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Illustration: Daniela Rudolf

„Na, haste wieder deine Tage?“ Ich weiß nicht, wie oft ich diese Frage schon in meinem Leben gehört habe. Von Schulkameraden, Kommilitonen, Mitbewohnern, Partnern … Ganz recht, es waren immer Typen. Für meine schlechte Laune hatten sie so ziemlich genau eine Erklärung: Menstruation! Als wäre das der einzige Grund, aus dem einem Mädchen oder einer Frau nicht zum Lachen zumute sein könnte. Sie selbst konnten selbstverständlich aus tausend Gründen eine Fresse ziehen – niemand würde in Versuchung geraten, ihren Hormonen die Schuld daran zu geben. 

Die Idee von der Frau als hormongesteuertes (und damit, nun ja, irgendwie minderbegabtes) Wesen hat Tradition. Bis ins 19. Jahrhundert galt es als wissenschaftlicher Konsens, dass die Gebärmutter einer Frau Schuld daran hatte, wenn diese schlechter Laune, starrsinnig oder streitsüchtig war. Die einzig einleuchtende Erklärung: Der mit Sperma unterversorgte Uterus wandert auf der Suche nach seinem Lebenselixier im Körper herum! Aus dieser Zeit stammt vermutlich der noch heute von besonders begabten Frauenkennern so gern vorgebrachte Spruch: „Die muss nur mal richtig durchgef... werden.“

Wie wir sehen, lagen die Herren Mediziner (unter denen es wirklich ausgezeichnete Frauenkenner gab) mit ihren Annahmen in Sachen „weiblicher Körper und weibliche Psyche“ nicht immer richtig. Leider hält das bestimmte Mythen trotzdem nicht davon ab, sich in unserem kollektiven Bewusstsein zu verkrallen. Heute glaubt zwar niemand mehr an spermasüchtige Gebärmütter, die Frauen reihenweise in den Wahnsinn stürzen. Dafür aber gibt es mit der Periode einen neuen Sündenbock für emotionale Instabilität. Sorry, Leute, auch ihr liegt falsch. 

„Die ,Menstruationsfrage‘ ist nicht nur sexistisch, sie ist auch physiologisch gesehen falsch“, schreiben die dänischen Ärztinnen Nina Brochmann und Ellen Støkke-Dahl in ihrem Buch „Viva la Vagina!“. „Wenn schon fiese Unterdrückungsmechanismen zur Anwendung gelangen, dann sollten sie wenigstens auf Wahrheiten beruhen.“ Die Wahrheit ist: Es gibt hormonelle Beeinträchtigungen. Die sind aber anders, als wir oft glauben. Und sie als Nachteil zu werten, wäre außerdem völlig bescheuert. Aber mal ganz von vorn.

Vor Einsetzen der Periode träumen Frauen besonders oft von Tod und Ängsten

Ja, es gibt nachweislich eine Stimmungstiefphase im Laufe des weiblichen Zyklus'. Die macht sich aber nicht mit Einsetzen der Periode bemerkbar, sondern schon einige Tage davor. P-M-S, das sind hier die magischen drei Buchstaben. Das „Prämenstruelle Syndrom“, zu dem auch physische Beschwerden wie Bauch-, Kopf- und Rückenschmerzen zählen, betrifft jedoch lange nicht jede Frau – und nicht jede Frau gleich stark. „Etwa 20 bis 30 Prozent der Frauen haben Symptome, die als leichtes oder moderates PMS qualifiziert werden können“, schreiben Brochmann und Støkke-Dahl. Das sind gar nicht mal so viele. Ganz verschont von spürbaren hormonellen Schwankungen bleiben nur die wenigsten Frauen: Laut Brochmann und Støkke-Dahl haben 80 bis 85 Prozent aller Frauen vor der Periode leichte PMS-ähnliche Symptome. 

Und die können sich sehr unterschiedlich äußern. Die schwedische Comiczeichnerin Liv Strömquist zitiert in ihrem Buch „Vom Ursprung der Welt“ zum Beispiel eine amerikanische Studie aus dem Jahr 1968, in der die Träume von College-Studentinnen in verschiedenen Phasen ihres Zyklus' untersucht wurden. Dabei kam heraus, dass die Frauen etwa drei bis vier Tage vor Einsetzen der Periode besonders oft von Tod und verschiedenen Ängsten träumten. Eine Blitzumfrage in meinem eigenen Freundinnenkreis ergab, dass sich die meisten Frauen in dieser Zeit besonders verwundbar fühlen, sie Ungerechtigkeiten sehr viel stärker wahrnehmen und zur Traurigkeit neigen. Eine Freundin von mir fasste es so zusammen: „Es ist, als hätte man mir das dicke Fell abgezogen.“ 

Strömquists Gedanken dazu sind eindeutig: „Ich hoffe, Sie verstehen, dass wenn wir in einem Matriarchat leben würden, PMS selbstverständlich einen viel höheren Status hätte, in etwa wie die männliche Melancholie im 19. Jahrhundert, oder wie das Aufmerksamkeitsbedürfnis gewisser männlicher Podcaster.“ Man kann das mit der prämenstruellen Melancholie nämlich auch als Vorteil betrachten. Schließlich ist man in dieser Zeit empfänglicher für intensive Gefühle und tiefe Einsichten, wovon zum Beispiel die eigene Kreativität enorm profitieren kann. 

Das räumliche Orientierungsvermögen ist nach der Periode besonders stark ausgeprägt

Okay, aber was machen die Hormone noch? Dass Frauen in der Zeit um den Eisprung herum besonders wild auf Sex sind, ist wohl jedem bekannt. Aber wer weiß schon, dass das räumliche Orientierungsvermögen nach der Periode besonders stark ausgeprägt ist? Dass Frauen drei Wochen später zu Kommunikationsgöttinnen mutieren? Oder dass ihre Hirne im Laufe des Zyklus' ihre Größe verändern?

Verantwortlich für all dieses Auf und Ab sind die Eierstöcke, denn sie produzieren die Hormone Östrogen und Progesteron. Östrogen (vom griechischen „oĩstros“: Leidenschaft; eigentlich: das Leidenschaft Erregende) sorgt für alles Weibliche am Körper – von seinen weichen Formen über feuchte Scheidewände bis hin zur Fähigkeit der Gebärmutter, ein Kind auszutragen. Progesteron (vom lateinischen „pro“: für und „gestatio“: das Tragen, mit anderen Worten: für die Schwangerschaft) hindert die Gebärmutter daran, sich zusammenzuziehen und damit eine befruchtete Eizelle abzustoßen. Außerdem sorgt es dafür, dass sich genügend Gebärmutterschleimhaut für das zu erwartende Baby aufbaut – die dann, wenn keine Befruchtung erfolgt, mit der Menstruation den Körper wieder verlässt. Zusammen mit ihren im Gehirn generierten Kumpels „Follikelstimulierendes Hormon” (FSH) und „Luteinisierendes Hormon” (LH) arbeiten die beiden ununterbrochen daran, den Tisch für den erwarteten Besuch reich zu decken. Und ihn wieder abzudecken. Und dann nochmal von vorn. 

Ob die Evolution sich bei all dem Hoch und Runter irgendwas gedacht hat, ist den Forschern noch heute ein Rätsel

Je nach dem, in welcher Phase des Zyklus' eine Frau sich befindet, läuft die Produktion dieser Hormone auf Hochtouren oder eben nicht: Östrogen zum Beispiel wird vor allem während des Eisprungs ausgeschüttet, Progesteron vermehrt in der zweiten Zyklushälfte (denn idealerweise ist das Ei in dieser Zeit schon befruchtet) – und genau das beeinflusst dann auch die Wahrnehmung und das Verhalten der Frau. 

Eine kleine Studie, die im 2002 von einer Psychologin der University of Baltimore an 16 Frauen durchgeführt wurde, konnte feststellen, dass sich die räumliche Wahrnehmung der Probandinnen eine Woche nach ihrem Eisprung (also zu einem Zeitpunkt, an dem die Konzentration von Östrogen und Progesteron in ihrem Körper vergleichsweise hoch war) signifikant verschlechterte. Auf der anderen Seite verbesserten sich ihre Kommunikationsfähigkeiten enorm. Auch wenn 16 Frauen nicht 1600 sind, interessant ist die Studie dennoch. Vor allem, wenn man sie im Kontext von anderen Erkenntnissen sieht, zum Beispiel einer Studie der britischen Cardiff University. Hier wurden Frauen in verschiedenen Stadien ihres Zyklus' Fotos von menschlichen Gesichtern, die verschiedene Emotionen ausdrücken, gezeigt. Hier kam heraus, dass Frauen, die sich auf dem Höhepunkt ihrer Östrogen-Produktion befanden, besonders gut in der Lage waren, Angst bei anderen zu erkennen – was die Erkenntnis untermauert, dass die sozialen Fähigkeiten einer Frau zu diesem Zeitpunkt besonders ausgeprägt sind. 

Ob die Evolution sich bei all dem Hoch und Runter irgendwas gedacht hat, ist den Forschern noch heute ein Rätsel. Vielleicht ist es aber auch gar nicht so wichtig zu wissen, warum das alles so ist. Worauf es viel mehr ankommt, ist, seinen Körper und dessen Rhythmen zu kennen. Rhythmen, die nun mal dafür notwendig sind, dass die Menschheit weiterbesteht. Wir alle sollten sie feiern, statt Frauen deswegen blöd anzumachen – meine bescheidene Meinung.

Für alle anderen schlagen Brochmann und Støkke-Dahl vor: „Und wer schon so ein Idiot sein will, Frauen mit einem Kommentar zum Menstruationszyklus einen reinzudrücken, sollte nicht fragen: ,Hast du deine Tage, oder was?‘ Korrekt hieße es: ,Kriegst du deine Tage, oder was?‘ Das klingt zwar nicht ganz so gut, aber will man andere beleidigen, sollte die physiologische Grundlage schon stimmen.”

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