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Illustration: Daniela Rudolf / Foto: freepik

Ich stehe mit Leon im Abschleppschuppen meines Vertrauens. Wir sind nach der Verabschiedung eines gemeinsamen Kollegen angeheitert und Leon ist auf der Suche nach weiblicher Zuneigung. Sein bevorzugtes Mittel ist eigentlich Tinder, aber auch Leon weiß, dass ein Kerl für ein einziges Match im Schnitt 115 Mal wischen muss. Die Aussicht auf netten Kontakt binnen weniger Stunden ist darum heute im Club realistischer. 

Doch obwohl er sehr attraktiv und ein smarter Typ ist, wirkt Leon in der Atmosphäre wild gemischter Musik und Drinks ein bisschen gehemmt. Ich beschließe, den Kontaktvermittler zu spielen. Nicht, weil ich mich für den Oberchecker halte, sondern weil es mir leichter fällt, Frauen anzusprechen, wenn die mögliche Zurückweisung mich nicht persönlich trifft.

Leon hat ein Auge auf die schlanke Frau mit den dunkelrot geschminkten Lippen auf der Tanzfläche geworfen. Als ich mich zu ihr durchgeschlängelt habe, dreht sie sich zu mir, weg von dem Typen, der sie von der anderen Seite anstiert. Maren, so heißt sie, gibt mir zu verstehen, dass sie ihn unangenehm findet, weil er ihr viel zu oft und plump auf die Brüste glotzt. Ich sage zu Maren: „Wenn du dich mit angenehmeren Typen unterhalten willst: Mein Lieblingskollege Leon da vorn findet dich glaube ich ziemlich bezaubernd.“ Maren schaut zu Leon und als ihre Blicke sich treffen, lächelt sie kurz. Dann dreht sie sich wieder zu mir und sagt: „Ja, der ist ziemlich hot.“ Leider macht ihr nächster Satz alles zunichte: „Aber Männer, die sich nicht trauen, sind Lappen.“ Ich verabschiede mich mit „Die Fünfziger haben angerufen: Sie wollen ihre Geschlechterrollen zurück“, und frage an der Theke nach einem extra-maskulinen Bier für Leon und mich.

Ich hatte ja nicht erwartet, dass Maren Leon sofort um den Hals fällt. Ich wollte eigentlich nur beiden klar machen, dass sie kein „Schwirr ab!“ zu befürchten haben, sollten sie die Gesellschaft des jeweils anderen suchen. Denn nach allem, was ich weiß, ist es doch so: Ob Mut, Mathe oder Management – Frauen und Männer sind in fast allen Dingen ziemlich gleich gut. Es sei denn man redet den Frauen das Gegenteil ein und das ist jetzt echt lange genug passiert. Und ja, ein bisschen Mut gehört dazu, wenn es zu Kontakt kommen soll. Aber warum sollte das Überwinden der kleinen oder großen Angst vor Zurückweisung ausschließlich Jungsaufgabe sein?

Ich kenne Typen, die können ziemlich mutig sein. Die haben ohne fremde Hilfe drei Faschos aus den Thor-Steinar-Klamotten gehauen, weil die einen ausländisch aussehenden Menschen angegriffen haben. In Clubs oder Bars sind sie trotzdem befangen. Ein paar Blicke einer fremden Frau sind nun mal nicht immer eindeutig einzuschätzen. Wenn denn überhaupt schon Augenkontakt besteht. Und es gibt sicher Kerle, die ohne einen Funken Nervosität alle für sie interessanten Frauen im Raum anquatschen können, egal, ob die in der Gruppe rumstehen oder wild tanzen. Nach meiner Erfahrung sind das aber deutlich häufiger schmierige Pickup-Artists als integre Typen.

Macht diese Frau irgendwas von sich aus oder fordert sie alle erdenklichen Tätigkeiten als Männlichkeitsbeweis? 

Eine Haltung wie Marens sorgt bei mir jedenfalls für extremen Widerwillen. Weil ich mich frage: Wenn sie derart fundamentalistisch drauf ist, muss der Typ dann den zweiten, dritten, zehnten Schritt auch initiieren? Wenn er das nicht tut, ist er dann auch wieder unmännlich? Macht diese Frau überhaupt irgendwas von sich aus oder fordert sie lieber alle erdenklichen Tätigkeiten als Männlichkeitsbeweis? Muss ich auf dem Schützenfest am Autoscooter in Lederjacke auf sie warten und ihr dann am Schießstand ein „Ich liebe Dich“-Lebkuchenherz schießen? Hält sie mich für unaufmerksam, wenn ich ihr nicht jeden Donnerstag Blumen mitbringe? Und was ist, wenn ich es versäume, zum Jubiläum unseres ersten Kusses einen 8000-Euro-Überraschungsurlaub auf den Malediven aus dem Ärmel zu schütteln? An dessen Ende ich vermutlich im Sonnnenuntergang an einem einsamen Strand auf die Knie zu gehen habe, um ihr einen antiken Verlobungsring anzustecken. In der Summe klingt mir das alles weniger nach Flirt und mehr nach Butlertätigkeit (gern nackt, mit muskulösem Oberkörper!)

Deswegen mein Vorschlag für ein Flirt-Update 2018: Frauen dürfen bei Interesse gern die Chance nutzen, den ersten Schritt zu machen. Das ist zwar leider immer noch ungewöhnlich, aber wirklich niemand, der kein kompletter Vollidiot ist, denkt in so einem Moment: „Mit der Frau stimmt was nicht, wenn sie es nötig hat, Typen anzusprechen.“

Sofern er nicht völlig daneben ist, sagt der erste Kontaktversuch über potenzielle Anziehung, Zugewandtheit, Respekt, Witz und Charme kaum etwas aus. Und der fehlende Mut dazu auch nicht. Wer als erster vorrückt, wie tapsig und ungelenk auch immer, ist egal. Ein „Hi!“ kann schon reichen, wenn der Rest stimmt. Und wenn nicht, ist das auch okay. 

Sonja, die ich eine halbe Stunde später auf Leon hinweise, ist zum Beispiel ehrlich und sagt: „Der sieht nett aus, ist mir aber zu behaart.“ Aber währenddessen steht ihre Freundin Fabienne schon vor Leon und drückt ihm etwas verlegen ein Bier in die Hand. Die beiden haben an dem Abend nicht mal geknutscht. Sondern einfach nur ihre gegenseitige, zuneigunsvolle Gesellschaft genossen. Die tat Leon dermaßen gut, dass er am Ende um halb vier seine Hemmungen vergaß und lauthals mit Fabienne „Don’t Look Back in Anger“ in eine Bierflasche sang.

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