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Warum Fußball-Checker und -Banausen zusammen WM schauen sollten

Der Sport ist schon abgehoben genug. Wenigstens die Fans müssen am Boden bleiben.
Von Niko Kappel
fussball schauen cover
Illustration: Katharina Bitzl

Die deutsche Nationalmannschaft ist in Russland ausgeschieden. Und zwar so sang- und klanglos, dass es wenige Analysten und Experten vorausgesagt haben. Die Fans haben ihre Trikots wieder im Schrank verstaut und alle schwarz-rot-goldenen Außenspiegel-Überzieher sind im Müll gelandet.

Was bleibt, ist die ewige Diskussion zweier Parteien, die immer dann auftreten, wenn ein Großereignis des Sports ganz oben auf der Weltbühne steht: die Fans, die immer Fans der Sportart sind, und die, die sich nur während dieses Großereignisses für den Sport interessieren. Jetzt, in den letzten Finalspielen, werden diese Gruppen noch häufiger aufeinandertreffen: Ein Vorrundenspiel zwischen Costa Rica und Serbien ist nur was für Eingefleischte. Ein Halbfinale zwischen Belgien und Frankreich oder das Endspiel lockt aber auch sonst Desinteressierte in die Fußballkneipe.

Das Problem des Aufeinandertreffens beider Gruppen: Viele Hobby-Bundestrainer und Dauer-Fußballsüchtige beschweren sich darüber, dass bei der WM so viele „Nicht-Fans“ mit ihnen schauen. Solche, die nicht jeden Spieler kennen und beim Anpfiff fragen, warum wir heute nicht die in den weißen Trikots sind. Die Fans lachen die Mitläufer aus, zum Beispiel wegen ihren vor Unwissenheit triefenden Kommentaren zu einer Flanke (die genaugenommen – auch das wird betont – gar keine Flanke war, sondern ein hoher Ball in die Spitze). Sie lachen abfällig über ihre Anfängerfragen, sie sticheln und setzen unfaire Seitenhiebe wie Sergio Ramos beim gegnerischen Stürmer. Die Anfänger schreckt das verständlicherweise ab. Es nimmt ihnen den Spaß am Fußballschauen. Die Folge: Sie schauen gar nicht mehr mit oder trauen sich nicht mehr, Fragen zu stellen. Folglich werden sie auch weiterhin einen Steilpass nicht von einer Flanke unterscheiden können.

Deshalb: Aufgepasst, liebe Teilzeit-Jogis! Genau diese unwissenden Menschen sind es, die eine WM zu etwas Besonderem machen.

Bei einer WM sollte es nämlich darum gehen, die Menschen zusammenzubringen. Ja, dieser Spruch klingt so, als käme er aus einer ekelhaften FIFA-Kampagne. Damit ist aber nicht das Zusammenbringen von Nationen gemeint. Wenn wir dem Fußball das zutrauen, dann überschätzen wir ihn gewaltig. Es um das Zusammenbringen einzelner Menschen gemeint. Erinnert euch an 2006: Auch wenn das „Sommermärchen" gekauft war und im Nachhinein seine Magie verloren hat, hat uns das Turnier gezeigt, was der Fußball bewirken kann. Er bringt Menschen dazu, zusammen zu feiern und für eineinhalb Stunden alles zu vergessen und gemeinsam zu jubeln oder zu leiden. Egal ob Hardcore-Fußballfan oder nicht.

Man muss nicht verstehen, was eine Viererkette ist, um an einem WM-Spiel Spaß zu haben

Natürlich macht es Experten Spaß, sich mit anderen Taktiknerds über den lähmenden Ballbesitzfussball der Mannschaft aufzuregen und darüber, dass Toni Kroos bei Real Madrid durch die defensive Absicherung von Casemiro sein geniales Passspiel in die Offensive viel freier gestalten kann und dass Jogi doch ein Depp ist, wenn er nicht sieht, dass Kroos auch bei der Nationalmannschaft diese defensive Sicherheit braucht. Aber dadurch andere auszugrenzen ist ziemlich dämlich.

Denn Fußball, dieses beste Spiel der Welt, funktioniert nicht nur auf eurer Fachsimpelei-Ebene. Die Spannung bei einem 1:1 in einer 80. Minute eines Viertelfinales, die ist auch für jemanden greif- und spürbar, der keine Ahnung hat. Man muss nicht verstehen, was eine Viererkette ist, um an einem WM-Spiel Spaß zu haben. Man kann auch so mit vermeintlichen Underdogs mitfiebern. Man kann auch so mitfühlen, wenn der Torwart von Tunesien, das vielleicht nicht so bald wieder bei einer WM mitspielen wird, nach kurzer Zeit verletzt und unter Tränen vom Platz muss und seinen Lebenstraum zerbrechen sieht. Vielleicht kann man das sogar besser, wenn man nicht damit beschäftigt ist, Laufwege zu analysieren und darüber zu reden, ob im argentinischen Team die Altersstruktur noch stimmt. Es ist ein bisschen wie bei den Simpsons: Ein sechsjähriger kann die einfach als eine Zeichntrick-Serie konsumieren, in der ein Junge mit einem Skateboard Quatsch macht. Die Nerds können jede Szene auf Anspielungen und Zitate sezieren. Spaß haben daran beide. Und beide Arten von Spaß haben ihre Berechtigung.

Ehrliche Momente werden im Fußball immer seltener

Außerdem: Der Fußball selbst ist schon abgehoben genug. Da brauchen wir Fans es nicht auch noch zu werden. Mit absurden Transfersummen, durchinstagrammisierten Kickern, fragwürdigen Fifa-Funktionären und einer Nationalmannschaft, die mehr Marketing-Plan als Fußballteam ist, hat er sich eh schon von uns entfernt. Deshalb sollten wir Fans auf dem Boden bleiben.

Ehrliche Momente werden im Fußball immer seltener. Deshalb ist es schön, dass dieser Sport immer noch die Menschen vereinen kann. Trotz allem Kommerz und aller Korruption: Wenn ein Tor fällt, dann schreien wir unsere Freude hinaus und liegen uns in den Armen. Ist es nicht cool, dass ein für die Menschheit so unbedeutender Moment so eine Freude auslösen kann? Sollte man diesen Moment nicht für alle zugänglich machen?

Deshalb, liebe „richtige Fans“ und Taktiknerds: Schluckt euren Drang runter, allen anderen die Welt des Fußballs von oben herab erklären zu wollen. Nehmt sie doch lieber mit in diese Welt und zeigt ihnen, wie geil sie sein kann. Trotz allem, was dort gerade schief läuft. Erklärt ihnen geduldig, warum wir heute nicht mit den weißen Trikots spielen. Nehmt sie mit ins Boot. Und lasst ihnen ihre kindliche Freude darüber, wie krass weit der Keeper grade seinen Abstoß geschossen hat, auch wenn ihr der Meinung seid, dass er lieber einen kurzen Pass und Spielaufbau von hinten heraus hätte betreiben sollen. Und lasst euch auch von ihrer etwas naiveren Betrachtungsweise eines Fußballspiels mal anstecken. Ihr werdet die simplen Freuden eures Lieblingssports vielleicht ganz neu entdecken.

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