„Die Menschheit muss jetzt aufwachen“

Wir haben Stimmen vom Klimastreik aus dem Herzen der EU gesammelt.
Protokolle von Nadja Schlüter, Brüssel

Foto: Nadja Schlüter; Bearbeitung: jetzt

Während die Bundesregierung sich am Freitagnachmittag auf ein Klimapaket einigen konnte, waren am Freitag in mehr als 150 Ländern auf der ganzen Welt Menschen auf der Straße, um für mehr Klimaschutz und gegen eine unzureichende Klimapolitik zu protestieren. 15 000 von ihnen liefen durch Brüssel, schwenkten Banner und Fahnen, machten Musik und skandierten bei bestem Wetter „On est plus chaud que le climat“ („Wir sind heißer als das Klima“) oder „What do we want? Climate justice! When do we want it – now!“  Organisiert wurde der Protestmarsch von „Fridays for Future“. Der Weltklimastreik ist der Auftakt einer Protestwoche, in der verschiedene Demonstrationen und Aktionen geplant sind. Wir haben in Brüssel mit Demonstrant*innen gesprochen.

„Die Menschheit muss jetzt einfach aufwachen“

Foto: Nadja Schlüter

Alice, 30, aus Brüssel, Stadtplanerin:

„Wir als Bürger können Druck auf die Politiker ausüben, indem wir zeigen, dass wir uns engagieren und dass wir bereit sind, etwas zu verändern – und Veränderungen zu akzeptieren. Als Konsumenten können wir auf die Firmen Druck ausüben, deren Produkte wir kaufen. Die Menschheit muss jetzt aufwachen. Jetzt oder nie. Ich arbeite als Selbstständige, deswegen kann ich natürlich nicht im eigentlichen Sinne streiken – aber wenn meine Kunden heute anrufen, dann sagt die Mailbox ihnen, dass ich wegen des Streiks nicht erreichbar bin. Mein Schwerpunkt in der Stadtplanung ist öffentlicher Nahverkehr. Das ist ein wichtiger Bereich, denn trotz des technischen Fortschritts steigen die Emissionen immer noch.“

 

„Zusammen auf die Straße zu gehen, ist für mich ein Akt der Solidarität“

Foto: Nadja Schlüter

Anna Micaela, 23, und Marcel, 21, Studierende aus Gent und Vilvoorde:

Marcel: „Ich war bei allen Schülerstreiks, die bis zu den Ferien jeden Donnerstag stattgefunden haben. Deswegen ist der Protest heute für mich wie eine Heimkehr nach einem langen Sommer. Ich mache mit, weil ich mir große Sorgen um unsere Zukunft mache. Ich denke, wenn wir jetzt nichts tun, werden wir in der Zukunft große Probleme haben. Um den Kampf zu gewinnen, müssen wir auch den Kapitalismus überwinden, denn so wie wir jetzt wirtschaften, funktioniert es einfach nicht, so können wir das Klima und den Planeten nicht retten.“

Anna Micaela: „Die Umwelt ist ein sehr wichtiges und globales Thema und wir müssen jetzt handeln. Zusammen auf die Straße zu gehen ist für mich ein Akt der Solidarität. Hier kann ich andere Menschen treffen und mit ihnen in Kontakt kommen. Alles, was man persönlich fürs Klima tun kann – sich vegan ernähren, öffentliche Verkehrsmittel nutzen und so weiter – fühlt sich manchmal nach sehr kleinen Schritten an, darum tut es gut und macht Mut, eine große Gruppe zu sehen, der das Thema ebenfalls wichtig ist. Aber handeln müssen letztlich auch die Politik, die Industrie, die Banken. Und ich bin heute hier, um das von ihnen zu fordern.“

„Wir brauchen mehr Fahrradwege und ein besseres Müll-Management“

Foto: Nadja Schlüter

Barbara, 22, Studentin aus Brüssel:

„Ich habe das Gefühl, dass diesmal weniger Menschen da sind. Vielleicht, weil die Schule hier gerade erst wieder angefangen hat. Aber ich hoffe, dass rund um die Welt viele auf die Straße gehen. Meine Schwester zum Beispiel hat einen Streik in den Niederlanden organisiert, der gerade stattfindet und ich weiß, dass in vielen weiteren Städte ebenfalls gestreikt wird. Ich studiere tropische Ökologie und da bekomme ich natürlich mit, was für einen großen Einfluss CO2-Emissionen auf das Klima und die Wälder haben. Es wäre gut, wenn die Öffentlichkeit auch mehr darüber wüsste. Hier in Brüssel muss sich auch einiges ändern: Wir brauchen mehr Fahrradwege und ein besseres Müll-Management. Das sind grundlegende Sachen, die eigentlich schon vor 20 Jahren hätten passieren sollen.“

„Wir haben die Last des Klimawandels auf den Schultern der nächsten Generation abgeladen“

Foto: Nadja Schlüter

Hendrik, 60, aus Damme, arbeitet für die Stadtverwaltung:

„Ich bin für meine dreijährige Enkelin hier, die selbst nicht streiken kann, weil sie noch zu klein ist. Wir haben die Last des Klimawandels auf den Schultern der nächsten Generation abgeladen, sie muss den Preis für das zahlen, was wir falsch gemacht haben. Das ist unfair. Darum zeige ich mich solidarisch mit der jungen Generation. Ich finde, unsere Generation muss selbst versuchen, das Chaos aufzuhalten, das wir angerichtet haben, und damit müssen wir jetzt anfangen.“

„Ich bin hier, um Gesicht zu zeigen“

Foto: Nadja Schülter

Jade, 19, und Fallou, 19, Studierende aus der Nähe von Brüssel

Fallou: „Wenn etwas falsch läuft, ist es wichtig, dass eine große Gruppe von Menschen das auch äußert und sagt, was man an dieser Situation ändern kann. Und aktuell ist es eben vor allem das Klima, bei dem es viele Probleme gibt. Darum bin ich heute hier.“

Jade: „Ich bin auch hier, um Gesicht zu zeigen. Ich habe tatsächlich darüber nachgedacht, daheim zu bleiben, und eine Serie zu schauen – aber das Thema ist einfach zu wichtig.“

„Wir wollen, dass das Klima eines der wichtigsten Themen wird“

Foto: Nadja Schlüter

Zoë, 21, Studentin aus Gent:

„Das ist schon mein dritter Streik, weil ich will, dass die Politik endlich handelt. Im Mai haben wir hier in Belgien gewählt, aber die Regierungsbildung ist immer noch nicht abgeschlossen. Wir wollen, dass das Klima in der neuen Regierung eines der wichtigsten Themen wird. Bei den Verhandlungen bisher ist das noch nicht der Fall.“

„Es ist meine Pflicht, hier zu sein und meine Stimme zu erheben“

Foto: Nadja Schlüter

Ali, 27, und Ann, 49, aus Mechelen. Die beiden kennen sich von der ehrenamtlichen Arbeit in der Flüchtlingshilfe:

Ali: Im Irak, wo ich herkomme, ist es im Moment mehr als 50 Grad heiß, das hat es vorher noch nicht gegeben. Es ist viel zu heiß. Und dieses Jahr haben wir die Hitze auf einmal auch hier in Belgien gespürt. Man hat deutlich gemerkt, dass sich das Klima verändert. Vergangenes Jahr waren wir schon mal beim Streik, jetzt sind wir wieder hier, um die Forderungen an die Politik weiter zu unterstützen. 

Ann: Ich engagiere mich für die Umweltbewegung, seit ich 20 bin, also schon sehr lange. Und seitdem hat sich nichts verändert – oder sogar eher zum Schlechten. Es ist meine Pflicht, hier zu sein und meine Stimme zu erheben. Ich möchte auch meine Freunde unterstützen, die nicht streiken können.

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