Was tun deutsche Unis, um nachhaltiger zu werden?

Diese Frage stellte sich zuletzt, als eine Londoner Universität Rindfleisch vom Campus verbannte.
Von Markus Kollberg

Fotos: Photocase, unsplash Bearbeitung: jetzt

Wer bisher nach einer Vorlesung der Londoner Goldsmiths Universität regelmäßig einen saftigen Rinderburger in der Mensa verspeiste, wird nach diesen Semesterferien enttäuscht sein. Denn mit dem Beginn des neuen akademischen Jahres werden auf dem Campus der Universität keine rindfleischhaltigen Produkte mehr verkauft. Entschieden hat das die Rektorin der Universität, Professorin Frances Corner. Das Rindfleischverbot sei Teil des Vorhabens, die Goldsmiths Universität bis 2025 klimaneutral, das bedeutet emissionsfrei, zu machen, teilte die Universität mit. Weitere geplante Maßnahmen zum Umwelt- und Klimaschutz beinhalten die Erhöhung der Preise für Einwegplastikbecher, die Installation von Solarpanelen auf den Dächern der Universität, die Einrichtung von Wasserspendern, den Verzicht auf den Unkrautvernichter Glyphosat sowie die Pflanzung von Bäumen auf dem Campusgelände.

Das Medienecho, das Corner mit dieser Entscheidung auslöste, war groß. Britische Boulevardmedien sprachen von einem „Burger-Bann“. In Talkshows und im Internet wurde teils heftig diskutiert, inwiefern eine solche Maßnahme angebracht sei. Vielfach wurden dabei Vorwürfe laut, es handele sich bei dem Verkaufsverbot für Rindfleischprodukte um eine reine PR-Maßnahme.

Frances Corner, Rektorin der Londoner Goldsmiths Universität, die den sogenannten „Burger-Bann“ durchsetzen möchte

Foto: Ben Queenborough

Diesen Vorwurf streitet Rektorin Corner jedoch ausdrücklich ab: „Die Ausrufung des Klimanotstands darf eben nicht nur leere Worte beinhalten“, sagt sie. Weiterhin reagiere man mit dem Maßnahmenpaket auf die gestiegene gesellschaftliche Erwartungshaltung zum Klimaschutz. Dass die neugewählte Rektorin sich mit dem Rindfleischverbot nicht nur Freunde machen würde, muss ihr klar gewesen sein. Aber bereits in der Vergangenheit, als sie noch eine Modehochschule in London leitete, suchte sie immer wieder mit Nachhaltigkeitsthemen die Öffentlichkeit. So schrieb sie mehrere Bücher, in denen sie sich kritisch zu Themen wie Fast Fashion und dem Verhältnis von Mode und Gleichberechtigung äußerte. 

Im Gegensatz zur britischen Öffentlichkeit, reagieren die betroffenen Studierenden auf den „Burger-Bann“ meist unaufgeregt. Joe Leam, Präsident der Studentengewerkschaft an der Goldsmiths Universität, sagt: „Wir wissen, dass noch viel Arbeit vor uns liegt, dennoch ist das ein fantastischer Start!“ Kritikern entgegnet er, dass niemand Angst vor der Exmatrikulation haben müsse, nur weil er mit einem Rindfleischburger in der Hand den Campus betritt. Allerding würden Schätzungen zufolge allein an der Goldsmiths Universität derzeit jährlich 3,7 Millionen Kilogramm Kohlendioxid ausgestoßen. „Das College hat einen riesigen CO2-Abdruck“, bemängelt Joe. Deshalb wäre ihm wichtig, dass die Studierenden in Zukunft darauf achten, dass die angekündigten Klimaschutzziele der Hochschule auch eingehalten werden und keine reine PR-Maßnahme bleiben.

In Berlin und Nürnberg gibt es bereits vegane Mensen

Tatsächlich wird sich das Rindfleisch-Verbot beim Speisenangebot in der Mensa nicht dramatisch niederschlagen. Laut einer Speisekarte der Goldsmiths Mensa aus dem vergangenen Jahr, die sich im Internet abrufen lässt, wurden an der Universität bislang rund zweimal pro Woche Rindfleischgerichte angeboten.

Tatsächlich ist die Goldsmith Universität aber nicht die erste britische Hochschule, an der es kein Rindfleisch mehr gibt. Auch einige Colleges in Oxford und Cambridge verzichten schon seit Jahren auf die CO2-intensive Zutat – in der Produktion eines Kilogramms Fleisch werden immerhin 15,4 Kilogramm CO2-Äquivalente ausgestoßen. Der Verzicht auf Rindfleisch ist damit die Ernährungsumstellung, mit der sich am meisten Kohlendioxid einsparen lässt. Obwohl die Zahl derjenigen, die sich vegan oder vegetarisch ernähren, auch im Vereinigten Königreich steigt, bieten viele Mensen nach wie vor überwiegend klassisch britische Küche, das heißt fett- und fleischreiche Speisen, an.

An vielen deutschen Universitäten ist man derweil schon einen Schritt weiter: In Berlin und Nürnberg gibt es bereits vegane Mensen, an den Universitäten in Konstanz, Augsburg sowie Hildesheim ein so genanntes „Green Office“ für Nachhaltigkeitsfragen. Proteste hat diese Entwicklung kaum hervorgerufen. Im Gegenteil, insbesondere kleinere Hochschulen versuchen mit einem besonders nachhaltigen und klimafreundlichen Konzept, überregional auf sich aufmerksam zu machen. Die Universität Lüneburg rühmt sich sogar damit, fast komplett klimaneutral zu arbeiten. Dafür würden Emissionen, die durch Dienstreisen, Dienstfahrzeuge, Strom- und Wärmeverbrauch sowie Abfall entstehen, entweder komplett vermieden oder kompensiert.

In Lüneburg müssen alle Erstsemester Kurse zum Thema Nachhaltigkeit belegen

„Ungefähr jede vierte deutsche Hochschule engagiert sich mittlerweile im Klima- und Umweltschutz – Tendenz steigend“, schätzt Dr. Remmer Sassen, der an der Universität Hamburg zur Nachhaltigkeitsberichterstattung an Hochschulen forscht. „Die Spannbreite ist dabei allerdings sehr groß“, sagt Sassen, der auch im universitären Nachhaltigkeitsverbund „hoch N“ mitarbeitet.

Während an einer kleinen Gruppe von deutschen Universitäten Nachhaltigkeit und Umweltschutz mittlerweile zum Markenkern gehörten, beginnen andere ihr Engagement erst langsam. Häufig würden die Universitäten dabei vom Engagement einiger Studierender angetrieben, sagt Sassen. Am einfachsten seien dabei Einsparungen im Betrieb, das heißt bei Gebäuden, Dienstreisen und Stromverbrauch, zu erreichen. „Wirklich interessant wird es, wenn Universitäten den Nachhaltigkeitsgedanken in ihr Kerngeschäft aus Forschung und Lehre integrieren.“ Wenn Universitäten vermehrt zu Nachhaltigkeit forschten und Studiengänge anböten, in denen Umwelt- und Klimaschutz eine zentrale Rolle spielen, trügen die dort ausgebildeten Führungskräfte das Thema auch nach Abschluss ihrer Ausbildung in die Gesellschaft, so Sassens Argumentation.

Tatsächlich boomen Nachhaltigkeitsstudiengänge: Schätzungen zufolge gibt es mittlerweile deutschlandweit über 150 Bachelor- und Masterprogramme, die sich explizit mit Nachhaltigkeit beschäftigen. In Lüneburg ist man sogar noch einen Schritt weiter gegangen: 2010 gründete man dort eine eigene Fakultät für Nachhaltigkeit, mittlerweile müssen alle Erstsemester Kurse zu diesem Thema belegen. Im brandenburgischen Eberswalde gibt es sogar eine gesamte Hochschule für Nachhaltigkeit.

Eine der Studierenden, die von deutschen Universitäten aktiv mehr Engagement für Klimaschutz und Nachhaltigkeit einfordern, ist Rebecca Geyer. Rebecca hat vor kurzem ihren Bachelorabschluss in Geografie an der Humboldt Universität Berlin gemacht und engagiert sich nebenbei im studentischen Nachhaltigkeitsbüro der Universität, sie ist Vorstandsmitglied im „Netzwerk n“, einem Verbund studentischer Klimaschutzinitiativen. Gemeinsam mit ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern entwickelt sie Fortbildungen und Schulungen für Studierende, die den Nachhaltigkeitsgedanken an ihren Universitäten stärken wollen.

Rebecca engagiert sich für die Nachhaltigkeit von Universitäten.

Foto: privat

Auch Rebecca glaubt, dass das Thema an deutschen Hochschulen immer relevanter wird. Dabei würden auch die „Fridays for Future“-Demonstrationen und deren Ableger „Scientists for Future“ und „Studis for Future“ helfen. Innerhalb kurzer Zeit seien so in ganz Deutschland Regionalgruppen entstanden, die an ihren Universitäten etwas verändern wollten. Dabei hofft Rebecca auf eine Art Schneeballeffekt. „Wir beobachten vermehrt, dass das Engagement einer Universität dazu führt, dass benachbarte Hochschulen ihre Bemühungen ebenfalls verstärken“, sagt Rebecca. Trotzdem gäbe es insgesamt noch sehr viel Luft nach oben, bemängelt sie.

Ob die Hochschulen ihren aktuellen Versprechungen also tatsächlich auch Taten folgen lassen, wird die Zukunft zeigen. Spätestens, wenn in einigen Jahren die schulstreikenden Klimaschützer der „Fridays for Future“-Bewegung an die Universitäten strömen, werden Professoren und Wissenschaftler das Thema aber auf die Agenda setzen müssen – ansonsten könnten sie nämlich freitags allein im Hörsaal stehen.

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