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Ein Fahrrad ist langsamer als ein Auto. Wenn wir diesen Planeten retten wollen, brauchen wir also Zeit.

Foto: David Marcu / Unsplash

Angenommen, jemand muss regelmäßig zwischen Paris und Berlin pendeln. Nimmt er das Flugzeug, braucht er knapp zwei Stunden, mit Reisezeit zum und vom Flughafen und etwas Puffer maximal fünf Stunden. Nimmt er den Zug, braucht er allein von Bahnhof zu Bahnhof acht bis neun Stunden. Die Rechnung zeigt, was längst bekannt ist: Wer fliegt, ist schneller. Sie zeigt aber umgekehrt auch: Wer das Klima schützt, ist langsamer – braucht also mehr Zeit.

Die klimafreundlicheren Reise-Alternativen sind meist auch die, mit denen man länger braucht. Zug statt Flugzeug, Rad statt Auto, den Akku des Elektrorollers aufladen statt fix tanken. Aber auch ansonsten kostet der Klimaschutz Zeit.

Nicht immer ist das so offensichtlich wie beim Verkehr. Aber der Alltag vieler Menschen ist so sehr auf Effizienz und Zeitersparnis ausgelegt, dass für Nachhaltigkeit, die oft im Detail beginnt, kaum Raum ist. Nach Feierabend schlüpft der gehetzte Arbeitnehmer schnell in den Supermarkt, der auf dem Heimweg liegt, anstatt zum Wochenmarkt im Nachbarviertel zu gehen, auf dem er regionale Produkte kaufen kann. Er bestellt eine neue, billige Hose im Internet, anstatt die alte zu nähen oder zum Schneider zu bringen. Nach dem Umzug übernimmt er einfach den günstigen Stromtarif des Vormieters, anstatt gründlich zu recherchieren und den nachhaltigsten auszuwählen. In der größten Sommer-Mittagshitze drehen seine Kollegen im Büro die Klimaanlage voll auf, damit sie alle durchpowern können, anstatt eine Pause zu machen, bis die Temperaturen wieder erträglicher sind. Dadurch läppert sich die Zeitersparnis – es läppern sich aber auch die Emissionen, für die jeder einzelne verantwortlich ist.

Die Terminlast muss so verteilt sein, dass man von Paris nach Berlin den Zug nehmen kann

Diese vielen kleinen und auch die größeren Zeiteinheiten sollten nicht mehr gespart, sondern genutzt werden – sie müssen aber auch erstmal von denen freigegeben werden, die so viel davon beanspruchen: den Arbeitgebern. Auch die sind in der Pflicht, für das Überleben dieses Planeten zu sorgen – umso mehr, da sich bei der Klimakonferenz in Kattowitz gerade wieder zeigt, wie schwer sich die internationale Staatengemeinschaft tut, sich auf überprüfbare Spielregeln zu einigen. Mittlerweile liegt zwar ein Entwurf für ein abschließendes Dokument vor, doch bei den wesentlichen Punkten steckt die Klimakonferenz fest.

Die Terminlast im Arbeitsleben muss so verteilt sein, dass man von Paris nach Berlin den Zug nehmen kann. Mehr Zeit für Nachhaltigkeit kann aber auch durch mehr Flexibilität und freie Zeiteinteilung im Job gewährleistet werden. Homeoffice und ein Ende des Nine-to-Five-Gerüsts bieten eben auch die Möglichkeit, zum Markt oder zum Schneider zu gehen. Wer es weniger banal und kleinteilig möchte: Wem der Chef erlaubt, daheim am Schreibtisch seine E-Mails zu schreiben, der muss dafür nicht ins Büro pendeln, spart also Treibstoff und Emission. Und schon mal hat eine Notlage die Zahl von Videokonferenzen steigen lassen, nämlich die Finanzkrise 2009, als Unternehmen Geld sparen mussten. Flugreisen zugunsten von digitalen Konferenzen einzusparen, das sollte doch auch in der Klimakrise möglich sein.

All diese Forderungen sind nicht neu. Bisher werden sie allerdings eher gestellt, wenn es um eine gute Work-Life-Balance oder die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht. Dabei gelten sie genauso für den Klimaschutz. Eine Wirtschaft, die weniger stark vom Leistungsgedanken, von Tempo und Profitinteresse getrieben ist und die Arbeitnehmern mehr Freiheiten lässt, ist nicht nur gut fürs Gemüt. Sie ist auch gut fürs Klima und damit für die Zukunft.

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