Was der gemeinsame Besitz über eine Beziehung aussagt

Von geteilten Boxershorts über die gemeinsame Wohnung bis zum Streit um Materielles.
Von Julia Wadhawan
besitz beziehung jetzt
una.knipsolina / photocase.de

Eine Beziehung ist immer ein Geben und Nehmen. Ja, auch im wörtlichen Sinne: Auch Besitz ist Gradmesser und Projektionsfläche für Zusammengehörigkeit und Zwietracht. Wie und was wir in einer Beziehung gemeinsam besitzen, wie viel unserer Habe wir miteinander teilen, erzählt eine Menge darüber, in welcher Liebesphase wir uns befinden. Die sieben Phasen von verknallt bis entliebt:

Die ersten Wochen: Geteiltes Gut ist doppeltes Gut

Mit der Zeit wird die Grenze zwischen beiden Welten durchlässiger. Dass man einander gernhat, zeigt sich oft in unbedingtem Teilungswillen. Es ist ein Zugeständnis daran, dass man sich wiedersehen will und wird. Was mein ist, ist auch dein. Der Anfang einer Beziehung bringt daher nicht nur Bauchkribbeln und Knutschflecken mit sich, er schafft auch Zugang zu Dingen: Weil es am Abend frisch geworden ist, leiht er ihr seinen Kapuzenpulli. Sie trägt ihn später auch zur Uni. Er leiht sich ihre Kopfhörer für den Fußweg von ihrer Wohnung zu seiner. Bald sind es Rucksäcke, Bücher, Fahrräder oder alte Smartphones – Gegenstände werden ausgetauscht, der Besitz des einen fließt zum andern und umgekehrt. Es ist der erste Schritt zum „Wir“.

Die ersten Monate: Ein Stück Zuhause

„Durch Liebe wird uns erst etwas zum Besitz“, das hat Johann Wolfgang von Goethe mal geschrieben. Ob er damit die Jogginghose des oder der anderen meinte, können wir nur vermuten. Bei mir waren es als erstes Boxershorts und T-Shirts, sie sind sozusagen die Besitzkonstante all meiner längeren Beziehungen. Irgendwann gab es da ein kleines Fach im Kleiderschrank, in dem eine Boxershort und ein T-Shirt von ihm lagen, die nur ich trug, wenn ich dort übernachtete. Diese, seine, Dinge gingen auf mich über. Sie waren mein Platzhalter, das Symbol für meine Anwesenheit in seinem Leben. Durch sie war klar: Ich bin hier nicht nur Gast. Ich bin gekommen, um zu bleiben (was sich immer so anfühlt, aber natürlich nicht immer stimmt).

Es kamen weitere Dinge hinzu: mein Lieblingstee, das Pfirsichshampoo. Für ihn hatte ich immer Orangensaft im Kühlschrank, er lagerte seine Jogginghose bei mir. Der Klassiker ist, klar, die Zahnbürste. Wer seine Mundhygiene ohne lästiges Kulturbeutelschleppen bewältigen kann, gilt als offiziell ins Leben des anderen aufgenommen. Faktisch ist der Besitz noch immer zweigeteilt, er hat sich aber auch multipliziert: Jede*r besitzt jetzt zwei Betten, zwei Zahnbürsten, zwei Zuhause. Und zu jedem Zuhause gehört die oder der andere schon ein bisschen dazu.

Zukunftsmusik: Die Dinge, die uns verbinden

Die tiefere Verbindung zweier Menschen materialisiert sich nicht erst in einem Diamantring (wenn überhaupt). Es fängt schon viel früher an: Manche legen sich einen gemeinsamen Netflix-Account zu oder kaufen ein Zelt für den Spanienurlaub. Zwei Individuen werden zur besitzenden Einheit. Das erste, was mein Freund und ich uns gemeinsam kauften, war ein Kupferkettchen. Eine Gynäkologin hakte mir das eine Ende in die Gebärmutterwand, damit mein Freund und ich kinderfrei Sex haben können und ich mich nicht mit hormonellen Nebenwirkungen herumschlagen muss. Das Kettchen kostete 300 Euro für fünf Jahre, mein Freund zahlte die Hälfte. Dass wir gemeinsam in den Schutz investiert haben, machte das Kettchen auch zu einem Zugeständnis, zum Symbol für unsere – körperliche – Zusammengehörigkeit. So füttert ihm Laufe einer Beziehung jede gemeinsame Investition das „Wir“ zu neuer Größe heran.

Zusammenziehen: Wie viel Ich passt ins Wir?

Ein gemeinsames Zuhause ist eines der schönsten Besitztümer einer Liebesbeziehung. Es ist aber auch Testlabor für jede Partnerschaft. Hier werden Unzulänglichkeiten wie unterm Brennglas sichtbar: Als ich mit meinem Freund zusammenzog, brachte er einen Schreibtischcontainer mit: 80 mal 50 Zentimeter, graue Kunststoffoberfläche, mit Rollfüßen. Er fand ihn praktisch, ich fand ihn klobig und hässlich. Wenn es Objektliebe gibt – gibt es dann auch Objekthass? Schon am ersten Abend war mir klar, dieses Ding würde nicht bleiben. Mein Freund sah das anders. Der Container rollte von Zimmer zu Zimmer. Ich warf bunten Stoff drüber, funktionierte ihn um als Zeitungsablage oder Nachttisch. Aber er störte mich weiter.

Wir stritten und irgendwann ging es nicht mehr um ein Büromöbel aus den Achtzigerjahren. Es ging um uns. Mein Freund warf mir vor, nur Gast in meiner Welt zu sein, weil ich in seinen Augen vieles in unserer Beziehung bestimmte: von der Gardinenfarbe über den Urlaubsort bis hin zur Stadt, in der wir wohnten. Ich hatte das nie so empfunden. Wenn überhaupt, hatten sich diese Dinge aus meiner Sicht ergeben. Und für Gardinen interessierte er sich überhaupt nicht. Plötzlich aber standen wir vor der großen Frage, wie viel Raum jede*r einzelne in unsere Beziehung einnahm und welche Erwartungen wir an den anderen hatten. Es vergingen ein paar Wochen. Irgendwann, von einem auf den anderen Tag, war der Container verschwunden – auf dem Dachboden verstaut. Wir haben dafür eine neue Kommode gekauft.

Kulturunterschiede: Eine Frage des Geldes

Wie weit die Beziehung fortgeschritten ist, erkennt man irgendwann auch daran, wo die Grenzen der Verschmelzung verlaufen. Oft ziehen wir sie geradewegs durchs liebe Geld. Da man ab jetzt immer Essen für zwei kauft, ist klar, dass das mehr kostet. Dafür geht ja jede*r mal zum Supermarkt. Eigentlich easy, oder? Schön wär’s. Fast jede*r zweite Teilnehmer*in einer Forsa-Umfrage hat schon mal mit der Partner*in oder dem Partner über Geld gestritten. Das fängt an bei der teuren Gesichtscreme, die sie ständig neu kaufen muss, weil er sie mit nutzt, und reicht bis zur Diskussion, wie viel ein Urlaub oder Flachbildfernseher kosten darf. Wer zahlt wie viel, wer macht sich vielleicht abhängig oder fühlt sich ausgenutzt? Es geht um Machtverteilung und Kulturangleichung: Zwei Mentalitäten müssen eine eigene, neue bilden. Wir eröffneten dafür ein gemeinsames Konto. Auf dem sparen wir Geld für die neue Sofaecke oder die Amerikareise. Vielleicht zahlen beide gleich viel ein, vielleicht auch anteilig je nach Verdienst. Egal wie: Das gemeinsame Geld wird zum Symbol und zur Anlage für eine gemeinsame Zukunft.  

Totale Verschmelzung: Das doppelte Lottchen

Wir kennen alle die Fotos von Herrchen und Frauchen mit ihren Hunden: Je länger beide zusammenleben, desto ähnlicher werden sie sich. Auch zwischen zwei Menschen ist das beste Zeichen für ihre Unzertrennlichkeit manchmal das Aussehen – besonders die Kleidung. Freund*innen von mir laufen im Schutz ihrer Wohnung gerne in kuscheligen „Onesies“ herum: Strampler in Erwachsenengröße. Ihrer ist grau, seiner blau. Als Höhepunkt der Verschmelzung (und liebestoller Spießigkeit) gelten raschelnde Outdoorjacken in der gleichen Farbe. Ich habe meinem Freund mal eine Fleecejacke nachgekauft. Sie war im Angebot. Ich wählte extra eine Farbe, die er nie tragen würde. Meistens aber vergesse ich, sie mitzunehmen. Er gibt mir dann seine Ersatzjacke – natürlich in der gleichen Farbe.

Das Ende: Besitzlos

Im schlimmsten aber nicht seltensten Fall, kommt es zum Bruch. Und das deutlichste Zeichen dafür sind wieder die Dinge. Der emotionale Kampf wird auf Gegenstände projiziert: Wer behält das Sofa, wer den Fernseher, wer die Kaffeemaschine? Wer gewinnt, entledigt sich der Dinge vielleicht ohnehin, zu viele Erinnerungen hängen daran. Wir schaffen Platz für neuen Besitz – und eine neue Liebe.

Anm. der Redaktion: Dieser Text wurde zuerst am 02.05.2017 veröffentlicht und am 26.08.2020 noch einmal aktualisiert.

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