„Es geht uns um einen Systemumbruch“

Die aktuelle Kampagne des Vereins „Letzte Werbung“ setzt sich gegen Plastik-Post ein.
Interview von Franziska Koohestani

Foto: privat
  • Jeden Samstag landen in Deutschland 18 Millionen Prospekte von „Einkauf Aktuell“, einer Werbebroschüre der Deutschen Post, in unseren Briefkästen. Jede dieser Broschüren ist einzeln in Plastik eingeschweißt. Der Berliner Verein „Letzte Werbung“ will das ändern. Seit 2018 verschicken die Aktivist*innen auf Anfrage Sticker mit der Aufschrift „Bitte keine Werbung“, jetzt kann man über ihre Seite die Broschüre gänzlich abbestellen. Mit Erfolg: In der ersten Woche der Aktion gab es bereits mehr als 20 000 Abmeldungen. Katharina Wallmann, 29, ist im Vorstand von „Letzte Werbung“.

jetzt: Wie seid ihr auf die Idee für den Verein „Letzte Werbung“ gekommen?

Katharina Wallmann : Anfang letzten Jahres haben mein Mitgründer und ich beim Verlassen des Wohnhauses festgestellt, dass in jedem Briefkasten-Schlitz Werbung steckte. Als wir ein paar Stunden später zurückgekommen sind, war die Werbung im Mülleimer. Da haben wir uns gedacht: ‚Was für eine Verschwendung!’ und gleich angefangen zu recherchieren: Jeder Haushalt kriegt ungefähr 33 Kilo Werbepost. Und wenn die überall weggeworfen wird, so wie in unserem Haus, wird diese Werbung für nichts produziert. Daraufhin kamen wir auf die Idee, die „Bitte keine Werbung“-Aufkleber zu verschicken. Gerade in Zeiten des Klimawandels müssen wir bei den kleinen Dingen anfangen.

Wie ging es dann weiter?

Die Aufkleber kamen wahnsinnig gut an. Aber trotzdem haben wir uns gedacht: Das kann nicht die Lösung sein. Wenn es offensichtlich ist, dass die meisten Menschen das nicht wollen, muss die Veränderung über den Aufkleber hinausgehen. Unser Ziel ist: Nicht adressierte Werbepost sollen nur noch die empfangen, die sie wirklich haben wollen. Wir wollen erreichen, dass sich so viele Menschen wie möglich für die „Einkauf Aktuell“ von der Deutschen Post abmelden, um damit ein starkes Zeichen für den Umweltschutz zu setzen.

Im Vergleich zu unserem Plastikflaschen und Plastiktüten-Verbrauch: Wie viel bringt es denn im Bezug auf Müllvermeidung tatsächlich, wenn plastikverpackte Werbung reduziert wird?

Es ist vergleichbar mit einer Plastiktüte aus dem Supermarkt. Nur, dass die Plastikhülle von „Einkauf Aktuell“ bisher nie wirklich zahlenmäßig im Plastikverbrauch auftaucht. Dabei kriegt man jede Woche eine Lieferung „Einkauf Aktuell“, das sind 52 Plastiktüten im Jahr. Auch, wenn man sich bemüht, im Supermarkt Obst und Gemüse nicht in Plastik zu wickeln, bekommt man in seinem Briefkasten trotzdem noch jede Woche eine Plastiktüte. Uns geht es dabei aber nicht nur um das Plastik, sondern auch um das Papier, das verschwendet wird. Das sind schätzungsweise zwischen 300 und 800 Gramm in der Woche. Beides ist besonders unnötig, weil es in den meisten Fällen einfach sofort weggeworfen wird.

Wenn ich einen „Bitte keine Werbung“-Aufkleber an meinen Briefkasten hefte: Wo landet dann die Plastik-Werbung, wenn nicht bei mir?

Der Aufkleber ist rechtlich bindend. Die Zusteller müssen sich also daran halten. Wir haben von den Briefzustellern der Deutschen Post erfahren, dass genau abgezählt wird, wie viele sogenannte „Werbeverweigerer“ in einem Bezirk sind. Und es wird auch nur dementsprechend viel produziert. Wenn man die Werbung per Aufkleber verweigert, wird also auch weniger produziert.

Wie funktioniert euer neues Abmelde-System von „Einkauf aktuell“?

Es gibt ein Abmeldeformular auf www.plastikpost.de, da legt man einen Widerspruch ein. Wir leiten diesen Widerspruch an die Deutsche Post weiter. Das haben wir vergangene Woche gestartet und seitdem circa

22 500 Widersprüche eingesammelt. Die Kampagne basiert auf einem Gerichtsurteil von 2011: Da hat ein Lüneburger der Post geschrieben, dass er keine Werbung wie „Einkauf Aktuell“ mehr haben will. Die haben dann zunächst verlangt, er solle einen Aufkleber anbringen. Das wollte er nicht und hat geklagt und gewonnen. Wir wollen verbreiten, dass man sich bei der Post auf diesem Weg abmelden kann.

Also ging das schon lange, es wusste nur niemand?

Ja, fast niemand wusste, dass man diese Abmeldung machen kann. Seit acht Jahren ist das Gerichtsurteil in Vergessenheit geraten. Wir haben zwar noch keine Reaktion von der Post, aber wir gehen davon aus, dass sie sich auch daran hält. Sollte sie das nicht tun, sind wir bereit, gemeinsam mit einer Verbraucherschutz-Kanzlei für den Willen dieser bis jetzt Tausenden Menschen einzustehen. 

Wenn die Aufkleber allein schon gut funktionieren: Warum ist euch das Verfahren mit den Abmelde-Formularen trotzdem so wichtig?

Es geht uns um einen Systemumbruch. Damals wurde kommuniziert: Sollte dieses Lüneburger Urteil durchgehen, ist es für Werbezusteller unfassbar schwierig, dieses Format überhaupt aufrecht zu erhalten. Denn dann müssen sie dokumentieren, wer sich abgemeldet hat und können sich auch nicht mehr auf die Aufkleber verlassen. Das macht die Zustellung natürlich schwieriger. Auf diesen Effekt hoffen wir. Die Aufkleber sind zwar super, aber gegen das System bringen sie nicht genug. Es haben nur 25 Prozent der Haushalte überhaupt einen Aufkleber. Trotzdem wollen 76 Prozent der Bevölkerung keine Werbepost: da ist eine Lücke.

Würden denn durch eine solche Gesetzesänderung Arbeitsplätze  verloren gehen?

„Einkauf Aktuell“ wird gerade von den Briefträgern mit ausgetragen. Da sollten dann auch keine Arbeitsplätze verloren gehen, da sie sowieso ihre Runden machen müssen. Für die Briefträger sind diese Werbebroschüren gerade sogar eine große Belastung. Bei unserer letzten Aktion im November haben sich zum Beispiel 30 Briefträger bei uns gemeldet und gesagt, dass sie unsere Aktion unterstützen.

Was plant ihr für die Zukunft?

Wir wollen vor allem eine Gesetzesänderung bewirken. Das System sollte umgedreht werden: Man sollte einen Aufkleber nur brauchen, wenn man Werbung haben möchte. Das gibt es seit zwei Jahren in der Stadt Amsterdam als Müllvermeidungsmaßnahme und wurde von der Bevölkerung wahnsinnig gut aufgenommen. Der Prozentsatz von Briefkästen, die dort noch Werbung haben möchten, liegt bei 14 Prozent. Das sollte man auch in Deutschland so machen.