Geht Digitalisierung auch grün?

Bewegungen wie Fridays for Future brauchen das Internet, um sich zu vernetzen. Gleichzeitig schadet es der Umwelt. Ein schwieriger Konflikt.
Von Janne Knödler

Illustration: Federico Delfrati

Braucht die Umwelt das Internet? Linus Steinmetz sagt ja. Er ist Teil des Presseteams von Fridays for Future. „Ohne das Netz wäre unsere Bewegung nicht möglich“, sagt er. „Jedenfalls nicht so effizient, nicht so international, nicht so umweltfreundlich.“ Statt mit dem Zug oder dem Flieger durch die Republik zu jetten, besprechen sich die Aktivist*innen in Whatsapp-Gruppen und Telefonkonferenzen. Öffentlichkeitsarbeit läuft vor allem über Instagram, denn dort ist die Zielgruppe der Bewegung unterwegs. Und um Journalist*innen und Politiker*innen zu erreichen, gibt es Twitter. Im digitalen Raum aufgewachsen, zeigen die Aktivist*innen von Fridays for Future, wie Technologie eingesetzt werden kann, um den Umweltschutz voranzutreiben.

Digitalisierung und Umweltschutz, ein perfektes Team also? Ganz so einfach ist es nicht. Denn auch wenn digitale Daten für uns unsichtbar von einem Gerät ins andere fließen, hinterlassen sie Spuren. 

Der digitale Datenverkehr verbraucht extrem viel Energie. 2020 werden es in Deutschland, so die Prognose des Fraunhofer Instituts, knapp 45 000 Gigawattstunden sein. Zum Vergleich: Das sind fast 12 Prozent des Verbrauchs aller deutschen Haushalte von 2017. Einen großen Teil verbrauchen die Server, die die Daten bereitstellen. Die stehen in gigantischen Rechenzentren, sogenannten Serverfarmen, und müssen betrieben und gekühlt werden. Der Stromverbrauch dort steigt, denn: „Die Datennutzung ist in den letzten Jahren explodiert, und das wird sie auch weiterhin“, sagt Siegfried Behrendt. Der Forschungsleiter für Technologie und Innovation beim Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung, kurz IZT, hat gleich mehrere Beispiele parat: Schulen und Universitäten sollen digitalisiert werden, die Internetqualität im Zug soll endlich fürs Streamen von Serien reichen. Unsere Daten speichern wir immer öfter in der Cloud und bald sollen selbstfahrende Autos die Straßen erobern. „Beim jetzigen Entwicklungsstand würde so ein Gefährt etwa 4000 Gigabyte Daten pro Tag verbrauchen“, sagt Behrendt.

Noch so ein Beispiel: Musik. Eigentlich toll, dass CDs und Vinyl nicht mehr hergestellt, verpackt, transportiert und irgendwann entsorgt werden müssen – Streaming sei Dank. Eine Studie der Universitäten Glasgow und Oslo zeigte vergangenes Jahr aber, dass der CO2-Ausstoß der Musikindustrie trotz allem 2019 einen historischen Höchststand erreicht hat. Einen noch größeren Fußabdruck haben Netflix, Youtube und Co.: Video-Traffic wird laut Prognose des IT-Unternehmens Cisco 2022 für fast 82 Prozent des weltweiten Internet-Datenverkehrs verantwortlich sein.  

Grüne Energie scheint im Silicon Valley im Trend zu liegen

Energie ist natürlich nicht gleich Energie. Windkraftwerke beispielsweise spielen umwelttechnisch in einer ganz anderen Liga als Kohlekraftwerke. Viele der Serverfarmen werden mit fossilen Brennstoffen betrieben und oft ist es kompliziert, herauszufinden, wo der Strom für welche Webseite herkommt. Um mehr Transparenz zu schaffen, hat Greenpeace untersucht, wie umweltfreundlich welcher Internetkonzerne ist. Dabei wurden die Energieversorgung der Rechenzentren von Unternehmen wie Facebook, Microsoft und Amazon Web Services untersucht. Das Ergebnis: Die Unterschiede sind riesig. „Manche Unternehmen haben auf öffentlichen Druck hin schon früh entschieden, Nachhaltigkeit für ihr Markenimage zu nutzen“, sagt Manfred Santen, der an der Studie mitgearbeitet hat. Apple hat beispielsweise schon 2013 versprochen, künftig nur noch Strom aus erneuerbaren Energien zu nutzen und betreibt Lobbyarbeit für deren Ausbau. Und landet so auf dem „Clean Energy Index“ ganz oben, direkt vor Facebook und Google. Auch diese beiden Unternehmen arbeiten laut eigener Aussage daran, vollständig auf erneuerbare Energie umzusteigen. Grüne Energie scheint im Silicon Valley im Trend zu liegen.

Ganz klappt das noch nicht, für keines der drei Unternehmen. In einigen Ländern lässt sich nicht beeinflussen, welche Art von Strom durch die Leitung fließt. Um das auszugleichen, kauft Apple Zertifikate, zahlt also Geld an Unternehmen, die erneuerbare Energien produzieren, ohne deren Strom zu nutzen, erklärt Santen. „So kauft sich ein Konzern aus der Verantwortung.“ Aus seiner Sicht reichen die Bemühungen von Apple noch nicht aus. Trotzdem liegt das Unternehmen auf dem Index weit vor beispielsweise Amazon Web Services, das bei der Transparenz schlecht abschneidet, oder Samsung SDS, einem Tochterunternehmen von Samsung, das vor allem auf Atom- und Kohlestrom setzt.

Die Rechenzentren selbst sind aber nur ein Teil des Energieverbrauchs digitaler Konzerne. Dazu kommt die Produktion der Hardware, die den digitalen Konsum erst möglich macht. Da sind die Rechenzentren mit ihren Generatoren, Leitungen und Kühlsystemen, aber auch die Geräte, mit denen wir Daten nutzen: unsere Laptops und Smartphones. Und die sind nicht unbedingt für die Ewigkeit gebaut. „Viele Geräte gehen viel zu oft viel zu schnell kaputt“, sagt Santen. „Für die Umwelt ist das fatal, weil die Herstellung von Elektrogeräten viel Energie kostet und viele Rohstoffe, wie Brom oder Lithium, in umweltschädlichen Verfahren gewonnen werden.“ Und die Konsumenten tragen ihren Teil bei, indem sie immer wieder neue Modelle kaufen. 

„Sharing kann im schlechtesten Fall einfach zu schnelleren Konsumkreisläufen führen“

Doch genau hier kann das Internet auch zum Klimahelfer werden. Denn inzwischen gibt es zahlreiche Plattformen, auf denen man gebrauchte, teils aufbereitete Geräte kaufen oder weiter verkaufen kann. Im Idealfall wird ein iPhone dadurch nicht nur bis zum nächsten Upgrade genutzt. Eine kleine Revolution habe hier schon stattgefunden, sagt Siegfried Behrendt vom ITZ. „Heute ist es vollkommen normal, ein Handy über Online-Kleinanzeigen zu kaufen. Früher wäre es wohl in der Schublade verschimmelt.“ Aber auch das mit den Sharing-Plattformen ist nicht so einfach. Denn wer seine alten Sachen verkauft, hat Platz und Geld für neue Dinge. „Sharing kann im schlechtesten Fall einfach zu schnelleren Konsumkreisläufen führen“, sagt Behrendt. „Muss es aber nicht.“ 

Überall Potential also, aber auch überall Fallen. Linus von Fridays for Future findet sowieso, dass es gar nicht die Aufgabe des*der Einzelnen sei, an jeder Ecke zu überlegen, wie man noch klimafreundlicher leben könne. „Unsere Message ist, dass das System, so wie es jetzt ist, es unmöglich macht, klimaneutral zu leben.“ Deswegen wende sich Fridays for Future vor allem an Regierungen, die das ändern sollen, mit einer konsequenten CO2-Bepreisung beispielsweise. „Das würde eine grüne, und damit zukunftsfähige Digitalisierung vorantreiben“, sagt er. „Wenn eine Tonne CO2 180 Euro kostet, haben CO2-neutrale Unternehmen einen klaren Marktvorteil.“

Am Ende ist der digitale CO2-Abdruck von Bewegungen wie Fridays for Future nur ein kleiner Teil der digitalen Emissionen – und wird, sagt Linus, von den Chancen der digitalen Technologien in den Schatten gestellt. „Wir leben in einer Welt, in der wir ohne digitale Technologien kaum sichtbar wären“, sagt er. „Mit ihnen können wir aber den Klimaschutz weltweit vorantreiben.“

Rechenzentren, die Unmengen von Strom verbrauchen, deren Betreiber aber den Ausbau der erneuerbaren Energien vorantreiben können; Technologien, die selbstfahrende Autos ermöglichen, aber auch den öffentlichen Nahverkehr verbessern können; Posts, die sich über umweltbelastende Hardware verbreiten, aber Menschen zum Klimaschutz motivieren: Die Digitalisierung ist Klimafreund und -feind zugleich. „Das Potential ist da“, sagt Behrendt, „jetzt müssen wir es nutzen.“

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