„Wie soll man in dieser psychischen Situation normal weiterstudieren?"

Foto: Florian Peljak

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Als Dariia am Donnerstag vor einer Woche aufwacht, ist ihr Postfach voll mit verpassten Anrufen und Nachrichten. „Es ist Krieg!“, schreiben ihr Freund:innen und Verwandte aus der Ukraine. Da ist es vier Uhr morgens. Seitdem kann Dariia nicht mehr richtig schlafen. Auf ihrem Handy hat sie eine App installiert, die ihr jedes Mal Warnungen schickt, wenn ein Bombenalarm in Kyiv* losgeht. Das passiert mittlerweile fast stündlich, vor allem nachts. Wenn sie aus Erschöpfung doch mal eindöst, blinkt das Handy und sie ist wieder hellwach. Sofort schickt sie warnende Textnachrichten an ihre Eltern und ihren kleinen Bruder, aus Sorge, sie könnten den Alarm nicht rechtzeitig mitbekommen. Dann wartet sie. 1730 Kilometer weit weg von ihrer Familie. 

„Seitdem kann ich auch nichts mehr für die Uni machen. Ich weiß nicht, wie ich meine Prüfungen schaffen soll. Aber es gibt doch gerade sowieso viel Wichtigeres, das ich tun muss, um den Menschen in der Ukraine zu helfen“, sagt Dariia. Die 19-Jährige kam vor zwei Jahren aus der Ukraine nach Deutschland. Sie studiert BWL an der TU München. Beim Treffen in München trägt sie eine lila Winterjacke, Jeans und blaue Wimperntusche. Ihre Stimme ist tief und fest. Nur wenn sie von ihrer Familie spricht, bricht sie manchmal: „Ständig checke ich panisch die Nachrichten. Und versuche herauszufinden, ob meine Familie okay ist. Wie soll man in dieser psychischen Situation normal weiterstudieren?“. 

So jung so weit weg von der Familie zu sein, in einem neuen Land, auf sich allein gestellt, mit einer neuen Sprache, die man nicht so gut lernen konnte wie man es gern getan hätte, wegen der etlichen Corona-Semester, während im Herkunftsland Krieg herrscht – das ist hart. Auch für Artur und Anna. 

Es ist Dienstag, 14 Uhr, Artur, Anna und Dariia befinden sich auf einer Wiese hinter der ukrainischen katholischen Kirche in München-Untergiesing, ein Knotenpunkt für Hilfslieferungen in die Ukraine. Die drei sind täglich hier und helfen, Sachspenden für Kriegsopfer zu sortieren. Alle drei sind in Kyjiv aufgewachsen. Dort, wo ihre Eltern, Großeltern, Geschwister und Freund:innen jetzt jeden Tag in Schutzbunkern ausharren und auf ihr Überleben hoffen. Anna sagt: „Über Nacht mussten wir zu Erwachsenen werden.“ 

studierende ukraine muenchen imtext

Auf ihrem Rucksack hat die ukrainische Studentin Anna Zettel angebracht, auf denen in Stichpunkten steht, was man für die Bevölkerung in der Ukraine tun kann, mit QR-Codes, die zu den Websites „stopputin.net“ und „standwithukraine.live“ führen.

Foto: Franziska Koohestani

Artur ist jetzt erst noch mehr darauf angewiesen, Geld zu verdienen, als vor Kriegsbeginn 

Gemeinsam mit derzeit etwa 140 weiteren ukrainischen Studierenden in München haben Anna, Artur und Dariia einen offenen Brief verfasst. Er richtet sich an ihre Universitäten – mit der Bitte, ihnen in dieser schwierigen Situation Hilfe zu leisten. Sowohl bei den finanziellen und bürokratischen als auch bei all den psychischen Herausforderungen, die der Krieg in ihrem Land mit sich bringt. „Viele von uns sind plötzlich die einzigen Versorger in ihren Familien geworden“, heißt es darin etwa. Der Brief enthält eine Liste mit Vorschlägen, wie die Universitäten die Studierenden aktuell unterstützen können: durch das Verbreiten von Informationen zum Ukraine-Krieg auf allen Plattformen, die Kooperation mit dem Studentenwerk, um günstigen Wohnraum für jene zu finden, die sich ihre Wohnungen und WG-Zimmer nicht mehr leisten können, durch kostenlose MVG-Tickets, mehr Hilfe bei der Jobsuche, die Kontaktaufnahme mit der Ausländerbehörde, damit die Aufenthaltsgenehmigungen bestehen bleiben – und durch die automatische Verlängerung von Abgabefristen, zum Beispiel von Hausarbeiten. 

Obwohl alle drei auf den ersten Blick gefasst wirken, wenn sie erzählen, merkt man ihnen die innere Unruhe deutlich an. Den Drang, unbedingt etwas tun zu müssen, zugleich das Gefühl der eigenen Hilflosigkeit. Wenn Artur beim Sprechen den Blickkontakt hält, betont kämpferisch, aber dabei die Hände in den schwarzen Lederhandschuhen so fest übereinander legt, als würde er sich an sich selbst festhalten. 

„Am ersten Tag der russischen Invasion ist eine Rakete zwei Straßen entfernt von meinem Zuhause eingeschlagen. Meine Mutter war nur 800 Meter entfernt. Das war der Moment, in dem ich verstanden habe, dass wir alles tun müssen, was in unserer Macht steht, um der Ukraine zu helfen. Für unser Land und unsere Ideale“, sagt Artur. Er ist 21 Jahre alt und studiert Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität. Seit fast fünf Jahren lebt er in München. Gerade bereitet er sich auf sein Staatsexamen vor und arbeitet nebenbei in einem Schlaflabor. Noch an dem Donnerstag des Kriegsausbruchs hatte er eine Nachtschicht. Von der Demonstration vor der Bayerischen Staatskanzlei ging er direkt zur Arbeit. Denn er ist jetzt erst recht darauf angewiesen, Geld zu verdienen. Seine Eltern können ihn seit Beginn des Krieges nicht mehr finanziell unterstützen. Jetzt ist es umgekehrt: Er muss sich um sie kümmern. 

Den offenen Brief zu verfassen, habe Anna, Artur und Dariia trotz der prekären Lage viel Überwindung gekostet, erzählen sie. Anna sagt, dass in der Community von Studierenden der Ukraine viel Bescheidenheit und Zurückhaltung herrsche. Man will sich niemandem aufbürden – sich bloß nicht beklagen, schließlich gehe es den Angehörigen in der Ukraine gerade so viel schlechter. Trotzdem leben viele der Studierenden aus der Ukraine, mit denen sie in Kontakt stehen, jetzt schon am finanziellen und psychischen Limit, erzählt Anna: „Vor zwei Tagen bin ich mit der Nachricht aufgewacht, dass die Straße, in der mein Vater arbeitet, zerbombt wurde. Es war der schlimmste Morgen meines Lebens.“ Annas Vater war an diesem Tag nicht bei der Arbeit – er lebt. Doch erst wenige Tage zuvor, an dem Donnerstagmorgen des Kriegsausbruchs, hatte er noch versucht, arbeiten zu gehen. „Ich habe zwei kleine Geschwister. Mein Vater hat finanziell für uns alle gesorgt. Ich habe auch einen Nebenjob, aber das Geld deckt nicht alle Kosten für das Auslandsstudium ab. Mein Vater hat mich bisher finanziell unterstützt.“ Jetzt hat Annas Vater keinen Job mehr.

In Deutschland gibt es um die 7000 Auslandsstudierende aus der Ukraine. Die größte Hürde ist für sie dabei die Finanzierung. Denn für ein Studentenvisum brauchen die Ukrainer:innen einen Finanzierungsnachweis. Entweder müssen sie dazu eine Verpflichtungserklärung von jemandem aus Deutschland organisieren, der bereit ist, für die Lebenshaltungskosten der Studierenden zu sorgen. Das ist allerdings selten der Fall. Häufiger ist die Alternative: ein Sperrkonto, auf das man einen Sicherheitsbetrag überweist. Seit Januar 2020 liegt diese Summe jährlich bei 10 236 Euro. Ukrainische Studierende haben außerdem keinen Anspruch auf Bafög oder eines der verschiedenen Stipendien für Studierende aus der EU. 

Anna ist jetzt 22 und kurz davor, ihr Bachelorstudium in Informatik abzuschließen. Ihre Abschlussarbeit hätte sie am 8. März verteidigen müssen, doch weil ihr Betreuer Verständnis für ihre Situation zeigte, konnte sie den Termin kurzfristig verschieben. Das Glück haben andere ukrainische Studierende in Deutschland gerade nicht, so Anna. Sie sagt: „Ich hätte es einfach nicht geschafft, mich auf die Präsentation vorzubereiten. Mir fehlen die nötigen Kapazitäten dafür in meinem Kopf. Ich muss mir erst einmal einen Plan machen, wie ich meine Familie jetzt finanziell unterstützen soll.“ 

Mit dem offenen Brief gehe es ihnen in erster Linie darum, die Ressourcen zu bekommen, um für andere Hilfe leisten zu können. Sie brauchen Geld, Zeit und Unterstützung, um in der Lage zu sein, die Kriegsopfer von hier aus zu versorgen und die ankommenden Geflüchteten zu betreuen. 

Anna wollte nach dem Abschluss eigentlich in Deutschland bleiben. Jetzt hat sie andere Pläne 

Am Mittwoch, einen Tag nach dem Versand des offenen Briefs, veröffentlichten die Hochschulen von Anna, Artur und Dariia Unterstützungsangebote auf ihren Websites – für Studierende, die vom Krieg in der Ukraine betroffen sind. Zu den Angeboten gehören Beratungsmöglichkeiten für Job- und Wohnungssuche, Hilfe bei Behördengängen, aber auch finanzielle Nothilfe – bei der LMU kann man diese mittels eines Antrages anfordern, die TU hat zudem ein Spendenkonto eingerichtet, auf das man einzahlen kann. Die Spenden sollen den ukrainischen Studierenden zugutekommen. 

Außerdem plant das Bayerisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst, einen Notfall-Fonds über eine halbe Million Euro einzurichten. Damit soll ukrainischen Studierenden und Forschenden, die in Notlage geraten sind, „schnell und unkompliziert“ geholfen werden, erklärt ein  Sprecher des Ministeriums auf Anfrage von jetzt.

Betroffene können sich damit direkt an ihre Hochschule wenden. 

Auf die Frage, was sie von den Angeboten der Universitäten halten, schreiben Anna, Artur und Dariia per Mail: „Wir sind alle sehr sehr dankbar für alles, was die Unis für uns machen. Und wir hoffen, dass die uns weiter unterstützen werden.“ Außerdem seien sie enorm froh darüber, dass ihre Hochschulen nun auch noch Forschungsaufenthalte für ukrainische Wissenschaftler:innen anbieten.

Eigentlich, so sagt Anna, hatte sie vor, nach dem Studium in Deutschland zu bleiben, sich hier etwas aufzubauen. Doch sie hat sich anders entschieden. „Sobald der Krieg vorbei ist, werde ich zurück in die Ukraine gehen und dabei helfen, alles wieder aufzubauen, was zerstört wurde. Ich will all meine Kraft in mein Land investieren. Zumindest werde ich es versuchen.“

*Wir benutzen in diesem Text die ukrainische Schreibweise. Das in Deutschland verbreite „Kiew“ ist die russische Schreibweise und gilt vielen Ukrainer:innen mittlerweile als Affront. 

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