Mitglieder von „Extinction Rebellion“ ziehen sich aus

Mitten in München. So protestieren sie gegen den „Black Friday“.
Von Leonie Sanke

Als die „Extinction Rebellion“-Aktivist*innen sich im ersten Schaufenster aufstellen, hindert sie noch niemand daran.

Foto: Robert Haas

„Boycott ‚Black Friday‘, fashion kills!“ Das ruft eine Gruppe von Aktivist*innen, während sie sich ihren Weg durch die Menschenmenge in der Münchner Kaufingerstraße bahnt. Die meisten Menschen um sie herum sind hier, um am „Black Friday“ möglichst günstig einzukaufen. Die etwa 20 Demonstrierenden der Gruppe „Extinction Rebellion“ (XR) sind hier, um sie davon abzuhalten.

Eine junge Frau zieht die Aufmerksamkeit der Passant*innen auf sich. Durch ihr Megafon klärt sie darüber auf, wie sehr die Modeindustrie Umwelt und Klima belastet: „Die Textilbranche stößt mehr CO2 aus als der internationale Flug- und Schiffsverkehr zusammen!“ Ein Stockwerk höher, hinter der Glasfassade eines Modegeschäfts, beginnt währenddessen die eigentliche Aktion: Fünf Aktivist*innen haben sich dort bis auf die Unterwäsche ausgezogen und wie Schaufensterpuppen aufgereiht. „Heute Mode, morgen Müll“ oder „Weniger ist mehr“ steht auf ihren Körpern.

Sofia Ritthammer ist in Dänemark auf „Extinction Rebellion“ aufmerksam geworden. Seit etwa einem Jahr engagiert sie sich in der Münchner Gruppe.

Foto: Leonie Sanke

„Heute im Sonderangebot: Klimakrise.“

Foto: Leonie Sanke

Bei ihren Aktionen riskieren die XR-Aktivist*innen immer wieder Sanktionen wegen Ordnungswidrigkeiten, viele Demos sind nicht angemeldet – auch die „Black Friday“-Demo nicht.

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Damit sie niemand aufhält, muss es schnell gehen. Diese Aktivistin hat sich schon vor dem nächsten Laden ausgezogen.

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„Heute Mode, morgen Müll“: Die Aktivist*innen protestieren gegen unsere Wegwerf-Gesellschaft.

Foto: Leonie Sanke

Bei ihrem letzten Ziel bleiben die Aktivist*innen vorsichtshalber vor dem Geschäft.

Foto: Leonie Sanke

„Wir wollen den Protest genau dorthin bringen, wo der Konsum stattfindet“, sagt die 22-jährige Sofia Ritthammer von „Extinction Rebellion“, die junge Frau mit dem Megafon. Es werde zwar viel über die negativen Seiten der Modeindustrie berichtet – dass sie selbst Mitschuld tragen könnten, sei den meisten Konsument*innen aber nicht bewusst. Einige Passant*innen bleiben stehen und fragen interessiert nach. Andere, wie Jakob Sedlmeier, bleiben unbeeindruckt. Er ist selbst zum Shoppen in der Kaufingerstraße. „Ich glaube nicht, dass so eine Demo die Menschen davon abhalten kann, Schnäppchen zu machen. Dafür sind sie heute hier“, sagt der 21-Jährige. Ob er selbst sein Verhalten deshalb ändern würde? „Ehrlicherweise nicht.“

Als sie gerade wieder aufbrechen wollen, wird es unruhig unter den Aktivist*innen

Lisa Poettinger, 23, ist eine der fünf Aktivist*innen, die sich für die „Black Friday“-Aktion ausgezogen haben. Erst sei sie nervös gewesen, sagt sie. Immerhin ist sie erst seit einem Monat bei XR aktiv. „Aber dann habe ich gesehen, wie viele Leute hingeschaut haben. Ich denke, es ist gut, wenn uns so viele Menschen sehen, da sie sich dann mit der Problematik auseinander setzen müssen“, sagt sie. Ihr sei bewusst, dass sich nicht jede*r Fairtrade-Mode leisten kann. Auf ihren Oberschenkel hat sie daher mit grüner Farbe „Kleidertausch“ geschrieben – um eine Alternative aufzuzeigen.

Die XR-Aktivist*innen, haben inzwischen ihr zweites Ziel, ein Kaufhaus, erreicht. Auch hier stellen sich ein paar von ihnen in Unterwäsche zwischen den Schaufensterpuppen auf, darunter auch Lisa. Die anderen bleiben angezogen und stellen sich mit ihren Plakaten und Transparenten vor dem Kaufhaus auf. Doch als sie gerade wieder aufbrechen wollen, wird es unruhig unter den Aktivist*innen. „Wir brauchen Deeskalation“, ruft eine von ihnen. 

Der Wachmann des Kaufhauses hat die Polizei gerufen, will die Aktivist*innen wegen Hausfriedensbruchs anzeigen. Nach einem kurzen Gespräch mit einem Polizisten, der die Personalien der Teilnehmer*innen aufnimmt, setzt die Gruppe ihre Aktion ein paar Geschäfte weiter trotzdem fort. „Im Vergleich zu Aktivisten in anderen Ländern haben wir es hier mit extrem geringen Repressionen zu tun. Deshalb ist es unsere Verantwortung, mehr zu tun“, sagt Sofia später.

„Wir brauchen krassere Aktionen“

Die Münchner Gruppe der internationalen „Extinction Rebellion“-Bewegung wurde Ende 2018 gegründet. Zuletzt haben die Mitglieder vor der Münchner Niederlassung der Fondsgesellschaft Black Rock demonstriert. Im vergangenen Juli haben sie sich ans Rathaus gekettet, um gegen den mit Steinkohle betriebenen Block des Heizkraftwerks Nord zu protestieren. Viele der Mitglieder haben sich vorher bereits für das Klima engagiert, etwa bei „Fridays for Future“. Auch Korbinian, 24, der mit Lisa zusammen in den Schaufenstern stand, ist erst seit Kurzem dabei. Er war vorher Ordner bei „Fridays for Future“, doch die Bewegung habe nicht wirklich etwas geändert, sagt er. „Wir brauchen krassere Aktionen.“

Nach einer guten halben Stunde ist die Aktion vorbei, die Teilnehmer*innen gehen weiter zum großen Klimastreik am Königsplatz. Und in der Kaufingerstraße tragen die Menschen weiter Einkaufstüten aus den Läden.

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