Oliver, gib uns unsere Nationalmannschaft zurück!

Ein offener Brief an den Manager des deutschen Teams.
Von Christoph Söller
Fotos: Sven Hoppe, dpa / dpa / youtube / freepik / Collage: jetzt.de

Lieber Oliver Bierhoff,

ich schreibe dir als enttäuschter Fußballfan. Morgen steht das erste Länderspiel nach der blamablen Weltmeisterschaft in Russland an.

Es ist die erste Chance für die Nationalmannschaft und den Deutschen Fußball Bund, Wiedergutmachung zu leisten. Nicht für die Medien, nicht für Sponsoren, sondern für uns: die Fans. Das geht aber nicht allein mit einem Sieg gegen den neuen Weltmeister Frankreich, das wird schwer genug. Es sollte sich vor allem das „Drumherum“ ändern. Gib uns unsere Nationalmannschaft zurück!

Ich bin Mitte 20, das erste Turnier, das ich bewusst verfolgt habe, war die EM 2004, kurz darauf wurdest du Manager der Nationalmannschaft. Seitdem ist dieses „Drumherum“ immer größer geworden, es hat sich eine riesige Blase aus Werbung und Sponsoring um die Spieler gebildet. Auf mich als Fan wirkt die Nationalmannschaft inzwischen wie eine gut funktionierende Marketingmaschine. Da geht’s um Hautcreme, um alkoholfreies Bier, um Banken, um Autos mit dem Stern. Nebenbei wird ein bisschen Fußball gespielt.

Es gibt tolle Werbespots, strahlende Trikotpräsentationen und vor allem: viele alberne Hashtags. Aber wie du vermutlich selbst festgestellt hast, wurde aus #zsmnn nach dem Debakel in Russland schnell ein spöttisches #zsmmnbruch und der Slogan „best never rest“ war nicht nur sportwissenschaftlich ziemlich falsch, sondern auch arrogant.

Das nervt mich. Du hast gesagt, es hätte nicht mehr kommerzielle Aktionen gegeben als im Traumjahr 2014. Dieses Gedöns mag damals nicht aufgefallen sein, man konnte als Fan vielleicht auch einfacher drüber hinwegsehen. Aber jetzt, als es sportlich ziemlich peinlich wurde, wurde auch das Nervige offensichtlich.

Du willst ein authentisches Auftreten. Aber irgendwie wirkt alles künstlich. Ich brauche keine perfekten Inszenierungen, keine Klatschpappen im Stadion und auch nicht die schrecklich-peinliche Tormusik von Oli Pocher.

Und dann der Name: „Die Mannschaft“ – ein verzweifelter Versuch, der Nationalmannschaft einen einprägsamen Spitznamen zu geben, weil andere Nationen auch so etwas haben. La furia roja, Squadra Azzura, das klingt geil, das hat Tradition. So was kann man sich nicht in einem Marketingbüro ausdenken.

Du hast jetzt angekündigt, diesen Werbeclaim zusammen mit den Stakeholdern zu analysieren. Das ist genau die Sprache, mit der Du dich wieder an die Fanbasis annährst. Nicht!

Du hast auch die Unterstützung der Fans für selbstverständlich gehalten. Aber die Emotionen sind weg. Woher soll die Unterstützung kommen? Und weil Unterstützung und Emotionen fehlten, hielt sich sogar die Enttäuschung nach dem frühen Ausscheiden irgendwie in Grenzen. Man nahm es eben hin. Nach dem einzigen Sieg gegen Schweden sagte ausgerechnet Siegtorschütze Toni Kroos nach dem Spiel: „Viele in Deutschland haben uns das Ausscheiden in der Vorrunde gewünscht.“ Frag’ dich mal, warum!

Und ein Besuchermagnet sind Länderspiele hierzulande auch nicht mehr wirklich. Meine Generation geht doch schon lange nicht mehr hin.

In der Özil-Affäre hast du versucht, jede Diskussion schnell zu unterbinden. Erst kein klares Bekenntnis zu Özil, nach dem Turnier eine Aussage gegen Özil, dann wieder zurückrudern. Das war alles, aber kein Zusammenhalt. Eher wachsweiches Herumlavieren, ohne klare Position, bloß keinen Ärger – das ging ziemlich nach hinten los. Dann darf man sich nicht wundern, wenn der DFB unnahbar wirkt.

Rüste ab, weniger ist mehr!

Du merkst, aus mir spricht eine ganze Menge Frust. Weil ich gerne wieder mitfiebern würde, weil ich als Fan eine Beziehung haben will zu unserer Nationalmannschaft. Beim nächsten Turnier will ich die Spiele wieder begeistert mitverfolgen, mit Freunden beben, ein gemeinsames Abenteuer erleben. Dazu braucht es keine Hashtags. Ich weiß, dass es ohne Sponsoren und Öffentlichkeitsarbeit nicht geht. Ich bin auch keiner, der irgendwelchen „guten alten Zeiten“ hinterhertrauert. Ich weiß, dass die Einnahmen der Nationalmannschaft zu großen Teilen in die Landesverbände, an die Basis gehen. Aber: Rüste ab, weniger ist mehr!

Als die Spieler aus Russland zurückkamen, hatten sich etwa 500 treue Fans in Frankfurt am Flughafen versammelt. Außer Marco Reus, der ein Autogramm gab, wurden alle unverzüglich in abgedunkelte Limousinen gebracht. Bloß kein Kontakt zu den Leuten da draußen. Günstigere Ticketpreise, öffentliches Training, ein Dialog mit den Fans – das würde schon helfen. Dann würden die Menschen in Deutschland – und zwar nicht nur die Eventfans, die sich alle zwei Jahre beim Public Viewing einfinden – sich auch wieder wirklich identifizieren mit diesem Team.

Leider machst du auf mich den Eindruck, als würdest du den Weg der Kommerzialisierung einfach weitergehen wollen.

Du hast gesagt, dass du mit Aktionen mit den „Partnern“, also den Sponsoren, Bindung zu den Fans schaffen willst. Das wird nicht funktionieren.

Du hast gesagt, du willst den „Spagat zwischen Kommerz und authentischer, ehrlicher Arbeit“ besser meistern. Hoffentlich holst du dir keine Zerrung. Natürlich muss auch das Sportliche wieder stimmen. Aber wir haben doch viele junge Spieler, die Potenzial haben. Das Vertrauen in die neue Generation ist da. Es sollte nur allen beim DFB klar werden, dass es um Fußball geht. Du hast angekündigt, wieder näher an die Fans zu wollen. Ich bin gespannt. Es wird höchste Zeit.

Beste Grüße

Christoph Söller

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