Liebe auf Distanz: Warum Telefonieren weh tut

Ohne tägliches Telefonieren sei die Fernbeziehung dem Untergang geweiht, behaupten viele. Unsere Autorin sieht das anders.
Von Anna Tillack
telefonieren cover
Foto: Stella* / photocase.de

Es dauert lange, bis man sich mit dem Gedanken anfreundet, ein Telefon-Invalide zu sein - bis man es wirklich akzeptiert hat, dauert es noch länger. Ist man dann endlich an diesem Punkt angelangt, könnte man sich entspannen. Wäre da nicht noch die Fraktion der passionierten Telefonierer, der Süchtigen – und die macht es uns nicht leicht.

Viele Leute sind sich dieser Telefon-Behinderung gar nicht bewusst, denn meistens tritt sie erst dann auf, wenn aus einer normalen Beziehung eine Fernbeziehung wird – sei es auch nur für einen Monat, während dem der Partner im Sommerurlaub ist, oder ein Praktikum in einer anderen Stadt macht.

Das Attribut „fern“ reicht aus, um dem einen oder anderen Paar bereits die Schweißperlen auf die Stirn zu treiben. Gut, dass die Technik da schon so weit ist, und den getrennten Liebenden Skype und Webcam zur Verfügung stellt. Die Stimme des Anderen erreicht das Ohr nicht mehr durch ein störendes Stück Plastik, sondern schwebt im Raum und kommt uns ohne den Weg durch endlose Kabel viel näher vor. Flackert dann auch noch ein bewegtes Bild des Liebsten über den PC, glaubt man beinahe, seine Anwesenheit im Raum zu spüren - auch wenn man selbst ganz unspektakulär am Schreibtisch sitzt und er hunderte von Kilometern in einem kleinen verlotterten Internetcafé.

Daraus ergibt sich folgendes Szenario: Er bemüht sich, Nähe zu schaffen und sie teilhaben zu lassen an seinem neuen Leben in der neuen WG mit all den neuen Leuten. Die Begeisterung in der Stimme ist nicht zu überhören und klar, sie freut sich, dass es ihm gut geht. Aber eben nur ihre eine Hälfte freut sich. Die andere ist sich bewusst, dass sie die WG mit all den tollen Leuten wohl nie kennen lernen wird. Dass irgendwie nicht mehr dieselbe Basis da ist, nicht mehr die gleichen Erfahrungen, die die Grundlage eines Gesprächs bilden, denn spüren, sich anschauen und verstehen gibt es im Moment nicht. Seine Gedanken kreisen um das Strandleben und das soziale Projekt, für das er sich engagiert. Ihre Gedanken hingegen um die Hausarbeit, die sie noch schreiben muss und um die zwei Jungs, die sie gestern in der Bar ums Eck getroffen hat. Die Pausen werden länger und sie spürt, dass seine Gedanken abschweifen, abgelenkt von der Hitze, den Mücken und den Gedanken an das Leben vor der Türe.

Die Notwendigkeit des Telefonierens scheint in Stein gemeißelt

Und dann kann sie ihn nicht mehr greifen. Er entgleitet, und was zurück bleibt, ist Verzweiflung, die sich wie eine zähe Masse zwischen sie legt und kaum mehr Luft zum Atmen lässt. An dieser Stelle spürt man, dass die Nähe nicht wirklich ist und im selben Augenblick wünscht man sich die wunderschöne Unkenntnis zurück – die Minuten, in denen man von Strand und neuer WG noch nichts wusste und das gar nicht so schlecht fand. Stattdessen ruft einem jedes weitere seiner Worte die vielen Kilometer Distanz zwischen uns ins Gedächtnis. Und das tut weh. Jede Minute mehr betont die Unzulänglichkeit des Mediums Telefon, die vorgespielte Nähe, die ohne Körper einfach nicht funktioniert und die vielen Missverständnisse, die dann oft zum Streit führen. Man erhebt die Stimme, will sich rechtfertigen, verletzt den Anderen und macht ihn ohnmächtig. Wenn er nicht reagiert, weil er noch verarbeiten muss, macht uns diese Ohnmacht wütend. Sie klebt dann zwischen uns, verklebt das Gespräch und die Beziehung, hängt wie ein Klotz an unseren Beinen, bis keiner mehr weglaufen kann. Oft greift man dann zum letzten Mittel – ein Klick mit der Mousetaste und das Gespräch ist beendet. Wieder mal hat man es nicht geschafft, die Distanz und die Entfremdung zu bekämpfen.

In diesem Augenblick fragt man sich, warum man eigentlich telefonieren muss, warum man immer wieder Leuten begegnet, die sagen, ohne tägliches Telefonieren sei die Fernbeziehung dem Untergang geweiht. Irgendwie glaubt man diesen Telefon-Wütigen, auch wenn man genau weiß, dass man selbst einfach nicht telefonieren kann. Dass man sich besser fühlt, wenn man sein eigenes Ding macht, wenn man abgelenkt ist und nicht immer dazu verbannt, sich das Nicht-Sehen-Können vor Augen bzw. Ohren zu halten.

Die Notwendigkeit des Telefonierens scheint in Stein gemeißelt, was sicher auch daran liegt, dass es viele Leute einfach können. Ihnen gelingt es, primär das Gespräch zu sehen und nicht die Distanz, wie das bei den Telefon-Invaliden der Fall ist. Daraus ergibt sich aber erst dann ein Problem, wenn die Telefonierer den Nicht-Telefonierern behutsam, aber stetig ein schlechtes Gewissen einreden. Das führt so weit, dass man an seiner Beziehungsfähigkeit zweifelt und nach dem fünften entsetzten „Was – ihr telefoniert nur einmal die Woche? Mein Schatz und ich jeden Tag mehrere Stunden!“ probiert man es dann doch wieder mal – und rennt direkt ins offene Messer. Aber eigentlich wüsste man es ja besser und irgendwann entwickelt sich auch in diesem Punkt eine Art Selbstbewusstsein. Der nächste mitleidige Blick der besten Freundin wird dann vielleicht endlich mit einem kleinen Lächeln kommentiert. Dann setzt man sich an den PC, lässt Skype Skype sein und schreibt eine E-Mail.

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