Klingt echt, ist aber gar nicht echt. Schade.

Klingt echt, ist aber gar nicht echt. Schade.

Illustration: Daniela Rudolf

Die meisten von uns haben es schon mal getan. Wenn der Kopf beim Sex woanders war. Der Typ sich blöd anstellte. Oder es mal wieder länger dauerte. Einfachste Lösung: „Ja! Ja! JA! JA! JA! Oh mein Gott…“ rufen und ein bisschen zucken, fertig. Alle sind glücklich. Oder auch nicht. Zumindest aber erspart man sich so jegliche Diskussion, niemand wird vor den Kopf gestoßen und niemand wirkt, als wäre er unfähig, Spaß zu haben. „Denn“, wie die Autorin Nora Bossong in ihrer Reportage „Rotlicht“ so schön schreibt, „das Einzige, das in unserer Gesellschaft noch schambehafteter ist als ein Orgasmus, ist das Ausbleiben eines Orgasmus.“

Glaubt man einer vielzitierten Studie der Berliner Charité aus dem Jahr 2004, für die Frauen zwischen 17 und 71 Jahren zu ihrem Sexualleben befragt wurden, haben 90 Prozent aller Frauen mindestens ein Mal in ihrem Leben einen Orgasmus vorgetäuscht. Und die 2017 erschienene, vom Meinungsforschungsinstitut YouGov breit angelegte Umfrage „Wir Deutschen und die Liebe“ spezifiziert: Ein Drittel der befragten Frauen faket mindestens ab und zu. Und wie das mit Umfragen so ist: Selbst im Schutz der Anonymität neigen Menschen dazu, sozial erwünschte Ergebnisse anzugeben. Insofern könnte die Dunkelziffer noch höher liegen. 

Ob ein großes Stöhnkonzert wie damals bei Meg Ryan in „Harry und Sally“ oder ein leise gehauchtes „Ich komme“: Auf die Schliche kommt man der Täuschung sowieso nicht, denn wo kein Samen, da kein Beweis. Und so glauben laut YouGov nur 36 Prozent der befragten Männer, dass ihnen eine Partnerin jemals einen Höhepunkt vorgetäuscht hätte. Aber wie sollten sie es auch besser wissen, wenn ihnen nie jemand sagt „Sorry, Schatz, das wird so nix!“, sondern sie stattdessen dauernd die größte Lust vorgespielt bekommen?

An dieser Stelle ließe sich argumentieren: Die Frauen sind selbst schuld (was zum Beispiel die Philosophin Svenja Flaßpöhler in ihrem jüngst erschienenen Buch „Die potente Frau“ auch macht). Denn wenn sie für ihre Befriedigung keine Verantwortung übernehmen, sondern sie lieber vortäuschen, wer soll es dann tun? Da mag was Wahres dran sein. Und doch ist die Chose nicht ganz so einfach wie es scheint.

Auf Platz eins der Gründe, warum Frauen lieber faken, statt die Fakten auf den Tisch zu legen, steht laut YouGov die Aussage: „Weil ich meinem Partner zeigen will, dass es mir gefällt.“ Den meisten Täuschungskünstlerinnen geht es also um eine Bestätigung für den Sexualpartner, dass er es voll drauf hat. Sein Ego ist in diesem Moment wichtiger als die eigene Befriedigung – Willkommen im 21. Jahrhundert! Gleichzeitig steckt in dieser Aussage aber auch der Wunsch der Frau, dem Mann zu beweisen, dass sie in der Lage ist, Spaß zu haben. Denn wer will schon eine, die nicht kommen kann?

In solchen Momenten gehört die Sexualität der Frau nicht ihr selbst, sondern orientiert sich an der des Mannes. Das ist eine historisch gewachsene Tatsache, die sich zwar im Laufe der Zeit abgeschwächt hat, aber immer noch nicht völlig verschwunden ist. In ihrem Buch „Das beherrschte Geschlecht – Warum sie will, was er will“ beschreibt die Psychologin Sandra Konrad sehr anschaulich, wie weibliche Lust über Jahrtausende hinweg durch Männer kontrolliert und sanktioniert wurde und wird: War die wollüstige Frau früher mindestens als nymphoman verschrien, so hat sie heute sexuell aktiv zu sein und körperlich allzeit zu funktionieren. Und in dieses Bild, dem Konrad zufolge viele junge Frauen (meist unbewusst) entsprechen wollen, passt es eben nicht, dass laut YouGov nur 27 Prozent der Frauen zuverlässig durch Penetration einen Orgasmus erleben können und nur 21 Prozent bei jedem Sexualkontakt einen Orgasmus haben. Um dem Bild der „sexuell funktionierenden“ Frau zu entsprechen, bleibt also nichts anderes übrig, als in vielen Fällen einen Orgasmus zu imitieren.

Was das Ganze noch unfairer macht: Den 21 Prozent Frauen, die jedes Mal kommen, stehen 59 Prozent der Männer gegenüber. Selbst wenn man völlig okay damit ist, nicht jedes Mal den „kleinen Tod“ zu sterben – der Orgasm Gap ist dennoch imposant. Und gilt übrigens nicht für lesbische Frauen (was Männern unbedingt zu denken geben sollte). 

„Frauen kommen eben nicht so leicht“, mag der erfahrene Leser erwidern und er könnte recht haben. Dennoch eine merkwürdige Tatsache, wo es doch bei der Selbstbefriedigung bei beiden Geschlechtern gleich gut geht. Sandra Konrads Fazit über den ausbleibenden oder schwer zu erreichenden weiblichen Orgasmus: „Vermutlich ist es (…) ein Resultat der jahrhundertelangen Unterdrückung und Beschämung der Frau, das bei vielen zu Hemmungen führt, ihren Körper selbst zu erforschen oder erforschen zu lassen. Die sinnliche, ekstatische, sexuell aktive Frau war so lange der Gefahr ausgesetzt, als Hure, Hexe oder Schlampe verschrien zu werden, dass Scham und Schuldgefühle zum natürlichen Begleiter der Frau wurden.“ Das Perfide: Solche Mechanismen funktionieren vor allem auf unbewusster Ebene. Und bremsen uns aus, ohne dass wir es merken. 

Das nächste Mal, wenn der Kopf also mal wieder woanders ist, der Typ sich blöd anstellt oder es einfach mal wieder länger dauert: Lass das Stöhnkonzert bleiben. Wenn du dem Kerl grundlos das Ego polierst oder dich selbst als Orgasmus-Maschine inszenierst, bringt das niemandem was. Sag lieber, was du brauchst. Oder, dass du keine Lust mehr hast. Damit sorgst du nicht nur dafür, dass du dir selbst in die Augen sehen kannst. Du machst auch aus dem beherrschten Geschlecht ein potentes.

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