„Ich hoffte, man könnte Greta die Angst nehmen“

Janine O'Keeffe vertritt „Fridays for Future“ auf Facebook. Wie kommt eine 54-jährige an diesen Job?
Interview von Nadja Schlüter

Auf Facebook treffen sich alle Klimastreiks der Welt.

Screenshot: Facebook / Illustration: jetzt

Schon wenige Wochen, nachdem Greta Thunberg im August 2018 mit ihrem Schulstreik fürs Klima begonnen hatte, gab es eine Webseite und Social-Media-Accounts von „Fridays for Future“. Sie machten die Idee bekannter und vernetzen heute die weltweiten Streiks miteinander. Auf der Webseite fridaysforfuture.org kann man auf einer Karte alle registrierten Streiks einsehen und auch selbst Demos anmelden, auf der Facebook-Seite finden sich unzählige Veranstaltungen, Links zu Artikeln und Fotos von vielen Aktionen weltweit. Wer kümmert sich um diese Öffentlichkeitsarbeit? Sicher macht das ja nicht alles Greta Thunberg selbst? 

Auf Nachfrage stellt sich raus: Dahinter steckt ein Team aus drei Freiwilligen – eine davon ist Janine O'Keeffe, 54, Elektroingenieurin im Ruhestand. Sie ist gebürtige Australierin, die seit mehr als 30 Jahren in Stockholm lebt. Die beiden anderen sind Softwareingenieure, 45 und 60 Jahre alt. Wir haben Janine O'Keeffe angerufen, um zu erfahren, wie sie an diesen Job gekommen ist und was er ihr abverlangt.

jetzt: Wie sind Sie zur Social-Media-Beauftragten einer Schüler*innen-Protestbewegung geworden?

Janine O'Keeffe: In manchen Ländern ist Fridays for Future gar keine reine Schülerbewegung.

Nicht?

Nein. Deutschland ist, was das angeht, recht speziell. Dort sind es vor allem Schüler*innen und Student*innen, die streiken, und ihre Eltern machen eigene Demos. In Belgien ist es ähnlich. Aber in Schweden, Dänemark und den Niederlanden ist das zum Beispiel viel weniger getrennt. Insgesamt gibt es meiner Meinung nach aktuell zwei Bewegungen.

„Ich hoffte, man könnte Greta die Angst nehmen“

Und welche sind das?

Zum einen die großen, weltweiten Demos, die ungefähr einmal im Quartal stattfinden und sehr stark von Jugendlichen dominiert werden; zum anderen die wöchentlichen Streiks, bei denen bestimmt die Hälfte der Teilnehmer*innen Erwachsene sind. Das ist aber nichts Schlechtes, das ist ja kein Wettbewerb oder so. Im besten Falle arbeiten alle zusammen und daraus entsteht eine noch bessere Bewegung.

Okay, aber nochmal: Wie sind Sie an den Job gekommen?

Die Klimakrise wurde lange Zeit geleugnet und das hat mich extrem mitgenommen. Ich habe darum angefangen, mit einer Gruppe von Klimaaktivist*innen zusammenzuarbeiten, das war im Januar 2018, also im Vorfeld der schwedischen Parlamentswahlen im Herbst. Aber ich habe schnell gemerkt, dass wir nicht die nötige Aufmerksamkeit erregen. Dann hat Greta mit ihrem Schulstreik angefangen und ich dachte: „Dieser Zivile Ungehorsam ist genau das richtige Mittel und wir sollten sie darin unterstützen, ihre Botschaft zu verbreiten!“

Eigentlich finde ich es zwar nicht gut, wenn jemand die Schule schwänzt, aber ein Mädchen, dass an so großer Angst vor dem Klimawandel leidet, in den Unterricht zu zwingen, schien mir noch viel schlimmer. Ich hoffte, man könnte Greta die Angst nehmen,wenn man sie in ihrem Anliegen unterstützt. Ich habe dann mitgemacht: Von den 15 Tagen, die Greta täglich gestreikt hat, war ich an sieben mit dabei. Und dann habe ich die Facebook-Seite gestartet und jemand anders hat die Webseite aufgesetzt, damit die Idee noch bekannter wird.

Und dadurch hat sich die Bewegung international ausgebreitet?

Greta ist ja selbst sehr gut mit Social Media, vor allem mit Instagram und Twitter, ihre Arbeit hat schon maßgeblich dazu beigetragen, dass „Fridays for Future“ so groß geworden ist. Sie hat mir auch immer wieder gezeigt, was sie dort genau macht. Ich habe mich aber mehr auf Facebook konzentriert. 

Wissen Sie, wie viele Länder sich über fridaysforfuture.org für den großen Streik am 20. September registriert habe?

Ja, aktuell sind es 153. Es kann aber auch jede*r die Liste auf der Seite einsehen, die alle paar Stunden aktualisiert wird.

Und wissen Sie auch, wer die Streiks anmeldet? Schüler*innen, Student*innen, Erwachsene?

Nein. Es interessiert uns nicht, welchen Hintergrund die Teilnehmer*innen haben. Jede*r kann mitmachen.

Manchmal artete das beinahe in Streit aus: „Wir waren die ersten“ – „Nein, wir!“

Können Sie sich trotzdem an eine Registrierung besonders erinnern?

Australien hatte für Freitag, den 30. November 2018 einen Streik angemeldet, sie nannten ihn „School Strike 4 Climate“ und haben damit 15 000 Leute auf die Straße gebracht. Weil das andere mitbekommen haben, fanden zum Beispiel in Italien und Irland Demos unter dem gleichen Label statt. Und plötzlich gab es in manchen Ländern zwei verschiedene Gruppen: „School Strike for Climate“ und „Fridays for Future“. Manchmal artete das beinahe in Streit aus: „Wir waren die ersten“ – „Nein, wir!“ Sie wussten gar nicht, dass sie alle den gleichen Ursprung haben, nämlich Gretas Streik in Stockholm. Aber sowas passiert eben bei Graswurzel-Bewegungen. 

Und Sie kriegen das alles mit. Wie fühlt es sich an, mit so vielen Gruppen aus so vielen verschiedenen Ländern verbunden zu sein?

Wunderschön, wirklich! Ich fühle mich sehr geehrt, dass ich Teil von etwas so Tollem sein darf. Ich hätte nie gedacht, dass ein einzelner Mensch einfach anfängt und daraus wird Magie. Auf der anderen Seite ist es aber auch so, dass sich trotz der Größe der Bewegung politisch immer noch nicht genug getan hat. Der Wandel, den wir dringend brauchen, steht noch aus.

Darum gehen Sie vermutlich auch am Freitag selbst wieder zum Streik?

Natürlich! Ich habe seit einem Jahr keinen einzigen Freitag verpasst.

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