Warum es sich beim Sport lohnt, den eigenen Zyklus zu kennen

Im Profisport ist die Menstruation noch immer ein Tabu. Dabei beeinflusst sie die körperliche Leistungsfähigkeit stärker, als viele denken.
Von Rena Föhr
zykluskolumne 7 sport

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

„Es war nur eine dieser Sachen, die ich habe, naja, Frauensachen. Das passiert eben.“ So drückte sich Tennisprofi Heather Watson im Jahr 2015 aus, als ein Reporter sie nach ihrem überraschenden Aus bei den Australian Open befragte. Und obwohl sie das Wort nicht aussprach, stand es kurz darauf weltweit in den Schlagzeilen: Menstruation – angeblich eines der letzten Tabus im Sport. Ihrem Beispiel folgten Athletinnen, die sich noch klarer ausdrückten. Bei den Olympiaden in Rio 2016 sagte die Schwimmerin Fu Yuanhui, sie hätte in der Nacht zuvor ihre Periode bekommen. Sportlerinnen, die nicht mehr aktiv waren, zeigten sich erfreut, dass nun im Gegensatz zu früher endlich darüber gesprochen wurde. „Ich dachte, ich wäre die Einzige, der es so geht“, sagte beispielsweise die ehemalige Leistungssportlerin Claudia Kohde-Kilsch.

Natürlich war sie nicht die Einzige. Die meisten Menstruierenden können wohl gut nachvollziehen, wovon Kohde-Kilsch und ihre Kolleginnen sprechen. Dazu muss man kein Profi sein – es reicht schon, im Fitnessstudio festzustellen, dass man an manchen Tagen gern ein Extragewicht drauflegt und sich an anderen lieber auf dem Gymnastikball dehnt. Die Frage ist nur, ob man diese zyklischen Schwankungen auch als solche identifiziert und dementsprechend auf sie reagieren kann. Denn das Tabu und der Druck, keine Schwäche zu zeigen, sind weiterhin groß.

Obwohl Sport für mich nur ein Hobby ist, war auch ich lange der Meinung, dass ich jeden Tag dabei die gleiche Leistung bringen sollte. Einmal ließ ich mich an meinem ersten Zyklustag von meinem damaligen Mitbewohner zum Bouldern anspornen – wir hatten gemeinsam damit angefangen und waren dabei, uns gegenseitig zu übertrumpfen. An jenem Tag allerdings schätzte ich mich schlecht ein, kletterte unsauber und flog mehrmals auf den Bauch. Klar, ich war auch am ersten Tag der Periode. Gute zwei Wochen später hingegen schaffte ich ein paar Routen, die meinem Mitbewohner nicht gelangen – es gibt schließlich auch Zyklusphasen, in denen die Energie auf dem Höhepunkt ist.

Einfach die Periode verschieben? Was die Pille beim Sport bewirkt, ist noch unklar

Weil Profi-Wettkämpfe nicht einfach verschoben werden können, liegt es erst einmal nahe, durch temporäre Medikamentengabe oder hormonelle Verhütung die Menstruation zu verlegen (oder ganz auszuschalten). Unproblematisch ist das nicht: Als der 18-jährigen Läuferin Jessica Judd Medikamente gegeben wurden, um ihre Periode über einen 800-Meter-Lauf hinweg aufzuschieben, fühlte sie sich am Wettkampftag trotzdem schlecht und verlor. Die ehemalige Marathon-Weltrekordhalterin Paula Radcliffe sagte daraufhin, dass den oft männlichen Ärzten der Athlet*innen das Verständnis für den weiblichen Zyklus völlig fehle. Es ist unklar, wie Judds Wettkampf ohne Medikamente gelaufen wäre. Ein Allheilmittel ist der Eingriff in den Hormonhaushalt aber definitiv nicht.

Manche Frauen* haben starke Nebenwirkungen von der Pille; eventuell kann sie den Muskelaufbau verringern. Bezüglich der Verletzungsgefahr gibt es unterschiedliche Vermutungen, ob sie diese verringert oder erhöht.„Könnte“, „kann eventuell“, „ist unklar“: Dass an dieser Stelle so viele vorsichtige Formulierungen nötig sind, liegt daran, dass es bis heute sehr wenig Forschung dazu gibt, welche Rolle der weibliche* Zyklus im Sport (und in so ziemlich allen anderen Bereichen) spielt. Erstaunlich, wenn man bedenkt, wie selbstverständlich Symptome wie Puls, Blutdruck, Gewicht etc. getrackt werden – und wenn man weiß, dass der Menstruationszyklus unter Expert*innen als Vitalzeichen gilt, das nicht nur viel über den

Gesundheitszustand aussagt, sondern ihn auch beeinflusst. Doch selbst, als ich für diese Kolumne nach Trainingstipps speziell für Frauen googelte, kam der Zyklus in den Suchergebnissen kaum vor.

Studien zu Sport und Leistungsfähigkeit wurden hauptsächlich an Männern durchgeführt

Viele Erkenntnisse zu Leistungsfähigkeit und Training beruhen auf der Forschung an männlichen* Sportlern. Die Empfehlungen sollen auch für Frauen* gelten – dabei sind diese in Studien unterrepräsentiert. Zunächst wurden sie außen vor gelassen, weil man es schlicht für irrelevant hielt – dann auch, weil der Zyklus mit seinen schwankenden Hormonspiegeln die Forschung verkomplizieren könnte. Heutzutage werden zwar allmählich mehr Frauen* in die Analysen einbezogen – ihre Zyklusphasen allerdings nicht. Diese absurde Situation ist übrigens keinesfalls auf den Sport beschränkt, wie aktuelle Diskussionen rund um Gendermedizin zeigen.

Eine Ausnahme ist eine Studie der Ruhr-Universität Bochum, die sich mit

„Menstruationszyklus-gesteuertem Krafttraining“ beschäftigt. Sie kam zu dem Ergebnis, dass die mittzyklische Phase, also nahe des Eisprungs, als die „Phase der größten Leistungsfähigkeit“ gilt. Vor allem Krafttraining und Muskelaufbau funktionieren in den Tagen mit hohem Östrogenspiegel besser als in anderen Phasen. Was offensichtlich scheint, kommt erst jetzt allmählich im Profisport an. Viele Sportler*innen tracken inzwischen ihre Zyklen; von der US-Fußballnationalmannschaft heißt es, dass der WM-Sieg 2019 unter anderem darauf zurückzuführen sei, dass der Trainingsplan der Spielerinnen auf ihre Zyklen abgestimmt worden war. Die dabei genutzte App bietet Ernährungs- und Sporttipps, die zu den vier Zyklusphasen passen sollen. Diese beziehen sich allerdings auf einen standardisierten 28-Tage-Zyklus mit Eisprung an Tag 14. Auf die Mehrheit der Frauen* trifft diese Einteilung nicht genau zu.

Zyklusforschung könnte helfen, nicht nur Probleme, sondern auch Vorteile zu benennen

Mit einer App zu beginnen, ist sicherlich besser, als den Zyklus weiterhin zu ignorieren. Klar ist aber auch, dass es nur ein Anfang ist. Temperaturmessung, Zervixschleimbeobachtung und Urintests auf Zyklushormone würden helfen, Training und weitere Aktivitäten feiner abzustimmen. Außerdem könnte man anhand detaillierter Zyklusaufzeichungen klarer erkennen, in welcher Phase man ist und ob es Hinweise auf ein hormonelles Ungleichgewicht gibt. Das ist nicht nur für Profis essentiell. Wenn Forschungen zum Zyklus ausgebaut werden, können alle davon profitieren – von der Hobbyjogger*in bis zur Rekordsprinter*in. Eine ganzheitliche Betrachtung der verschiedenen Phasen wäre außerdem dringend nötig, um das Bild vom Zyklus als Bürde zu revidieren – und auch seine Vorteile auszunutzen. Ich warte jedenfalls jetzt schon auf den Tag, an dem eine Medaillengewinner*in auf die Frage nach dem Erfolg in etwa so antwortet: „Ich stehe kurz vor meinem Eisprung, deshalb habe ich heute alle geschlagen. Frauensachen – das passiert eben!“

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