In Polen sind viele Klima-Aktivist*innen nationalistisch

Beim Fridays-for-Future-Protest in Warschau gibt es Schilder mit der Aufschrift „Save Bees, not Refugees“.
Von Ramona Drosner, Warschau
fff poland

Illustration: Federico Delfrati

Max trägt seine halblangen Haare strähnig nach hinten gegelt und den Wintermantel trotz einstelliger Temperaturen offen. „Save Bees, not Refugees“ hat er mit dickem Filzstift auf ein weißes Papier geschrieben, und das Schild an einem Holzstab befestigt.

 Der 15-Jährige läuft mit etwa 3000 anderen jungen Polinnen und Polen an jenem Freitag durch Warschaus Regierungsviertel, vorbei an Bankfilialen und dem Präsidentenpalast, er demonstriert fürs Klima. Sein Gesicht ist betont ausdruckslos, den schwarzen Rollkragenpullover hat er in die hellgraue Bundfaltenhose gesteckt.

„Klar ist das kontrovers“, antwortet Max, auf das Schild in seinen Händen angesprochen. Als er sich vorstellt, zieht er seinen Namen lang wie Kaugummi, mit langem Ä. Er ist mit seiner Freundin Olivia hergekommen, weil ihm das Klima wichtig ist. Er ist wütend. „Die Migranten, die nach Europa gekommen sind, lassen ihren Müll überall liegen“, sagt Max. „Die räumen einfach nicht hinter sich auf.“ Max sieht Geflüchtete als Problem für den Klimaschutz. Nicht als Opfer der Klimakrise.

Der Hohe Flüchtlingsrat der Vereinten Nationen (UNHCR) geht davon aus, dass Umweltzerstörung und Naturkatastrophen zunehmend mit Flüchtlingsbewegungen zusammenhängen werden. Bedeutet konkret: Sie müssen wegen der Klimakrise ihr Zuhause verlassen. Die Zahl ist enorm: 20 Millionen Menschen, jedes Jahr. Das gab die Organisation Oxfam vor ein paar Tagen bekannt.

Darüber machen sich Max und Olivia keine Gedanken. Für sie steht der Klimaschutz in Polen an erster Stelle. 

Die Grünen spielen in der polnischen Politik kaum eine Rolle

Die Polinnen und Polen unterscheiden sich von den jungen Menschen, die überall in Europa fürs Klima auf die Straße gehen. Einer europäischen Studie zufolge, die sich mit der Fridays-for-Future-Bewegung in 13 Städten beschäftigt, ordnet sich die polnische Klimajugend auf einer politischen Skala eher mittig ein, nicht links-grün wie die deutschen Nachbarn. Das liegt auch daran, dass die Grünen kaum eine Rolle spielen in der polnischen Politik.

Die polnische „Klima-Jugend“, wie sich die Fridays-for-Future-Bewegung in Polen nennt, will sich am liebsten auf keine politische Seite schlagen. Auch wenn sie entsetzt ist über die leeren Versprechen der regierenden PiS-Partei, die sich selbst „Recht und Gerechtigkeit“ nennt, aber seit Jahren die europäische Klimapolitik blockiert. Die PiS-Partei förderte die polnische Kohleindustrie zuletzt mit Milliarden und strich sämtliche Investitionen für Windkraft auf dem Land. „Klar hab ich meine politischen Ansichten“, sagt Ewa Rewers, „aber die spielen keine Rolle im Klimastreik.“ 

Ewa ist seit den Anfängen der Warschauer Klimabewegung aktiv. Im Frühling hat sie Abitur geschrieben, jetzt will sie sich ein Jahr frei nehmen und sich ganz ihrem Aktivismus widmen. Wie der Großteil der Demonstrierenden hier stammt sie eher aus der gehobenen Mittelschicht. Um ihre blassblauen Augen hat sie einen pinken Lidstrich gezeichnet. Die 19-Jährige sagt über die polnische Klima-Bewegung: „Wir sind nicht links. wir stehen auf allen Seiten. Dieses Problem betrifft uns alle.“ 

Wenn Ewa alle sagt, meint sie überwiegend konservative Stimmen. Sie weiß, dass die polnische Gesellschaft weitaus konservativer ist als die deutsche. Traditionelle, nationale Werte werden hierzulande hoch gehalten, auch unter Jugendlichen. Über Max' provokantes Schild regt sich niemand auf. Ob politisch rechts eingestellt, Punk oder Skater, die Jugendlichen fühlen sich hier verbunden: Sie gehen für eine gemeinsame Sache auf die Straße. 

Als Ewa für einen Klima-Streik nach Aachen reiste, kam sie erstaunt nach Polen zurück. So einen bunten Protest mit Regenbogenflaggen kannte sie nicht von Zuhause. Ewa sagt: „Wir bitten die Leute, ohne Flaggen zu kommen und nur Poster mitzubringen, die sich aufs Klima konzentrieren.“ LGBTQ-Rechte sind im katholischen Polen heiß diskutiert, die Gegner aggressiv. Erst vor drei Wochen, an Polens Nationalfeiertag, ging in Warschau eine Regenboggenflagge in Flammen auf, auf einer von Rechtsextremen organisierten Demo.

Rechts ist cool in Polen

Der Zuspruch, den rechte Parteien von jungen Polinnen und Polen bekommen, ist in den vergangenen Jahren gewachsen. Seit den Wahlen im Oktober sitzt im Parlament neben der PiS-Partei, die national-konservative Werte vertritt, die rechtsextreme Konföderation. Jeder fünfte ihrer Wähler ist unter 30, es sind vor allem junge Männer. Über den Klimastreik hat sich einer ihrer Vorsitzender, Janusz Korwin-Mikke, zuletzt lustig gemacht. 

Der Protestforscher Piotr Kocyba spricht von einem „umgekehrten Stigma“, verglichen mit Westdeutschland: „Rechts ist cool. Als Links zu gelten, hat ein gewisses Stigma durch die Geschichte des Kommunismus in Polen.“

Bei den Jugendlichen in Polen tut sich ein Graben auf, zwischen der großen Mehrheit, die sich eigentlich nicht so richtig für Politik interessiert und denen, die wählen gehen und ihre Stimme dann gern den Parteien am rechten Rand geben. Auch wenn sich zwei Drittel der 15 bis 24-Jährigen mittig einordnen – immerhin ein Fünftel platziert sich eindeutig rechts, das hat eine Studie aus dem Jahr 2017 ergeben, die sich mit den politischen Ansichten junger Menschen in Polen beschäftigt. 

Ewa würde queere Menschen gerne zu ihren Protesten einladen. „Aber wir müssen die Vor- und Nachteile abwägen.“ Ewa wirkt selbstsicher, sie weiß was sie will. Aber bei diesem Thema ist sich auch die polnische „Klima-Jugend“ nicht einig. Das verunsichert Ewa.

Sie sagt: „Wir sind besorgt, weil die Bewegung eben noch so klein ist, dass Konflikte entstehen würden, wenn jemand mit einer Regenbogenflagge seine Ideologie nach außen trägt.“ Für sie steht die Klimakrise über jeglicher politischen Spaltung. Hauptsache, die „Klima-Jugend“ erreicht mit ihren Protesten möglichst viele Menschen.

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