Silvia Neid war von Anfang an dabei: Sie stand 1982 im ersten Länderspiel einer deutschen Frauennationalmannschaft auf dem Platz. 2005 wurde sie Bundestrainerin und holte in elf Jahren in dieser Position zwei EM- und einen WM-Titel.

Silvia Neid war von Anfang an dabei: Sie stand 1982 im ersten Länderspiel einer deutschen Frauennationalmannschaft auf dem Platz. 2005 wurde sie Bundestrainerin und holte in elf Jahren in dieser Position zwei EM- und einen WM-Titel.

Foto: dpa /Carmen Jaspersen; Bearbeitung: jetzt

jetzt: Frau Neid, was können die Jungen von den Alten lernen?Silvia Neid: Puh, da ist mein erster Gedanke: Sooo alt bin ich doch noch gar nicht! Aber im Ernst: Ich komme gut mit dem Älterwerden klar, es ist auch schön. Denn irgendwann hat man so viele Erfahrungen gesammelt, dass man sich nicht mehr über Dinge aufregt, über die man sich mit 18 oder 25 noch geärgert hätte. Das ist ziemlich entspannt. Meine Botschaft ist also vielleicht: Habt keine Angst vor dem Älterwerden!

Über welche Dinge haben Sie sich denn aufgeregt, die sie heute gelassener sehen?

Wenn wir Spiele verloren haben, haben mir früher vor allem die negativen Stimmen aus der Öffentlichkeit wirklich wehgetan. Aber im Laufe der Zeit habe ich gelernt: Es ist völlig unwichtig, was andere sagen. Es geht nur darum, das man authentisch bleibt und gemeinsam im Team an sich arbeitet. Aber diese Erfahrungen, egal in welchem Bereich des Lebens, muss jeder für sich selbst machen.

Glauben Sie, dass Frauen es heute einfacher haben, sich in männerdominierten Bereichen durchzusetzen? Sie waren ja von Anfang an dabei, seit dem ersten Länderspiel der Frauennationalmannschaft.

Wir haben damals auf jeden Fall Pionierarbeit geleistet. Frauenfußball war bis 1970 vom DFB noch verboten! Und 1982 hatten wir das erste Länderspiel in Koblenz. Ich weiß noch genau: Es saßen hauptsächlich Männer im Publikum und die kamen alle nur, um den Trikottausch zu sehen. Dabei wäre es woanders ja viel leichter gewesen, Frauen zu sehen, die sich ausziehen (lacht). Aber so war das damals eben. Das war schon frustrierend, aber dadurch habe ich gelernt, wie wichtig Disziplin ist. Denn: Je mehr Erfolg wir als Frauen hatten, je mehr Spiele und Turniere wir gewonnen haben, desto mehr wurden wir auch akzeptiert.

Heute haben es die Spielerinnen sehr viel einfacher, in allen Bereichen. Es ist nichts Besonderes oder Neues, als Frau Fußball zu spielen. Heute werden die Profispielerinnen auch gut bezahlt. Wir haben damals tagsüber in unserem Job gearbeitet und abends trainiert – fürs Fußballspielen gab es am Anfang noch kein Geld.

Arbeiten Sie lieber gemeinsam mit anderen oder allein?

Ich arbeite gerne im Team, denn einer allein kann nie alles stemmen – man braucht Experten und Spezialisten für die verschiedenen Bereiche. Dann kann man gegenseitig voneinander lernen und entwickelt sich weiter. Das ist wichtig, egal bei welchem Job. Ich war auch immer schon eine Chefin, die andere motiviert hat, ihre eigenen Ideen in das Team einzubringen. Aber dafür braucht man natürlich auch Leute, die gute Ideen haben, die auch mal quer denken – ohne sich dabei selbst zu wichtig zu nehmen.

Sie haben mal gesagt, dass Sie sich vorstellen könnten, ein Männerteam zu trainieren. Glauben Sie, dass die Männer und die Branche schon so weit sind?

Ich sage immer: Genauso, wie ein Mann eine Frauenmannschaft trainieren kann, kann eine Frau auch ein Männerteam trainieren! Bei unterklassigen Teams gibt es das auch schon – aber in der ersten oder zweiten Bundesliga, da sind die Männer noch nicht soweit. Vor allem scheinen mir die Manager und die Fans auch noch nicht bereit für eine Frau als Trainerin am Spielfeldrand.

Andersrum geht das ohne Probleme, warum auch immer. Es gibt viele Frauenteams, die von Männern trainiert werden – da wird kein Ding draus gemacht.

Ist das nicht frustrierend?

Klar! Wenn mal eine Frau Trainerin ist, wird sie sofort und ständig hinterfragt. Wenn die Mannschaft dann ein Spiel verliert, heißt es gerne: „Hab ich ja gleich gesagt!“

Was muss passieren, bis wir eine Trainerin im Profibereich bei den Männern erleben?

Es muss noch ordentlich Pionierarbeit geleistet werden. Inka Grings (ehemalige deutsche Nationalspielerin, Anmerk. d. Red.) trainiert gerade beim FC Viktoria Köln die U17 Jungs. Sowas muss es öfter geben, damit das irgendwann normal wird! Außerdem brauchen wir noch mehr adäquat qualifizierte, weibliche Trainerinnen  – und die Vereine brauchen mehr Mut, diese Frauen auch einzustellen.

Wenn ihr noch mehr von den Alten lernen wollt: