Der Du-und-ich-Tag

Jahrestage in Beziehungen sind so etwas wie der offizielle Geburtstag der Liebe. Sie zu feiern garantiert aber nicht immer ein Fest. Manchmal setzen sie uns auch unter Druck.
Von Christiane Lutz
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Illustration: Julia Schubert

Es ist schön, dass sich gewisse Ereignisse jährlich wiederholen. Der Geburtstag zum Beispiel. Oder der letzte Spieltag der Bundesliga (wenn er denn spannend ist), das erste Mal im Café draußen sitzen, der Besuch bei der Tante in Wien. Dann gibt es Ereignisse, die sich zwar jährlich wiederholen, deren Ausgang aber nicht zwingend positiv ist: Weihnachten, Sommerurlaube, Silvesterpartys und Pärchenjahrestage.

Jahrestage sind so etwas wie der offizielle Geburtstag der Liebe, gefeiert von zwei Menschen, die sich freuen, immer noch ein Paar zu sein, ob verheiratet, verlobt oder einfach nur verliebt. Sie wollen dem Glücksgefühl Ausdruck verleihen, dem Sturm der guten und der schlechten Zeiten bis jetzt getrotzt und den Umzug in die gemeinsame Wohnung inklusive hochexplosiver Ikeabesuche heil überstanden zu haben. Sie dienen als Ritual (das der Mensch ja bekanntlich im Leben braucht), welches man durchaus zum Anlass nehmen kann, Schönes miteinander zu erleben, keine Frage. Leider sieht die Realität oft so aus, dass sich ein, zwei Tage vor dem romantischen Termin bei mindestens einem der Beteiligten akute Panik breitmacht. Diese manifestiert sich dann entweder in Ideenlosigkeit, das liebevolle Jahrestagsgeschenk betreffend oder sie ist von tieferer, psychologischer Art: „Hilfe, jetzt sind wir wirklich schon vier Jahre zusammen. Finde ich das jetzt gut? Oder irgendwie spießig?“.

Jahrestage leiden nämlich an einer bestimmten Krankheit: Sie kommen meist ungünstig und bringen immer etwas Erzwungenes mit sich. Es scheint nämlich, dass sich viele Betroffene von dem magischen Datum geißeln lassen. Sich gegenseitig die schwere Bürde eines unbedingt perfekten Tages auferlegen. Der Jahrestag soll – und das ist die Schwere an der Sache - die Ernsthaftigkeit der Liebe spiegeln, ein zartes Liebesresümee ziehen sowie die Liebenden und ihre Umwelt daran erinnern, dass Beziehungen ein Grund zum feiern sind. Oder nicht?

Wir erinnern uns, wie alles begann. Damals, als wir mit vierzehn unseren ersten Freund hatten. Die erste richtige Beziehung, die dem Rest der Welt gezeigt wurde. Knutschenderweise im Schulhof stehend, zum Beispiel. Man einigte sich auf ein Geburtsdatum für die Beziehung: wahlweise erster Kuss, erstes Händchenhalten oder die Bestätigung einer eindeutigen Anfrage. Irgendwie war man damals noch stolz darauf, das „Ein-, Zwei-, Dreimonatige“ feiern zu können und dann mit einer Rose feierlich vor der Tür des Liebsten zu stehen. Lag das daran, dass alles so unglaublich neu und ungezwungen war? Oder begründete sich die Begeisterung in der Tatsache, dass viele dieser Beziehungen über diverse Monatsgrenzen gar nicht erst hinausgeklettert sind?

Heute jedenfalls löst das Wort „Jahrestag“ bei vielen meiner Bekannten eher ein Rumoren in der Magengegend als Herzklopfen aus. Die Frage ist doch eigentlich die: Was sagt ein Jahrestag wirklich über die Qualität einer Beziehung aus? Reflektiert er, wie sehr sich zwei Menschen lieben? Je länger zusammen, desto größer die Liebe? Oder umgekehrt? Oder ganz was anderes? Nichts dergleichen ist der Fall. Denn ein Jahrestag ist ein Konstrukt, das vorgibt, ein Maß für die Liebe zu sein, in Wahrheit aber nur versucht, so etwas Ungreifbares wie die Liebe in eine Form zu pressen.

Ein unerwartetes „ich finde es schön, mit dir zusammen zu sein“ am unbedeutendsten Mittwoch des Jahres wiegt viel mehr, weil es sich eben dieser rationalen Exponierung entzieht und die Liebe ihren Gang gehen lässt und nicht den des Kalenders.

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