Anna muss 4000 Euro für die Veröffentlichung ihrer Doktorarbeit zahlen

Die Publikation ist Pflicht, aber meist teuer – und nur eine von vielen finanziellen Hürden.
Von Nadja Schlüter

Illustration: Federico Delfrati

Anna vergleicht die Veröffentlichung ihrer Doktorarbeit manchmal mit den Nachwehen einer Geburt. „Man denkt, es ist vorbei, aber dann kommt noch mal was Anstrengendes hinterher“, sagt sie. In ihrem Fall: viel Arbeit und eine Rechnung über fast 4000 Euro.

Anna heißt eigentlich anders, ist Anfang 30 und lebt in Norddeutschland. Aktuell arbeitet sie als wissenschaftliche Hilfskraft an einer Universität. Im vergangenen Jahr hat sie ihre Doktorarbeit in einem geisteswissenschaftlichen Fach abgeschlossen und ihre Verteidigung bestanden. Mit summa cum laude, Bestnote. Dass sie die Dissertation, an der sie vier Jahre lang gearbeitet hat, noch veröffentlichen muss, um den Doktortitel tragen zu dürfen, wusste sie. Die Prüfungsordnungen aller deutschen Universitäten schreiben die Publikation vor, weil die Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden müssen. Und wer eine akademische Karriere anstrebt, hat natürlich auch selbst ein Interesse daran, dass die Arbeit in anderen Forschungen zitiert werden kann. Allerdings ist damit oft ein weiterer hoher zeitlicher und vor allem finanzieller Aufwand verbunden, der vielen im Voraus nicht bewusst ist. Das war auch bei Anna so. „Ich habe mir das alles viel einfacher vorgestellt“, sagt sie. 

„Veröffentlichung“ kann auch bedeuten, dass es ausreicht, wenn ein PDF der Arbeit auf der Webseite der Universität hochgeladen wird. „Das macht aber eigentlich nur, wer kein Interesse hat, in der Wissenschaft zu bleiben“, sagt Anna. „Für mich disqualifizieren sich solche Publikationen immer sofort als Quelle.“ Darum schrieb sie nach ihrer Verteidigung verschiedene Fachverlage an und holte Angebote ein. 

„Von den meisten Dissertationen lassen sich mit Mühe 80 Exemplare verkaufen“

Sie wusste bereits, dass sie für die Kosten einer Veröffentlichung selbst würde aufkommen müssen. Wie groß die Preisspanne ist, hat sie dann aber doch erstaunt: Das günstigste Angebot lag bei null Euro, das teuerste bei fast 4000 Euro. Die renommiertesten Verlage verlangten am meisten, der größte Posten waren die Druckkosten. Hinzu kam bei manchen Verlagen die Möglichkeit einer „Open Access“-Veröffentlichung, durch die die Arbeit online frei zugänglich ist – ein großer Vorteil, weil sie so zum Beispiel über Google gefunden werden kann und häufiger zitiert wird. Aber der Kostenpunkt für „Open Access“ war noch einmal höher: In den Angeboten, die Anna erhielt, wurden für Druck plus „Open Access“ mal knapp 5000, mal fast 6000 Euro veranschlagt. 

Barbara Budrich ist zum einen selbst Verlegerin, zum anderen hat sie ein Buch über das wissenschaftliche Publizieren geschrieben, mit dem Schwerpunkt Sozial- und Erziehungswissenschaften. Sie rät den Doktorand*innen, sich gut zu überlegen, ob sich für sie eine teure Veröffentlichung bei einem Fachverlag lohnt: „Was haben Sie in Zukunft vor? Wollen Sie in der Wissenschaft bleiben oder in die Wirtschaft gehen? Davon hängt ab, was ich Ihnen empfehlen würde.“ Wer wie Anna eine wissenschaftliche Karriere anstrebt, sollte zu einem Fachverlag gehen, alle anderen können auch auf günstigere Varianten zurückgreifen.

Dass die Verlage überhaupt Geld von den Autor*innen verlangen, liegt daran, dass das Thema einer Dissertation meist so speziell ist, dass die Veröffentlichung für einen Verlag nicht wirtschaftlich sein kann. Die Universitäten schreiben oft eine Mindestauflage von 150 Exemplaren vor. „Das ist eine illusorische Verkaufserwartung, von den meisten Dissertationen lassen sich, abhängig vom Fachbereich, mit Mühe 80 Exemplare verkaufen“, sagt Budrich. Mit dem Druckkostenzuschuss der Autor*innen würden die Fremdkosten des Verlags gedeckt, denn die drucken in der Regel ja nicht selbst – „und trotzdem zahlen wir noch drauf“, so Budrich

Für die große Preisspanne gibt es verschiedene Gründe. Manche Verlage verlangen keine Zuschüsse, wenn es sich um sehr relevante Arbeiten handelt oder sie thematisch gut in eine bestehende Reihe passt. Ansonsten sind zum einen die Gemeinkosten der einzelnen Verlage unterschiedlich hoch, zum anderen die Produktionskosten: Ein durchgehend vierfarbiges Buch im Hardcover ist teurer als ein schwarz-weißes Paperback. 

Auch das Geschäftsmodell der Verlage spielt eine Rolle. Einige setzen auf eine große Masse an Publikationen, häufig rein digital, die als Pakete an Bibliotheken verkauft werden. Dadurch werden für die Autor*innen keine Druckkostenzuschüsse fällig. „Beratung, Qualitätssicherung, Begleitung durch den Publikationsprozess, Marketing und Vertrieb sind für den Verlag dann von untergeordneter Bedeutung“, sagt Barbara Budrich. „Es gibt auch Unternehmen, die sich als Publikationsdienstleister verdingen, man erkennt sie an der fehlenden Programmstruktur. Da wird alles veröffentlicht, was bei drei nicht auf dem Baum ist.“

Online gibt es unzählige Publikationsratgeber, die sich teils widersprechen

Auch hier gilt also wieder: Der*die Autor*in muss sich vorher überlegen, was er*sie mit seiner*ihrer Publikation beabsichtigt und welche Lösung darum zu ihm*ihr passt. Noch unübersichtlicher wird das Ganze allerdings durch die unterschiedlichen Ansprüche in den Fachbereichen. Barbara Budrich nennt als Beispiel die BWL: „Da gehört es offensichtlich zum guten Ton, dass ,was nichts kostet, auch nichts ist‘. Was sich dann vermutlich auf die Bereitschaft auswirkt, einen hohen Druckkostenzuschuss zu leisten.“ 

Auch abgesehen vom Preis fiel Anna die Entscheidung für einen Verlag nicht leicht. „Ich wusste anfangs überhaupt nicht, nach welchen Kriterien man einen Verlag auswählt“, sagt sie. Online gibt es unzählige Ratgeber dazu, die sich teils widersprechen. Oft wird vor kostenlosen oder günstigen Angeboten gewarnt und unbedingt ein renommierter Fachverlag empfohlen, dann wieder lobt jemand Online- oder Self-Publishing oder Verlage mit günstigeren Angeboten. Anna recherchierte, sprach mit vielen Kolleg*innen und lange mit ihrem Doktorvater, machte eine Excel-Liste, wog ab zwischen Kosten, öffentlicher Verfügbarkeit und Reputation. Letztlich wählte sie den Verlag, von dem sie selbst aus fachlicher Sicht am meisten hält. „Das hatte viel mit subjektivem Empfinden zu tun, weil einfach jeder etwas anderes empfohlen hat“, sagt sie. Leider war dieses Angebot auch das teuerste: Obwohl Anna auf die „Open Access“-Option verzichtet, musste sie immer noch fast 4000 Euro aufbringen. Geld, das sie nicht einfach so auf dem Konto liegen hat.

Doktorand*innen haben die Möglichkeit, sich bei der VG-Wort anzumelden, die die Tantienem aus Zweitverwertungsrechten an Sprachwerken verwaltet – also eine Art GEMA für Text. Darüber erhalten sie für ihr Buch nachträglich Geld, das bei der Finanzierung hilft, meist um die tausend Euro oder sogar mehr. Im Vorfeld besteht die Möglichkeit, Druckkostenzuschüsse zu beantragen, zum Beispiel beim Fachbereich, dem Forschungsreferat der Universität oder verschiedenen Stiftungen und Förderorganisationen. Viele Verlage beraten ihren Autor*innen hierzu und stellen ihnen etwa Listen mit möglichen Förderern zur Verfügung. Anna schrieb mehrere Anträge, die zum Teil relativ aufwändig waren, weil zum Beispiel ein Empfehlungsschreiben eingereicht oder die finanzielle Situation detailliert offengelegt werden musste. Bisher hat Anna eine Zusage für eine Förderung über 1200 Euro bekommen. „Wenn ich ansonsten keine Zuschüsse mehr kriege, muss ich mir das Geld irgendwie leihen“, sagt sie.

Eine Promotion muss man sich leisten können. Unter anderem darum stammen Akademiker so oft aus Akademikerfamilien

Die hohen Kosten für eine Publikation sind eine zusätzliche Belastung für junge Wissenschaftler, für die es oft sowieso schon nicht leicht ist, sich zu finanzieren: Eine Promotion muss man sich leisten können, weil Stipendien oder Jobs, die sich mit der zeitintensiven Arbeit vereinbaren lassen, rar sind. Es gibt keine offiziellen Zahlen, wie viele Promotionen nicht beendet werden, aber eine Umfrage des HIS-Instituts für Hochschulentwicklung hat ergeben, dass fast 50 Prozent der Doktorand*innen schon mehrfach darüber nachgedacht haben, abzubrechen. Im „Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs“ aus dem Jahr 2017 heißt es, dass die Erfolgsquote von Promotionen zwischen 57 und 67 Prozent liegt, also etwa 30 bis 40 Prozent der Arbeiten nicht beendet werden. Zu wenig Geld ist einer der Gründe dafür. 

Unter anderem darum stammen deutsche Akademiker so oft aus Akademikerfamilien: Sie haben den nötigen finanziellen Rückhalt für ein Studium und eine Promotion. Anna ist die Erste in ihrer Familie, die studiert hat. Für ihre Dissertation erhielt sie ein Stipendium, etwa 40 000 Euro über drei Jahre. Ohne das wäre es schwierig geworden. „Ich frage mich wirklich, wie das Menschen machen, die Kinder haben“, sagt Anna. „Da machst du in der Erziehung sowieso schon unbezahlte Arbeit und dann noch mal unbezahlte Arbeit an der Uni.“

Der Weg zur Publikation fühlte sich für Anna zeitweise sogar an wie Arbeit, für die sie selbst etwas bezahlen musste. Zum einen umfasste das Angebot des Verlags zwar ein inhaltliches Lektorat, allerdings nur ein stichprobenartiges. Zum anderen war kein Korrektorat enthalten und Anna musste die komplette Formatierung selbst übernehmen. Denn genauso wie der Druck wird oft auch der Satz nicht vom Verlag, sondern von externen Dienstleistern übernommen, die natürlich wiederum bezahlt werden müssen. Es kommt die Autor*innen also günstiger, es selbst zu machen – was aber ohne Erfahrung und bei häufig mehr als 300 Seiten eine sehr zeitaufwändige und teils frustrierende Arbeit sein kann. Bei Anna kamen dann noch Unstimmigkeiten in den Absprachen hinzu. „Es wurde nie richtig kommuniziert, was meine Aufgabe ist und was nicht“, sagt sie. „Manchmal habe ich mich gefragt, wann eigentlich der Punkt kommt, an dem ich für meine 4000 Euro auch was kriege.“

Die Verlegerin Barbara Budrich hat für diesen Ärger Verständnis. „Vielleicht müssten wir die Publikationspflicht mal auf den Prüfstand stellen“, sagt sie. „Natürlich ist das auch eine gute Übung: Man lernt, für andere zu schreiben, und kommt aus dem eigenen Saft heraus. Aber heutzutage gibt es so viele Dissertationen, dass sie oft viel kleinere Spezialbereiche betrachten als früher und nur noch eine winzige Zielgruppe haben.“ Die Wissenschaft werde ohnehin mit Publikationen geflutet. Darum könnte es lohnender sein, nur einzelne Dissertationen zu Themen von größerem wissenschaftlichen oder gar öffentlichen Interesse zu veröffentlichen und sie zuvor „noch mal so zu überarbeiten, dass ein richtiges Buch daraus wird”, sagt Budrich. Eine solche Abschaffung der Publikationspflicht scheint aber aktuell nicht sehr wahrscheinlich. Käme sie irgendwann, würde sie vermutlich auch den Konkurrenzdruck unter den Doktorand*innen erhöhen und dem deutschen Promotionswesen eine andere Dynamik geben.

Anna glaubt trotz des Aufwands und der Kosten, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hat, da sie eine Karriere in der Wissenschaft anstrebt. Das Renommee ihres Verlags und dessen Öffentlichkeitsarbeit werden ihr dabei helfen, hofft sie. Gute Verlage kontaktieren Medien und Buchhandlungen und sind mit Ständen auf Tagungen vertreten, wo die Bücher ausliegen. Wenn es gut läuft, kriegt Anna für ihre 4000 Euro also einen guten wissenschaftlichen Ruf, Job- oder Projektangebote – und dafür dann auch ein angemessenes Gehalt.

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