freund hätte ein Monogamist sein und nicht einverstanden mit einer offenen Beziehung sein können. Dann wäre sie vielleicht mein erster guter One-Night-Stand geworden. Beziehungsweise geblieben. So aber wurde sie stattdessen meine Freundin und ich sowas wie ihr Zweitfreund. Das finde ich natürlich viel besser. Denn ich habe jetzt endlich wieder regelmäßig guten Sex.

 

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