Der Mythos: Der beste Sex findet im Kopf statt

Bei Sex in Gedanken sind die Möglichkeiten grenzenlos. Aber wird das auf Dauer nicht langweilig?
Von Florian Kaindl
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Illustration: Julia Schubert

Einiges kann einem die Lust an realem Sex verleiden: abgetragene Unterwäsche, Hochsicherheitsverschlüsse an BHs. Bierfahnen, das herbe Aroma von Zigarettenatem oder beißender Knoblauchgeruch. Der so unglamouröse Stillstand am Ende von viel Bewegung, das keuchende Ordnen der Gedanken zwischendrin. Zeitlich vorher, die mühsame intime Kontaktaufnahme zu jemandem, den man noch nicht wirklich kennt. Wenn man all das ausblenden und doch auf seine Kosten kommen will, erscheint eine Sache besser als der komplizierte Hütchenlauf ins Ziel: der eigene Kopf. Unendliche Möglichkeiten. Und so bequem.

Kopfkino kostet nichts, und eigentlich braucht es nicht mehr als dazusitzen und Zeit zu haben. Die Handlung aller dieser Kurzfilme ist weder zeitlich noch logisch begrenzt, und arbeitet stringent auf einen spektakulären Höhepunkt hin. Mal sehe ich ein Mädchen im Vorübergehen, das zufällig meiner Traumfrau entspricht. Mal muss ich mich um sie schlagen und werde dafür von ihr belohnt. Nach ihr musste ich nicht lange suchen, ich musste nicht zehnmal zögern, bevor ich zu ihr gehe – sie ist einfach da. Anfangs ist sie noch ein bisschen zickig. Mein Humor zwingt sie aber schließlich in die Knie. Glänzende Dialogpassagen bauen sich vor meinem geistigen Auge auf, nichts kommt dazwischen, keine Arbeit, Verpflichtung, Langeweile – kein Freund.

Der Knackpunkt der Handlung folgt: Weil meine Bekanntschaft sich ihr Oberteil mit Milchkaffee versaut, müssen wir vor dem Abendessen noch mal zu ihr nach Hause. Bei Sex im Kopf gibt es keine Pannen. Dort erklingt genau im richtigen Moment die Musik, die man im richtigen Leben nicht hört. Es folgt unangekündigt ein zweistündiger Marathon im Bett, der jeden Tantra-Meister neidisch machen würde. Nach einem kurzen Imbiss an der Ecke lieben wir uns bis in die Morgenstunden weiter. Alles ist perfekt: Ihr Atem schmeckt nach Kirsch, nicht nach Aschenbecher und die Unterwäsche, einmal sanft angestupst, fällt ohne weiteres Zutun zu Boden. Wieder einen Film gedreht.

Auf Dauer ist Sex in Gedanken aber auch langweilig

So einfach geht das. Die Versuchung ist groß, den Kick nur noch in fantasierten Szenarien zu suchen. Aber für Kopfkino-Süchtige ist Sex kein Kribbeln mehr, kein Schwindelgefühl, sondern nur ein dicker Burger, nach dem das Loch im Magen, der Hunger noch größer wird. Gegen richtigen Sex hat Kopfkino, ob im Internet, über Bücher oder einfach in der Fantasie, keine Chance. Im Leben geht es darum zu lieben – geistig und körperlich, in der Realität. Alle Widrigkeiten eingeschlossen, vom Zusammensein bis zum Auseinandergehen.

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