Ohne studentische Hilfskräfte würde an den Unis vieles nicht funktionieren. In Berlin streiken sie nun, weil der Lohn für ihre Arbeit seit 17 Jahren nicht erhöht worden ist.

Ohne studentische Hilfskräfte würde an den Unis vieles nicht funktionieren. In Berlin streiken sie nun, weil der Lohn für ihre Arbeit seit 17 Jahren nicht erhöht worden ist.

Foto: freepik / Collage: jetzt.de

„Wie lange würdet ihr streiken? Vielleicht auch eine ganze Woche?“ ruft Steffi, kurze braune Haare, pinkfarbener Schal, Mikro in der Hand. Am Dienstagnachmittag steht die 26-Jährige im „Architekturgebäude“, einem Hochhaus auf dem Campus der Technischen Universität Berlin. Im Foyer sitzen und stehen etwa 100 Studenten im Halbkreis um sie herum. Sie klatschen: Ja, eine Woche würden sie streiken. „Und einen ganzen Monat?“ fragt Steffi. Die Studenten klatschen wieder. „Und ein ganzes Semester?“ ruft sie. Da johlen sie. Das wäre mal was. Mit einem Semesterstreik würden sie ihre Ziele bestimmt erreichen. 

Steffi ist nicht nur Maschinenbau-Studentin, sondern auch studentische Hilfskraft an der TU – und die studentischen Hilfskräfte, kurz SHK, haben zum Streik für mehr Lohn aufgerufen. In Berlin gibt es laut Schätzung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) etwa 8000 SHK und es ist das einzige Bundesland, in dem ihre Bezahlung über einen Tarifvertrag geregelt ist. Momentan verdienen die Studenten 10,98 Euro die Stunde. Das ist besser als in vielen anderen Bundesländern, doch auch in Berlin gibt es Probleme. Die Löhne sind seit 17 Jahren nicht erhöht worden.

Micha, der heute auch zum Streik gekommen ist, ist 31 Jahre alt, studiert Brauereiwesen und arbeitete ebenfalls als SHK. Er hat eine Ausbildung gemacht und sich so ein finanzielles Polster ansparen können, außerdem wird er von seinen Eltern unterstützt. „Hätte ich meine Eltern und das Ausbildungspolster nicht, könnte ich mir ein Leben als Student nicht leisten“, sagt er – und das, obwohl er versucht, so viel wie möglich zu arbeiten. „Das ist das Problem. Deswegen stehe ich hier.“

Die Vertreter der Studenten und der Gewerkschaften GEW und Verdi sind in einer Tarifkommission organisiert, die mit den Hochschulen über die Löhne verhandelt. Auch Steffi ist Mitglied der Kommission. In fünf Verhandlungsrunden konnten sie sich nicht einigen, erzählt sie. „Im Sommer sind wir zu dem Schluss gekommen, dass wir was tun müssen. Und haben den Tarifvertrag gekündigt.“ Nur so durfte die Tarifkommission die elf Berliner Hochschulen zum Streik aufrufen. 

„Bundesweit würde an vielen Hochschulen der Lehr- und Forschungsbetrieb ohne studentische Beschäftigte zusammenbrechen“, sagt Andreas Keller, stellvertretender Vorsitzender der GEW. Oft seien die Studenten unterbezahlt. „Faire Arbeitsbedingungen sehen anders aus. Der Grund für die Verweigerungshaltung ist ganz offensichtlich eine Geringschätzung der Arbeit der studentischen Beschäftigten.“ Man sehe in ihnen Dumping-Hilfskräfte. 

Die SHK-Version einer Streikweste.

Die SHK-Version einer Streikweste.

Foto: Valerie Höhne

Am Dienstag der vergangenen Woche hat bereits ein Warnstreik stattgefunden, in dieser Woche streiken die Studenten von Dienstag bis Donnerstag. „Eine Frechheit, wie die die letzten Jahre mit uns umgegangen sind“, findet auch Simon, 21. Vor ihm liegen Plakate, auf eines ist ein Nokia 3310 gedruckt, auf ein anderes Plateauschuhe von Buffalo. Die Unterzeile lautet jeweils: „Dinge ändern sich. Nur unser Tarifvertrag ist immer noch derselbe. Seit 2001.“ 

Die Tarifkommission verlangt eine Lohnerhöhung auf 14 Euro die Stunde. „Die Hochschulen sagen, das seien Maximalforderungen. Aber sie ignorieren, dass es seit 2001 einen realen Lohnverlust von etwa 30 Prozent gab“, sagt Matthias Jähne, Referent für Hochschulen in der GEW. Trotzdem verglichen sie sich eher nicht mit anderen Bundesländern, meint Jähne. Immerhin haben sie hier ja einen Tarifvertrag – 15 der 16 Bundesländer weigern sich bisher, Tarifverträge auszuhandeln. Um die Situation der SHKs zu verbessern, bräuchte es die aber überall. Die 14 Euro Stundenlohn, die die Berliner Studenten und Gewerkschaften fordern, seien ein erster Schritt, findet Andreas Keller von der GWE.

An der TU Berlin streiken viele heute zum ersten Mal. Die Gruppe aus dem Foyer des Architekturgebäudes ist inzwischen nach draußen umgezogen, wo auf einer Bühne eine Rockband spielt. Es ist kalt und nass, zur Stärkung für die Streikenden gibt es Tee, Kaffee und Glühwein, belegte Brötchen und Kuchen.

Eines des Plakate beim Streik am Dienstag, 23. Januar.

Eines des Plakate beim Streik am Dienstag, 23. Januar.

Foto: Valerie Höhne

Die Gewerkschaften haben die Situation an den Berliner Hochschulen genutzt, um vergangenes Jahr 1000 Neumitglieder zu werben. Auch Steffi ist an der Universität mit Gewerkschaften in Kontakt gekommen. In einem Kurs hatte sich die IG Metall vorgestellt. Seit zweieinhalb Jahren ist sie Mitglied bei Verdi. „Ich finde, Gewerkschaften sind ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft, der immer weiter zurückgedrängt wird“, sagt sie. Ohne die Gewerkschaftsbasis hätten sie nicht streiken können. Der größte Erfolg sei der Warnstreik in der vergangenen Woche gewesen. Über 1000 Studierende demonstrierten für bessere Löhne. Auch an diesem Donnerstag wird eine zentrale Demonstration stattfinden. „Wir erwarten von den Hochschulen, dass sie uns in den nächsten Tagen ein verbessertes Angebot vorlegen“, sagt Matthias Jähne von der GEW. Gegenüber jetzt wollten sich die Hochschulen dazu nicht äußern. Sollten sie im Streit um die Lohnerhöhung einlenken, könnte das für andere Studenten an anderen Universitäten ein Anlass sein, ebenfalls Tarifverträge zu erstreiken. 

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