„Was hat sich nach einem Jahr Greta Thunberg bei dir verändert?“

Das haben wir unter anderem Marie Naseman, Lena Meyer-Landrut und Shahak Shapira gefragt.
Protokolle von Lena Mändlen, Tabea Mirbach und Patrick Wehner

Foto: privat, Moritz Künster / ZDF, Tibor Bozi, Magdalena aka Sirius.Film / Universal Music GmbH; RobertHaas Bearbeitung: jetzt

Ein Jahr ist vergangen, seit Greta Thunberg einen Sitzstreik begonnen hat, um für die Rettung des Klimas zu protestieren. Dafür schwänzte sie jeden Freitag die Schule. Aus ihrem Protest wurde eine ganze Bewegung, die mit „Fridays for Future“ in den Medien bekannt wurde. Wir haben mit verschiedenen Menschen aus Deutschland gesprochen, wie sich der Protest im vergangenen Jahr auf ihren Alltag ausgewirkt hat. 

„Ich bin immer noch eine ökologische Zumutung für den Planeten, aber jetzt schäme ich mich ein bisschen mehr dafür“

Foto: Moritz Künster

Shahak Shapira, 31, Satiriker:

Es muss wohl einer der vielen arschverletzten Tweets eines FDP- oder CDU-Politikers gewesen sein, der mich zum „Fridays for Future“-Sympathisanten gemacht hat. Ich kann aber nicht genau sagen, welcher – es gab so viele. „Fridays for Future“-Protestierende sind Ehrenkids. Es ist ihre Zukunft und sie kämpfen dafür.

Meine Zukunft sind Nierensteine, deshalb könnte ich mich auch gut damit abfinden, wenn wir alle in Flammen untergehen, aber ich kann gut nachvollziehen, wenn das für andere keine Option ist.

Genervt bin ich davon, dass Leute vom Umweltbewusstsein anderer genervt sind. Es ist so, als würdest du in einem brennenden Haus sitzen und die Feuerwehr beschimpfen, während sie versucht, den Brand zu löschen. Trag das Wasser mit oder halt die Fresse. Ich bin zwar immer noch eine ökologische Zumutung für den Planeten, aber jetzt schäme ich mich ein bisschen mehr dafür. Dann erzähle ich Leuten, wie schlimm ich bin, und sie loben mich für meine Selbstreflexion. Danke.

„Dies ist der erste Sommer meines Lebens, den ich nicht genieße“

Foto: Tibor Bozi

Emilia Schüle, 26, Schauspielerin: 

Greta Thunberg und die „Fridays for Future“ haben mein Gefühl, dass wir vor einer Klimakatastrophe stehen, bestätigt. Ich hatte in den letzten Jahren schon vom Massenartensterben gelesen und mir war bewusst, dass die Politik seit Jahrzehnten fundierte wissenschaftlichen Meinungen, die die Klimakrise voraussagen, ignoriert.

Dies ist jetzt auch der erste Sommer meines Lebens, den ich nicht genieße. Jeder Tag, an dem die Temperatur über 33 Grad hinaus klettert, jeder Tag, an dem sich nichts Grundlegendes zum Schutz unseres Klimas ändert, konfrontiert mich mit der wachsenden Kluft zwischen meiner Erwartung an eine gute Zukunft und der Realität. Als ich neulich in Ungarn am Filmset stand und es fürs gesamte 90-köpfige Team nur Plastikgeschirr gab, fragte ich mich wieder, ob sich überhaupt jemals irgendetwas ändern würde.

Es ist schwer, von heute auf morgen sein Leben klimabewusster zu leben, denn unsere gesamte Sozialisierung steht im Kontrast dazu. Greta Thunberg hat bei mir erreicht, dass ich endlich irgendwo anfange. Zum Beispiel versuche ich meinen ökologischen Fußabdruck zu verkleinern, indem ich nur noch einmal die Woche Fleisch esse. Eine Einkaufstasche habe ich jetzt auch immer dabei. Ich habe zudem damit begonnen, alle meine Flüge zu „kompensieren“.

„Es wichtig ist, beim Einfordern gewisser Ziele radikaler zu sein“

Foto: Robert Haas

Marie Nasemann, 30,  Schauspielerin und Model

„Greta Thunberg und Fridays for Future haben bei mir nicht unbedingt ausgelöst, mich umweltbewusster zu verhalten, denn mein Bewusstsein war schon vorher da. 2010 habe ich in erster Linie aus ökologischen Gründen aufgehört Fleisch zu essen, um symbolisch meine beruflichen Flugreisen zu kompensieren. Ich bin ein großer Fan von Greta Thunberg, denn wir brauchen dringender denn je Vorbilder, die auf wichtige Themen aufmerksam machen. Fridays for Future hat mir persönlich außerdem gezeigt, dass es sich eben doch lohnt, sich politisch zu engagieren und auf die Straße zu gehen. Es wichtig ist, beim Einfordern gewisser Ziele radikaler zu sein. Nachhaltig zu leben ist kein Trend, sondern auf Dauer die einzige Möglichkeit, den Planeten als Grundlage unseres Seins zu erhalten. Ich hoffe, dass sich diese Einsicht immer mehr verbreitet. 

Schade finde ich, dass bei Menschen, die sich stark für das Klima einsetzen, immer nach Fehlern gesucht wird. Kein Mensch kann alles richtig machen. Wenn man nach Fehlern sucht, findet man auch welche. Anstatt sich also über diese Fehler aufzuregen, sollte man die Energie vielleicht besser in politische Arbeit oder der Arbeit am eigenen ökologischen Fußabdruck stecken. Denn davon profitiert die Umwelt im Zweifel mehr. “

„Der quasi-religiöse Personenkult um Greta Thunberg und Luisa Neubauer ist absurd“

Foto: privat

Lowis, 23, Student Medien und politische Kommunikation:

Das erste Mal habe ich von Greta Thunberg gehört, als deutsche Medien über ihren Sitzstreik berichtet haben. Meinen Alltag hat das aber überhaupt nicht verändert. Ich war vorher schon umweltbewusst. Um ein paar Beispiele zu nennen: Ich benutze seit Jahren keine Plastiktüten mehr, bin das letzte Mal vor zwei Jahren geflogen und spende monatlich an ein afrikanisches Artenschutzprojekt.

Ich habe den Eindruck, dass das allgemeine Umweltbewusstsein dank „Fridays for Future“ stärker geworden ist. Das ist auch eine gute Sache. Aber mich nervt die bevormundende Attitüde der Bewegung. Man sollte Menschen durch Anreize lenken, nicht durch Verbote. Außerdem stört es mich, wie distanzlos und unkritisch die Bewegung um Thunberg und „FFF“ von einem großen Teil der deutschen Medienlandschaft behandelt wird. Der quasi-religiöse Personenkult um Greta Thunberg und Luisa Neubauer ist absurd.

Die Jugendlichen wollen zurecht mit ihren Positionen und Forderungen ernst genommen werden. Dann muss man sie aber auch kritisch hinterfragen dürfen. Und wenn ich mich inhaltlich mit „FFF“ auseinandersetze, fällt meine Bewertung eher negativ aus. Ihre Forderung von 180 Euro CO2-Steuer pro emittierter Tonne würde für eine vierköpfige Familie eine jährliche Zusatzbelastung von ca. 8000 Euro bedeuten. Das ist weltfremd, wer kann sich das bitteschön leisten? Klimapolitik muss sozialverträglich gestaltet werden, sonst wird die Bevölkerung nicht mitziehen. 

„Es ist ein Lernprozess, in dem auch ich mich befinde“

Foto: Magdalena aka Sirius.Film / Universal Music GmbH

Lena Meyer-Landrut, 28, Sängerin: 

Ich kann mich gar nicht daran erinnern, wann genau ich das erste mal davon mitbekommen habe, aber grundsätzlich gab es an „Fridays for Future“ im vergangenen Jahr kein Vorbei. Ich bin unglaublich stolz auf die jungen Generationen der Schüler und Studenten, die Verantwortung übernehmen für unser Klima und unsere Zukunft.

Ich persönlich achte schon seit langem darauf, bewusster durchs Leben zu gehen. Ich finde, dazu gehört auch das Bewusstsein, dass wir eben nur diesen einen Planeten haben und wir nicht einfach so mit unserer Zukunft spielen sollten. Ein solches Bewusstsein schafft man jedoch nicht von heute auf morgen. Es ist ein Lernprozess, in dem auch ich mich befinde. Es ist schön zu sehen, dass immer mehr – gerade sehr junge Leute – Bock haben, sich auch damit zu beschäftigen.

Ich sehe das steigende Umweltbewusstsein nicht als Trend, von dem man eventuell genervt sein könnte. Vielmehr ist es eine Veränderung, die sich nach und nach durch die Gesellschaft zieht. Jede Veränderung kann am Anfang etwas komisch sein. Ich für meinen Teil finde, man sollte mit Offenheit und vorurteilsfrei durch Leben gehen.

„Mir ist mittlerweile klarer denn je, wie wichtig Klimaschutz ist“

Foto: privat

Sara, 22, Studentin Publizistik- und Kommunikationswissenschaft:

Als ich Ende vergangenen Jahres von der „Fridays for Future“-Bewegung mitbekommen habe, hätte ich nicht gedacht, dass das Ganze so groß wird. Ich finde das Durchhaltevermögen der Schüler*innen bewundernswert. Dass die Jugend sich damit so intensiv beschäftigt, ist das Beste, was passieren konnte. Umweltbewusst habe ich zwar schon vor der Bewegung gelebt, jedoch ist mir mittlerweile klarer denn je, wie wichtig Klimaschutz ist. Meine persönlich größte Veränderung des vergangenen Jahres besteht darin, dass ich mich in Gesprächen mit anderen Menschen viel mehr mit dem Thema auseinandersetze. Meinem Empfinden nach ist es in jedem Fall gesellschaftsttauglicher geworden, und genau das ist wichtig.

Die Präsenz der Bewegung nervt mich kein Stück, denn genau dadurch spielt Klimaschutz ja so eine große Rolle. Was mich nervt, ist das „Die wollen doch alle nur Schule schwänzen“-Argument. Klar gibt es manche, die das dafür nutzen, aber deswegen darf man nicht die ganze Bewegung verurteilen. Außerdem hat all die Aufmerksamkeit dazu geführt, dass das Thema Umweltschutz viel präsenter ist, sowohl in der Politik, als auch in unserem Alltag.

„Ich denke viel bewusster über den Einfluss von Flugreisen nach“

Foto: privat

Maren, 26, Studentin Journalismus und Public Relations

Ich habe von „Fridays for Future“ mitbekommen, nachdem von Greta und ihrem Protest in den großen Medien berichtet wurde. Mir wurde dann auch viel auf Facebook und Instagram darüber angezeigt, vor allem von Medien, die diese Themen supporten, wie zum Beispiel Utopia. Man kann schon sagen, dass ich seitdem umweltbewusster lebe, weil die ganze Debatte darüber erst dann so richtig groß wurde.

Ich denke viel bewusster über den Einfluss von Flugreisen nach und wie ich das vermeiden könnte. Zum Beispiel, indem ich keine Kurzstrecken fliege, sondern wie Greta den Zug nehme oder Fahrgemeinschaften bilde. Außerdem versuche ich meinen Plastikkonsum stärker zu reduzieren, wobei ich nicht weiß ob das nur Gretas Verdienst ist. Ich benutze zum Beispiel eine Aluminiumflasche anstatt Pfandflaschen, generell weniger Plastikartikel im Bad und versuche auch immer mehr Alternativen zu finden.

Ich bin echt stolz auf diese Generation von Schülern und Studenten, die ihren Eltern auch mal klarmacht, dass sie zu viel wegschmeißen oder weniger Plastik benutzen sollten. Jetzt sieht man erst so richtig, wie viele sich in unserem Alter für die Umwelt einsetzen.

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