Wie Fridays for Future den globalen Klimastreik ins Internet verlegt

Eigentlich würden heute Hunderttausende in ganz Deutschland fürs Klima auf die Straße gehen. Doch auch online beteiligen sich Zehntausende Menschen.
Von Sophie Aschenbrenner
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Foto: Kay Nietfeld / dpa

Eigentlich würde Carla Reemtsma gerade auf der Straße stehen und für das Klima demonstrieren – jetzt sitzt sie auf ihrem Balkon in Münster, trinkt einen Kaffee und wartet darauf, dass die technischen Probleme des geplante Live-Streams von „Fridays for Future“ behoben werden. Die Studentin, 1998 geboren, ist eine der Gründerinnen der deutschen FFF-Bewegung. Und jetzt Teil des Online-Protests, den die Aktivist*innen organisieren.

Am 24. April, das war mal der Plan, sollte eigentlich ein globaler Klimastreik stattfinden, wie es schon einige gab, den letzten im September vergangenen Jahres – mit mehr als zwei Millionen Teilnehmer*innen. Doch wegen der Corona-Pandemie können die Aktivist*innen schon seit Wochen nicht mehr wie gewohnt protestieren. Auch nicht an diesem Freitag. Die Demo wollen sie sich dennoch nicht nehmen lassen. Und versuchen deshalb, im Internet so laut wie möglich zu werden. Schon seit Wochen verlegen sie ihren Protest ins Internet, konferieren über Videoschalten, teilen Bilder in den sozialen Medien, statt Freitags auf die Straße zu gehen. An diesem Freitag soll alles im größten Onlineprotest der Geschichte münden.

Das kündigte auch die deutsche Aktivistin Luisa Neubauer auf Twitter an. Man werde zeigen, „wie groß der gesellschaftliche Rückhalt hinter gerechtem Klimaschutz ist“. 2020 müsse das Jahr werden, „in dem wir zwei Krisen gleichzeitig bewältigen“.

Unter den Hashtags #FightEveryCrisis und #NetzstreikfürsKlima posten Aktivist*innen auf Twitter und Instagram Bilder von den Plakaten, mit denen sie normalerweise auf der Straße unterwegs wären. Freitagmittag trenden die Hashtags auf Twitter, Zehntausende teilen Beiträge zum Thema.

Auch Greta Thunberg äußert sich auf Twitter – und betont, in der aktuellen Lage müsse man sich anpassen und Gewohnheiten ändern.

Außerdem gibt es einen Livestream, der nach einigen technischen Problemen auch wacklig startet. Schon mehr als 19 000 Zuschauer*innen haben sich in der ersten halben Stunde zugeschaltet, laut FFF „die größte Online-Demo aller Zeiten“. Live senden sie vom Bundestag in Berlin, wo Tausende Schilder verschiedener Ortgruppen niedergelegt wurden, die ein Umdenken in der Klimapolitik fordern. Nur 20 Menschen dürfen die Aktion vor Ort aktiv begleiten. „Allein, was wir jetzt schon geschafft haben, ist der Wahnsinn“, sagt eine Aktivistin in die Kamera. Es gehe jetzt darum, das Beste aus der Situation zu machen. Ortsgruppen aus der ganzen Welt sollen auf diesem Weg im Stream gezeigt werden. Denn FFF ist eine globale Bewegung, das war auch schon so, als Protest noch auf den Straßen möglich war.

Jule steht am Freitag als eine von fünf Ordner*innen der FFF-Ortsgruppe in Tübingen und ist Teil der abgespeckten Demonstration in der Stadt. „Das ist natürlich sehr ungewohnt, nicht richtig demonstrieren zu können, aber es gibt auch Vorteile“, sagt sie am Telefon. „Wir haben einen ruhigen Streik, die Schilder sind hier ausgestellt und die Menschen können sich in Ruhe anschauen, was auf den Plakaten steht.“ Jule findet: Hauptsache irgendwie präsent sein: „Die vergangenen Wochen war das Thema Klimaschutz in der Debatte etwas eingeschlafen, aber wir haben weiter aktiv viel gearbeitet, auch, wenn das für die Öffentlichkeit nicht immer so sichtbar war.“ Natürlich habe eine große Demo eine ganz andere Energie als ein Online-Protest oder eine kleine Ansammlung. Aber das sei besser als nichts, sagt Jule. „Wir wissen, wofür wir das hier tun und dann lohnt es sich auch.“

Die Aktivist*innen fordern unter anderem auch, dass systemrelevante Berufe fair bezahlt werden

Carla Reemtsma war am Freitagmorgen um sieben Uhr schon in Münster unterwegs und hat Plakate verteilt. „Es ist natürlich skurill, dass wir jetzt gerade nicht das machen können, was wir am besten machen können, nämlich auf der Straße Präsenz zeigen“, sagt sie am Telefon. Doch auch online könne man schlagkräftig sein. Wichtig sei es vor allem, auch während der Corona-Pandemie weiterhin darauf aufmerksam zu machen, dass die Klimakrise akut sei. „Wir brauchen jetzt auch eine Zivilgesellschaft, die deutlich macht, dass wir wollen, dass die Hilfen für die Wirtschaft nachhaltig gedacht werden.“ Die Aktivist*innen fordern unter anderem auch, dass systemrelevante Berufe fair bezahlt werden, dass Geld nachhaltig investiert wird, dass „keine Abwrackprämie 2.0 kommt“, wie Carla es formuliert. Der Kampf gegen die Corona-Krise hat das Thema Klimaschutz zuletzt in der Debatte in den Schatten gestellt. Jetzt, hofft Carla, haben Politiker*innen langsam wieder Zeit, sich auch mit dem Thema Klimaschutz zu beschäftigen.

Natürlich sei es schwieriger, während der Corona-Pandemie weiterhin laut zu sein, sagt Carla Reemtsma. „Aber wir haben es schnell geschafft, alternative Protestformen zu organisieren. Wir passen uns an, und: Da ist noch viel Raum.“ Ein Gemeinschaftsgefühl sei auf einer realen Demo natürlich leichter zu erreichen als online. Dass die Corona-Pandemie die FFF-Bewegung schwächen könnte, glaube Carla aber nicht. Dafür sei das Thema zu wichtig.

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