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Malihe war beim Public Viewing im Teheraner Fußballstadion dabei

Foto: AFP Photo / Stinger

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Am vergangenen Mittwoch, dem 20. Juni 2018, durften Iranerinnen ins Azadi-Fußballstadion in Teheran – zum ersten Mal seit 37 Jahren. Sie nahmen dort gemeinsam mit Männern am Public Viewing des WM-Spiels Iran gegen Spanien teil. Das Stadionverbot für Frauen wurde nach der Islamischen Revolution 1979 vom Klerus verhängt. Erst sah es auch am Mittwoch noch so aus, als werde es weiterhin aufrecht erhalten. Doch kurz vor Anpfiff öffneten die Spezialeinheiten der Polizei, die das Stadion bewachten, die Türen für alle Fans, weibliche wie männliche.

Malihe Riazi, 30 Jahre alt und Sozialwissenschaftlerin, war bei diesem historischen Ereignis dabei. Sie hat uns erzählt, was es für sie und die Frauen in Iran bedeutet – und ob sie beim Spiel am heutigen Montag gegen Portugal wieder zum Public Viewing gehen wird. 

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Auch diese Frauen feierten am 20. Juni im Azadi-Stadium beim Public Viewing das Spiel der iranischen Nationalmannschaft.

Foto: AFP Photo / Stinger

jetzt: Malihe, wie hast du dich gefühlt, als du das Stadion betreten hast? 

Malihe Riazi: Es ist sehr schwer, meine Gefühle zu beschreiben, ohne dabei kitschig oder klischeehaft zu werden. Es war jedenfalls ein sehr schönes Gefühl. Wir waren so aufgeregt. Ich muss aber sagen: Es war nicht das erste Mal, dass ich im Azadi-Stadion war. Bei der Entstehung der Grünen Bewegung 2009 fand eine Wahlkampfveranstaltung des Präsidentschaftskandidaten Mir Hossein Mussawi in diesem Stadion statt. Das war auch ein sehr schönes Erlebnis. 

Die iranische Führung sagt, dass die Atmosphäre in Stadien „zu maskulin“ sei und deshalb Frauen dort nichts verloren hätten. Sie behauptet, dass das Stadionverbot zum Schutz der Frauen gedacht sei. Was sagst du dazu?

Seit Jahrzehnten halten sie uns Frauen mit solchen Ausreden von Fußballstadien fern. Das hat viel mit dem Patriarchat zu tun. Mit der Ansicht, dass Frauen Eigentum der Männer sind und Männer diejenigen, die am besten wissen, was gut für sie ist und was nicht. Insgesamt ist das politische System in Iran auf Vormundschaft der Frauen durch Männer aufgebaut und man schaut auf die Frauen immer von oben herab. In diesem System sind sie eben die Schwächeren und müssen beschützt werden. 

„Wir haben sehr lange in Ungewissheit vor den Eingängen gewartet“

Kurz vor dem Spiel haben die Spezialeinheiten der Polizei euch gesagt, dass die Türen des Stadions doch zubleiben. Wie waren die Reaktionen darauf?

Mittags hieß es noch, dass das Public Viewing stattfindet. Meine Freunde und ich haben uns sehr gefreut und sofort Tickets gekauft. Wir haben dann sehr lange in Ungewissheit vor den Eingängen gewartet. Das war vielen zu blöd, sodass sie wieder gegangen sind. Aber die meisten haben nicht aufgegeben, obwohl wir sehr müde und wütend waren. Was mich richtig gestört hat in dem Moment, war nicht, dass uns das Recht verweigert wurde, das Stadion zu betreten, sondern, dass wir uns umsonst Hoffnung gemacht hatten. 

Ihr habt dann vor den geschlossenen Türen protestiert, zum Beispiel mit Sitzblockaden. Auf Twitter habe ich Bilder davon gesehen: Frauen und Männer, die zusammen auf dem Boden vor den Füßen der Spezialeinheiten saßen. Wie hast du die Unterstützung der Männer wahrgenommen?

Die Stimmung war sehr gut und die Männer, die vor Ort waren, haben uns bei unserem Anliegen wirklich unterstützt. Aber das ist nicht repräsentativ. Ich glaube, weil man an diesem Tag viel über den Einlass für Frauen ins Stadion gesprochen hatte, waren viele Männer da, die aus einer bestimmten Schicht stammen und uns helfen wollten, und das sind nicht unbedingt die, die immer Fußball in Stadien schauen. Ich glaube, wenn an dem Tag ein normales Derby stattgefunden hätte, wäre die Atmosphäre anders gewesen und viele Männer hätten uns Vorwürfe gemacht, dass sie wegen uns Frauen jetzt das Spiel nicht sehen können.

Fast überall auf der Welt ist es selbstverständlich, dass Frauen in Sportstadien dürfen – als ihr vergangene Woche schließlich doch reingelassen wurdet, waren Iranerinnen zum ersten Mal seit 37 Jahren im Fußballstadion. 

So etwas sollte uns im Normalfall überhaupt nicht beschäftigen, trotzdem ist die Aufhebung des Stadionverbots in Iran einer der wichtigsten Punkte auf der Liste der Frauenrechtsaktivistinnen. Und das, obwohl unsere Frauen noch mit vielen wichtigeren und essenzielleren Problemen zu kämpfen haben. Probleme, die nicht mal diskutiert werden. Wir müssen auch bedenken, dass die Forderung, ins Stadion gehen zu dürfen, hauptsächlich eine von Frauen der Mittelschicht ist. Frauen aus unteren Schichten haben mit viel enormeren Problemen zu kämpfen. Zusätzlich hat die Mittelschicht soziale Medien zu Verfügung und kann dort für ihre Anliegen die Stimme erheben. 

„Die Herren, die solche Gesetze in die Welt setzen, sollen sehen, dass es keinem wehtut, wenn Frauen in Stadien sind“

Hat die Niederlage gegenüber Spanien für euch überhaupt noch eine Rolle gespielt?

Ich kann nicht sagen, dass es nicht mehr wichtig war, ob wir gewinnen oder verlieren. Alle haben der Nationalmannschaft ganz fest die Daumen gedrückt. Was wäre das für ein Fest gewesen, wenn wir es an einem Tag geschafft hätten, unser Teheraner Stadion zurückzuerobern und auch noch so einen starken Gegner wie Spanien zu besiegen! Als der Iran ein Tor geschossen hat, haben sich alle im Stadion in die Arme genommen, Freunde und Fremde. Als wir erfuhren, dass das Tor nicht akzeptiert wurde, herrschte ungefähr eine Minute absolute Stille. Die Stimmung war trotzdem gut und hoffnungsvoll, auch nach der Niederlage.

Du hast die sozialen Medien erwähnt. Gibt es eine bestimmte Plattform, die Frauen nutzen, um sich zu vernetzten?

Das Gute an sozialen Netzwerken ist, dass sie für das System nie zu hundert Prozent kontrollierbar sind. Egal, wie sehr sie sich auch bemühen, dagegen vorzugehen. Iranische Frauen nutzen vor allem Twitter, Instagram und Telegram, um sich zu informieren. Es gibt aber leider, soweit ich weiß, keine großen Gruppen oder Organisationen, die sich explizit mit Frauenthemen auseinandersetzten.

Heute spielt Iran gegen Portugal. Es ist wieder ein Public Viewing im Azadi-Stadion geplant. Hast du vor hinzugehen?

Klar! Ich hoffe nur, dass sie nicht wieder so ein Theater machen. 

Glaubst du, Frauen können bald auch ein Live-Spiel im Stadion schauen?

Ich weiß es wirklich nicht. Ich finde aber, das Public Viewing war ein sehr wichtiger, wirksamer Schritt in die richtige Richtung. Damit die Herren, die solche Gesetze in die Welt setzen, sehen, dass es keinem wehtut, wenn Frauen in Stadien sind. Damit sie sehen, dass die Menschen durchaus in der Lage sind, mit ihren Gefühlen, sei es Euphorie oder Enttäuschung, umzugehen. Ich wünsche mir und allen anderen Frauen in Iran natürlich, dass wir bald auch Live-Spiele in Stadien schauen können. Die Hoffnung stirbt zuletzt. 

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