„Es geht darum, in sich selbst etwas zu verändern“

Foto: Lisa Plank; Bearbeitung: jetzt

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

„Ich habe mit meinen Freundinnen Frisbee gespielt. Als ich das Frisbee aufheben wollte, hat mir ein Typ zugerufen, ob ich mich für ihn auch mal bücken würde“, erzählt Lena. Sie und  neun weitere junge Frauen sitzen in einem Stuhlkreis in einem Seminarraum in Wurzen, einer sächsischen Kleinstadt. Die meisten von ihnen sind jung, zwischen 20 und 30 Jahren. Es sieht aus, als treffe sich hier eine Selbsthilfegruppe – und irgendwie ist es das auch.

Manche Frauen schütteln den Kopf, als Lena die Geschichte von diesem Typen erzählt, andere ziehen die Augenbrauen hoch. Sie sind genervt – nicht nur von sexistischen Männern und deren Kommentaren, sondern auch davon, in solchen Situationen keine schlagfertige Antwort parat zu haben. In diesem Seminar, organisiert von der Soziologin Maja Steinlaus, haben sie die Möglichkeit, ihre Erfahrungen mit Alltagssexismus auszutauschen. Und zu lernen, wie sie am besten darauf reagieren.

Lena hatte in der Situation eine schlagfertige Antwort parat. „Ich habe das Ganze einfach umgedreht. Ich bin zu ihm hingelaufen und habe ihn gefragt, ob er sich denn mal für mich bücken könnte. Am Anfang fand er es witzig, dann habe ich weitergemacht und irgendwann fand er es auch richtig unangenehm und wusste nicht, was los ist“, sagt sie. Die anderen Teilnehmerinnen lachen über diese Geschichte, manche nicken Lena ermutigend zu.

Im Workshop wird deutlich, wie vielfältig die Wahrnehmung von Sexismus sein kann: Manche berichten von stereotypen Geschlechterrollen, andere von Catcalling und wieder andere von physisch übergriffigem Verhalten. „Ich habe auf Ebay-Kleinanzeigen eine neue Waschmaschine gekauft. Als meine Mitbewohnerin und ich sie abgeholt haben, fragte der Verkäufer ganz verdutzt, wo denn unsere Männer sind, um sie zu tragen“, sagt eine Teilnehmerin. Sie ärgert sich, dass ihr nicht zugetraut wurde, die Waschmaschine selbst zu transportieren – und stattdessen direkt nach einem Mann gefragt wurde. „Als ich gestern durch die Stadt gelaufen bin, musste ich relativ nah an zwei Männern vorbeigehen. Sie haben ihre Unterhaltung unterbrochen und mich ganz genau beobachtet. Als ich auf ihrer Höhe war, flüsterte einer der beiden: ‚Bellissima‘. Ich habe mich total unwohl gefühlt, aber ich habe einfach auf den Boden geschaut und bin weitergegangen“, sagt eine andere.

Ökonomisch benachteiligte Frauen betrachten sich selbst am häufigsten als Opfer von Sexismus

Die Teilnehmerinnen des Workshops in Wurzen sind nicht die einzigen, die solche Erfahrungen machen. Eine Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums ergab, dass 31 Prozent der befragten Frauen regelmäßig und 40 Prozent der befragten Frauen seltener in ihrem Umfeld Sexismus gegenüber Frauen erleben. Die meisten würden auf sexistische Bemerkungen und Übergriffe nicht reagieren, „weil sie von der Situation zu überrascht sind, dem Angreifer oder der Gruppe von Männern körperlich unterlegen sind und sich ohnmächtig fühlen – und vor allem, weil sich durch eine aktive abwehrende Reaktion die Situation für sie selbst zeitlich verlängern würde und verschärfen könnte“, schreibt Studienleiter Carsten Wippermann in dem zur Studie veröffentlichten Bericht. „Insofern besteht die Strategie im Weitergehen, Ignorieren, Ausblenden, Verdrängen, aber auch in der Bagatellisierung der Situation, um nicht Opfer zu sein.“

Laut der Studie ist die Wahrnehmung von Sexismus je nach Geschlecht und Milieuzugehörigkeit sehr unterschiedlich. Ökonomisch benachteiligte Frauen betrachten sich selbst am häufigsten als Opfer von Sexismus. Die größte Sensibilität für Sexismus als strukturelles Problem haben laut Studie Akademikerinnen mit geringem Einkommen. Das zeigt sich auch bei den Teilnehmerinnen des Workshops. Sie studieren Geisteswissenschaften, arbeiten im sozialen oder kreativen Bereich – und gehören somit zu der gesellschaftlichen Gruppierung, die besonders sensibel für Sexismus ist. Ähnliche Unterschiede bei der Wahrnehmung von Sexismus gibt es auch zwischen den Geschlechtern. Demnach erleben beispielsweise zwölf Prozent der Frauen und nur fünf Prozent der Männer Sexismus mehrmals pro Woche. „Sie erleben dieselbe Wirklichkeit, nehmen sie aber anders wahr und deuten dieselben Situationen unterschiedlich“, schreibt Wippermann.

„Ich bekomme mittlerweile Anfragen aus ganz Deutschland“

Wegen solcher Studien hat Maja Steinhaus den Workshop ins Leben gerufen. „In der feministischen Arbeit gibt es viele gute Analysen, die zeigen, dass Sexismus in unserer Gesellschaft omnipräsent ist. Meistens endet es bei den Analysen, konkrete Lösungsansätze gibt es nicht. Das möchte ich ändern. Ich möchte Frauen aus dem Gefühl der Ohnmacht befreien“, sagt sie. Maja Steinhaus ist Soziologin und Teil des 2019 gegründeten Bildungskollektivs Educat, einem Zusammenschluss freier Bildungsreferent:innen. Zuvor arbeitete sie für das Frauenbildungszentrum in Dresden. Den Workshop „Alltagssexismus endlich angemessen niveaulos begegnen“ bietet sie seit mehr als einem Jahr an, seitdem flaut die Nachfrage nicht ab. „Ich bekomme mittlerweile Anfragen aus ganz Deutschland. Ich weiß aber auch von keinem ähnlichen Angebot in Deutschland“, sagt sie. Sie möchte einen sicheren Raum schaffen, um über Alltagssexismus zu sprechen – und einen Umgang mit Sexismus finden, der Betroffenen hilft, sich besser zu fühlen. „Es geht in diesem Workshop nicht darum, im Gegenüber etwas zu verändern. Es geht darum, in sich selbst etwas zu verändern.“

Als die Teilnehmerinnen von ihren Erfahrungen erzählen sollen, können nicht alle direkt eine Geschichte mit der Gruppe teilen – jedoch nicht, weil sie keinen Sexismus erleben. „Ich bin gar nicht sensibilisiert für Alltagssexismus. Ich habe gelernt, das als normal zu empfinden“, sagt Mona-Bawani. Sie ist 32 und arbeitet als Regisseurin und Theaterpädagogin. „Mir fällt es deshalb schwer, an konkrete Situationen von Alltagssexismus zu denken, weil ich die ganze Zeit an viel krassere Sachen denken muss, die den Rahmen hier sprengen würden.“

Sie überlegt, dann erzählt sie doch. „Ich war gerade in einer Bar und wollte nach Hause. Als ich mein Fahrradschloss aufsperrte, kam eine Gruppe von Männern zu mir. Die wollten mich unbedingt überreden, noch mit ihnen weiterzuziehen. Sie haben nicht mehr aufgehört und dabei sogar mein Fahrrad festgehalten“, sagt Mona-Bawani. „Ich habe mich richtig unwohl gefühlt. Aber ich habe ich mich einfach rausgeredet und gesagt, dass ich echt müde bin und zu meinem Freund nach Hause will.“

„Hey, das hier ist gerade unangenehm für mich, ihr macht mir Angst, bitte geht weg“

Die Situationen, die die Frauen schildern, werden im Laufe des Workshops wieder aufgegriffen. Manche sprechen in Ruhe über die Vorfälle und überlegen, wie sie reagieren hätten können. Andere spielen die Situationen nach und probieren, mit welcher Reaktion sie sich am wohlsten fühlen. Mona-Bawani spielt die Situation mit drei anderen Teilnehmerinnen nach. „Hey Süße, komm doch noch mit“ und „Entspann dich mal, das wird witzig“ sagen sie zu ihr. In dem Moment, in dem eine der Teilnehmerinnen Mona-Bawanis Hand greift, reißt sie sie in die Höhe. „Hey, das hier ist gerade unangenehm für mich, ihr macht mir Angst, bitte geht weg“, sagt sie. Mit dieser Reaktion fühlt sie sich wohl. „Wenn ich das damals so gemacht hätte, hätte ich mich viel besser gefühlt als mit den Ausreden, die ich erfunden habe, um nicht mit ihnen mitgehen zu müssen“, sagt sie im Nachhinein.

In den Geschichten, die im Laufe des Tages erzählt werden, können sich fast alle Teilnehmerinnen wiederfinden. „Das kenne ich, das ist mir auch schon passiert“, sagen sie immer wieder. Wie präsent Sexismus in ihrem Alltag ist, fiel Mona-Bawani erst durch den Workshop auf. „Vor dem Workshop dachte ich, ich bin nicht wirklich von Alltagssexismus betroffen“, sagt sie einige Tage später am Telefon. Ihr Umfeld sei links geprägt, ein respektvoller Umgang sei ihren Freund:innen wichtig. „Als wir dann gemeinsam darüber gesprochen haben, sind mir immer mehr Situationen eingefallen, in denen ich sexistisch behandelt werde.“ 

  • teilen
  • schließen