Wenn Versagensangst zum Geschäft wird

Private Beraterfirmen verlangen viel Geld dafür, Studierende bei ihren Abschlussarbeiten zu betreuen. Dabei wäre das Aufgabe der Unis.
Von Berit Dießelkämper
versagensangst uni

Illustration: Federico Delfrati

Manchmal läuft nicht alles linear und in Regelstudienzeit. Marle, die nur in dieser Geschichte so heißt, studiert im 13. Semester Politikwissenschaft. Sie lebt schon lange nicht mehr in der Stadt, in der ihre Uni ist. Sie hat den Bezug zu Professor*innen und Kommiliton*innen verloren und arbeitet bereits. Die Prüfungen hat Marle alle bestanden, nur die Bachelorarbeit fehlt noch. „Ich wollte mein Studium unbedingt abschließen, aber ich wusste einfach nicht, wie und wo ich anfangen soll“, sagt sie. Die Situation wurde immer belastender. Deswegen fing Marle an, sich Hilfe im Internet zu suchen.

Im Internet findet sich auch eine Antwort auf die Frage, wie viel ein Universitätsabschluss heute wert ist. Aber nicht etwa bei Jobausschreibungen oder Gehaltstabellen, sondern auf Seiten privater „Thesis-Coaches“. Die versprechen, Studierenden bei ihrer Abschlussarbeit zu helfen. Es geht dabei nicht um Ghostwriting, sondern ausschließlich um Beratung – nichts davon ist illegal. Das also, wofür eigentlich die Betreuer*innen der Universitäten zuständig sind. Trotzdem ist das Onlineangebote groß. Die Beratungen für Abschlussarbeiten können je nach Anbieter*in zwischen einigen Hundert und mehreren Tausend Euro kosten.

Dozierende nehmen sich nicht genug Zeit für die Studierenden 

Wie funktioniert also das Geschäft mit der Versagensangst? Warum sind Studierende bereit, so viel Geld für externe Berater*innen zu bezahlen? Ist ihre Not wirklich so groß und sind die Angebote der Universitäten wirklich so schlecht?

Marle findet Silvio Gerlach im Internet. Gerlach ist Diplom Volkswirt und hat das Thesis-Coaching zu seinem Geschäftsmodell gemacht. Fragt man ihn, wieso das möglich ist und ob es daran liegt, dass die Universitäten versagen, sagt er, dass das Problem viel eher die Zeit sei. „Man muss sich schon eine Stunde pro Woche Zeit nehmen und das kann ein Betreuer bei der Anzahl der Studis gar nicht leisten.“

So war es auch bei Aileen, die ihren richtigen Namen hier nicht lesen möchte. Sie ist 30, pflegt ihre Eltern und arbeitet nebenher, um ihr Studium zu finanzieren. Sie selbst hat eine spastische Halbseitenlähmung und braucht für einige Dinge etwas länger Zeit. In Vorlesungen kann sie beispielsweise nicht gleichzeitig konzentriert zuhören und sich Notizen machen. Von ihrem Dozenten habe sie keine Unterstützung bekommen: „Er hatte einfach keine Zeit, das verstehe ich, aber ich hätte mir gewünscht, dass er dann die Betreuung gar nicht erst annimmt.“

Gerlach sagt, seine Betreuung sei weniger inhaltlich, sondern eher methodisch: Er helfe den Studierenden, ihr Vorhaben zu strukturieren, effizient zu arbeiten und motiviert zu bleiben. „Die Hauptängste der Studierenden sind entweder ein Plagiat zu begehen oder die Arbeit nicht in der vorgegebenen Zeit zu schaffen“, sagt Gerlach.

3500 Euro für die Betreuung einer Bachelorarbeit 

Auf seiner Website findet man keine Informationen zu den Preisen für das Coaching. Er sagt, seine Angebote seien ganz individuell, er könne daher auch keine Preisspanne nennen. Marle sagt, die Betreuung ihrer Bachelorarbeit bei Gerlach hätte 3500 Euro gekostet, zahlbar in drei Raten.

Aber warum hat Marle sich nicht an ihre Uni gewandt, an Professor*innnen oder wissenschaftliche Mitarbeiter*innen? Sie habe Angst gehabt: „Ich hatte das Gefühl, dass ich das alles am Ende meines Studiums eigentlich hätte wissen müssen und dass ich mich blamiere, wenn ich in den Sprechstunden ganz grundlegende Fragen stelle.“ Sie wollte nicht zugeben, dass sie kaum Ahnung vom wissenschaftlichen Schreiben hat, geschweige denn ausreichend Praxiserfahrung. Nicht vor der Person, die ihre Arbeit korrigieren wird.

„Genau mit dieser Angst wird dann Geld gemacht“, sagt Julia Hallmann. Sie arbeitet als Schreibberaterin an der Universität zu Köln. Bei ihrer Arbeit im Schreibzentrum erlebe sie es oft, dass Studierende sich einfach nicht trauen, mit den Dozierenden über ihre Probleme zu sprechen. Deswegen bereite sie neben der inhaltlichen Hilfe für die Abschlussarbeiten auch immer wieder mit den Studierenden ihre Gespräche mit Betreuer*innen vor.

„Der Leistungsdruck auf Studierende ist viel höher als früher und damit auch die Erwartung, gleich eine perfekte Arbeit abzuliefern“, sagt Hallmann. Dass häufig keine intensive Einzelberatung möglich ist, liege nicht nur an den Betreuer*innen, viele glaubten auch, dass Schreiben eine Frage des Talents sei. „Es gibt noch zu wenig Verständnis dafür, dass das wissenschaftliche Arbeiten ein Prozess ist, der nach bestimmten Regeln abläuft, die man lernen kann“, sagt Hallmann.

Aileen war bereits im Zweitversuch ihrer Bachelorarbeit, als sie sich Hilfe bei der Schreibberatung der Universität zu Köln suchte. Dort konnte sie grundsätzliche Fragen zum wissenschaftlichen Arbeiten klären, zum Beispiel: Wie erstelle ich ein Inhaltsverzeichnis? Wie strukturiere ich meine Arbeit? Worauf muss ich achten? Wie sieht mein Zeitplan aus? Außerdem bekam Aileen Unterstützung bei ganz persönlichen Problemen wie Ängsten, Blockaden oder Selbstzweifeln.

Wobei sie ihr jedoch nicht helfen konnten, waren die fachlichen Fragen. Dafür ließ sich Aileen dann von einer Wissenschaftsberatung zusätzlich eine externe Beraterin vermitteln. „Alle paar Wochen haben wir für zwei Stunden über den roten Faden der Arbeit gesprochen. Das hat mir sehr geholfen“, sagt Aileen. Eine Stunde Coaching kostete 70 Euro. Insgesamt hat Aileen für die Betreuung ihrer Bachelorarbeit und das Lektorat etwas mehr als 1000 Euro bezahlt. „Ich hab mein ganzes Gehalt dafür ausgegeben – ich hab auch nicht sehr viel verdient, aber jeden Monat war mein Konto am Ende leer“, sagt sie.

Das Problem sieht Aileen beim Personalmangel und den Einsparungen an den Universitäten. „Gute Lehre kann nur entstehen wenn man Menschen nicht unter Druck setzt – das heißt auch, dass Dozenten sich Zeit nehmen können für die Studierenden“, sagt Aileen. Außerdem müsse der Zugang zu Hilfsangeboten und individuellem Coaching für alle möglich sein und nicht nur für die, die dafür Geld bezahlen können.

Inzwischen hat auch Marle ihre Bachelorarbeit abgegeben. Es ging dann auch ohne einen externen Coach. Es hat nur sehr viel länger gedauert und die von vielen gefürchtete „Lücke im Lebenslauf“ etwas größer gemacht. Das kann und will sich nicht jede*r leisten. Mehrere Tausend Euro für einen Coach aber eben auch nicht.

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